Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3229005--67893-3280135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
die drei ersten Sätze des Schemagebetes die Konfirmandinnen auf die Pflichten, die sie als Menschen und vor allem als Juden haben, hinzuweisen. Dann setzte der Chor mit dem Liede „Der Herr hat unser gedacht" ein, worauf die Mädchen einzeln einen Spruch aufsagten, um sodann eine Bibel aus der Dr.-Apolant-Stistung zu empfangen. Mit. einem Orgelnachspiel schloß die erhebende Feier, der ein zahlreiches Publikum beiwohnte. — In der Lützowstraßen- Synagoge fanden zwei Feiern, die erste um 10 Uhr und die andere um 12 Uhr statt. Wir erhalten darüber folgenden Bericht: Die erste Einsegnungsfeier in der Synagoge Lützowstraße nahm einen sehr würdigen Verlauf. Die Synagoge selbst war überfüllt und alle Gänge dicht besetzt. Vor der Synagoge staute sich eine ganze Wagenburg. Der Almemor war mit Blattpflanzen reich geschmückt. Während eines Orgelpräludiums betraten die Konfirmandinnen, 26 an der Zahl, den Almemor, wo für sie Stühle bereitgestellt waren. Der gemischte Chor setzte mit dem Liede „Dies ist mein Bund mit ihnen" ein. Dann sprach Rabbiner Dr. Weiße ein Gebet. In seiner Predigt legte er die Grundzüge des Wesens der jüdischen Religion dar. Sie ist nicht ein Ballast von äußeren Formen, sondern sie will zu einer selbständigen, sittlichen Persönlich-- keit erziehen. Das Judentum aber verlangt den Glauben an Gott, und dieser muß auch in äußeren Formen kundgetan werden. Aber über dem strengen Ueben des Religionsgesetzes steht das Vermögen, zur rechten Zeit auch ein Opfer für seine Religion bringen zu können. Er ermahnte die Mädchen, die Tugenden Bescheidenheit, Milde, Gerechtigkeit zu bewahren und sich immer im Leben so zu betätigen, daß man von ihnen sage: Das sind Jüdinnen, die ihrer Religion zur Ehre gereichen. Nach dem Liede „Dienet dem Herrn mit Freude" sagte jede Konfirmandin einen Spruch auf. Ein Orgelspiel beendigte die würdige Feier. Kurz nach 12 Uhr begann die zweite Einsegnungsfeier in derselben Synagoge. Wenn ihr auch der Rahmen eines großen Publikums fehlte, so verlief sie dennoch nicht minderwürdig und erhebend. Die Gesänge und die Reihenfolge ^>er Zeremonien waren die gleichen. Rabbiner Dr. Hochfeld segnete fünf seiner Zöglinge ein; seine Predigt war sehr bemerkenswert. Im ersten Teile sprach er von der Notwendigkeit der Mädcheneinsegnung. Er nannte sie „eine Form von Frömmigkeit, die von begeisterten Juden des vorigen Jahrhunderts neu geschaffen sei." Die feierliche Angelobung an Gott sei das beste und edelste Mittel gegen die Verlockungen des heutigen Lebens. Die Einsegnungsfeier ist die Krönung eines oft mühevollen Unterrichtswerkes. Die Erinnerung aber an diesen feierlichen Akt mahnt die Mädchen jederzeit an ihre heiligen Pflichten als Jüdinnen. ^2 Berlin, 22. Oktober. Die Organisation für hebräische Sprache und Kultur (Ortsgruppe Berlin) veranstaltet im Jahre 1911/12 folgende Sprachkurse: Lehrstätte W., Charlottenburg, Bleibtreustraße 43 (19. Gemeindeschule), Dienstag abends von 72 9 bis 10 Uhr. Vom 31. Oktober 1911 bis 13. März 1912 und vom 1. Mai 1912 bis 17. Juli 1912. Lehrstätte 6., Berlin 6.2, Monbijou-Platz 10 (Höhere Mädchenschule), Sonntag vormittags von 1/212 bis 1 Uhr. Vom 29. Oktober 1911 bis 26. Juni 1912. In jeder der beiden Lehrstätten finden gleichzeitig außer vorbereitenden Lehrkursen drei Lesekurse statt. Der Preis beträgt für Privatteilnehmer einschließlich der Lehrmittel 12 Mark, die mit 7 Mark für die Monate November bis 15. März 1912 und mit 5 .Mark für die übrigeZeit bezahlt werden können. Anmeldungen erfolgen an Herrn Max Cohn, Berlin UV. 62, Kurfürstenstraße 118 oder bei Beginn der Kurse in den Lehrstätten. Für die Mitglieder der Vereine, die sich korporativ an den Kursen beteiligen, sind Preisermäßigungen festgesetzt. Die Zahlung und Abrechnung erfolgt durch die Vereine. J. V. Breslau, 22. Oktober. Am 16. d. M. ist hier Herr Amtsgerichtsrat Dr. Ludwig Golds'chmidt unerwartet bei Ausübung feines Berufes gestorben. Er war eben erst von seinem Urlaub zurückgekehrt und hatte sich dem Landgerichtspräsidenten Dr. Felsmann vorgeftellt, daß er seinen Dienst wieder übernehme, begab sich nach seinem Arbeitszimmer und wurde unmittelbar darauf vom Schlage getroffen. Goldschmidt hatte sich schon auf der Schule durch seine außerordentliche Begabung ausgezeichnet. Er hatte die Obertertia und Obersekunda mit je einem halben Jahre absolviert und war vom mündlichen Abiturienten-Examen befreit worden. Bei feinen Vorgesetzten und Kollegen war er sehr geschätzt und beliebt. Davon zeugt ihr Nachruf. „Ausgestattet mit den reichsten Gaben des Geistes und Herzens, tüchtig im Amt -und liebenswürdig im Umgänge, war er uns ein sehr lieber Amtsgenosse, dessen Andenken wir stets in Ehren halten werden." — An Stelle des verstorbenen Herrn Hermann Landsberg hat der Vorstand der Shnagogengemeinde in die Shnagogenkommission Herrn Justizrat Michaelis Breslauer, in die Armenkommission Herrn Amtsgerichtsrat Berthold Fränkel gewählt. Die Wahl bedarf noch formell der Zustimmung der Repräsentantenversammlung, die sich nach den Satzungen der Gemeinde über die Würdigkeit zu äußern hat, was indes in den vorliegenden Fällen nur Formsache sein wird. Der Vorstand hat bei der Wahl beider Männer einen glücklichen Griff getan und ist dabei zum Nutzen der Gemeinde über den engen Kreis derer hinausgegangen, welche sich nach alter Gewohnheit im glücklichen Besitze der Aemter befinden. Herr Justizrat Breslauer (geboren 22. Februar 1853 in Schmiegel als Sohn des Kantors E. Breslauer in Lisfa) bringt aus seiner früheren Heimatgemeinde Rawitsch, welche er durch 14 Jahre (1893—1907) bis zu seiner Uebersiedlung nach Breslau (im Sommer 1907) als Gemeindepräses geleitet hat, reiche Erfahrungen auf dem Gebiete der Gemeindeverwaltung mit; der hiesigen Ortsgruppe des „Centralvereins der Staatsbürger jüdischen Glaubens" gehört er als Vorstandsmitglied an. Fränkel, ein geborener Breslauer, ein Sohn von Gerson Fränkel, der bekannte Jugendrichter beim Breslauer Amtsgericht, eröffnet unserer Armenverwaltung neue Perspektiven auf dem Gebiete der Jugendfürsorge. Seine eifrige Tätigkeit und seine praktischen Erfahrungen lassen eine segensreiche Tätigkeit in dieser Richtung auch für unsere Gemeinde erhoffen. Steele, 19. Oktober. Einen glänzenden Verlauf nahm am letzten Sonntag nachmittag die Jubelfeier der jüdischen Volksschule im Kaisersaale von Drees. Gegen 4 Uhr versammelte sich eine große Teilnehmerzahl zu gemeinschaftlichem Kaffee aus den Kreisen der Steeler Gemeinde und der früheren Schüler. Als Vertreter der Stadt nahm Herr Bürgermeister Schulz, als Vertreter der hiesigen Schulen die Hauptlehrer derselben teil. Die jüdischen Schulen in Essen und Bochum waren durch ihre Lehrpersonen vertreten. Nach der Bewirtung der jetzigen Schüler durch die Gemeinde wurde die Feftfeier unter Harmoniumklängen und dem Gesang des niederländischen Dankgebetes eingeleitet. Nach Stabübungen der Knaben nahm Bürgermeister Schulz das Wort, um die Glückwünsche der Stadt Steele zu übermitteln. Der Redner warf einen Rückblick auf die Entwicklung der Schule und ließ seine Worte in ein begeistertes Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, den Förderer des Schulwesens, ausklingen. Der Vorsitzende des Synagogenvorstandes, Herr Herrn. Rindskopf, richtete sodann an die Versammlung und besonders an die Ehrengäste herzliche Worte der Begrüßung: Er gab sodann Kenntnis von dem Eingang einer Reihe von Glückwunsch- und Entschuldigungsschreiben. Kreisschulinspektor Dr. Rensing hatte sein Fernbleiben in einem herzlichen Schreiben entschuldigt, in dem er der Schule ein ferneres segenbringendes Wirken wünscht. Die Festrede hielt Herr Lehrer Katzen st ein. Der Redner wies auf das Geistesleben der deutschen Juden hin, das am 11. März 1912 auf eine 100 jährige Entwicklung zurückblicken kann. Der Geist des Thora-Gesetzes, der am heutigen Tage der Gottessreude begeisterten Ausdruck finde, fei es gewesen, der die Gemeinde zur Gründung ihrer Volksschule veranlaßte. Es sei der Unterricht allezeit im Judentum hoch bewertet worden, so daß die Gründung von Schulen dem Bau von Gotteshäusern voranging.. Ueber die Entwicklung der jüdischen Volksschule hat der Redner eine Festschrift verfaßt, die aktenmäßiges Material über die Schule enthält. Weiter betonte derselbe die Vorteile der konfessionellen Schule, die auf religiöser Grundlage zu Pflichten gegen die Gesamtheit erziehe. Er wünschte der Synagogengemeinde, die bisher, für die Erziehung ihrer Jugend treu besorgt war, weiter gedeihliches Blühen. Hauptlehrer Graf-Men brachte Grüße und Glückwünsche der Nachbarschule Essen. Es folgten hierauf die Aufführung eines Märchenspiels, eines Reigens und Festspiels, in dein die jugendlichen Darsteller tosenden Beifall für ihr wirkungsvolles Spiel ernteten. Nach dem Vortrag eines Chorliedes durch den Synagogenchor hielt ein Festball die Teilnehmer in gemütlicher Stimmung'recht lange beisammen.