Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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«.***«»,<> Demelndeülite. °»«°> Vrilagr zur„Attsemetnen Lettung deK Judentums. korrelponLkn?en und Sschrichtm. Vrutschland. 1. Berlin, 24. Oktober. Im zweiten Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde fand unter außerordentlich starker Beteiligung am letzten Donnerstag die 28. Delegiertenversammlung des Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege'statt. Dem von dem Vorsitzenden Herrn Justizrat Breslauer erstatteten Jahresbericht entnehmen wir, daß sich zwei weitere Vereine, und zwar der „Israelitische Frauenverein des Westens Nächstenliebe" und der „Frauenverein Rixdorf" dem Verbände angeschlossen haben, so daß sich die Zahl der Verbandsvereine jetzt ans 88 beläuft. Von der Begründung neuer Vereine für Zwecke, die bereits von anderen Vereinen verfolgt werden, sei abzurateru eine größere Spezialisierung zu empfehlen. Um Verwechslungen zu vermeiden, solle man auch in der Firmierung der Vereine etwas mehr acht geben. Vereine, die in ihrem Namen das Wort „Nächstenliebe" führen, seien mehrfach vorhanden und könnten leicht verwechselt werden. Anfragen wären bei der Zentralstelle im letzten Jahre 21179 eingegangen, und es wäre zu wünschen, daß die anfragenden Vereine auch regelmäßig über das Resultat (Bewilligungen oder Ablehnungen) der Zentralstelle Mitteilung machten. Allein es seien nur 17669 Berichte eingegangen, so daß etwa 3500 Anfragen ohne Berichterstattung geblieben seien. Die Anzahl der Personalkarten betrage jetzt fast 20000 (davon neue im letzten Jahre 1980). Die einzelnen Organisationen hätten auch im verflossenen Jahre wieder gut gearbeitet. Der Herr Referent gibt über den Wöchnerinnenverein einige Zahlen, die bereits in der vorigen Nummer dieses Blattes mitgeteilt sind, und teilt mit, daß Fräulein Dr. Maria Wigodczinski in Pankow ein Mutterhospiz errichtet hat, in dem sie nach einer an den Verband gelangten Mitteilung Wöchnerinnen eventuell unentgeltlich Aufnahme und Pflege gewährt. Im Bedarfsfälle solle man sich dorthin wenden. Der „Verein für vorübergehend hilflose jüdische Kinder" hat 43 Kinder ausgenommen mit durchschnittlich 38 Pflegetagen und der Verein „Helfende Hand" 'für 15 verkrüppelte Kinder 1549 Mark verausgabt. Das sei gewiß höchst anerkennenswert, allein man sollte doch noch etwas mehr auf ärztliche Behandlung der Kinder Gewicht legen. Herr Professor Joachimsthal habe sich gern bereit erklärt, die Untersuchung und Behandlung zu übernehmen. Dieser Verein aber verdiene jede Unterstützung und Förderung. Die Frauenvereine selbst haben sich zusammengeschlossen, bis jetzt sind acht bis neun Frauenvereine verbunden, von denen sich jeder verpflichtet hat, an die Zentralstelle Meldung zu erstatten, von wo die Gesuche dann an die jeweils kompetente Stelle iveitergegeben werden. Es sind 679 Gesuche 'an die Zentralstelle eingesandt. Das Auskunftsbureau, das an 231 Tagen geöffnet war, wurde von 574 Ratsuchenden in Anspruch genommen. Auf die erneute Aufforderung, sich der Auskunftsstelle anzuschließen, haben sich zu den bisherigen acht oder, neun Vereinen weitere 14 bereit erklärt. Nachdem noch einige unwesentliche Mitteilungen im Anschluß an den Bericht aus der Mitte der Versammlung gemacht worden waren, ging man zum zweiten . Punkt der Tagesordnung, der Wahl von Mitgliedern des geschäftssührenden Ausschusses über. Die ausscheidenden Herren Justizrat Breslauer, Gustav Sachs, Dr. Albert Levy und Frau Henriette May wurden per Akklamation wieder- und an Stelle des verstorbenen Dr. Hirsch Hildesheimer Herr M. Knoller, der Vorsitzende des israelitischen Krankenheims gewählt. Dann hielt Fräulein Dr. Margarete Jacobsohn einen auf gründlicher Beherrschung der Materie beruhenden hochinteressanten Vortrag über „Moderne Probleme der Wohlfahrtspflege". Der Vortrag, -er die Zuhörerschaft sichtlich fesselte, fand lebhaften Beifall und rief, nachdem Herr Justizrat Breslauer der Vortragenden gedankt hatte, eine lebhafte Debatte hervor, an der sich die. Herren Direktor Dr. Min den, Sanitätsrat Dr.. Feil chenfel d, Herr Ostwald, Frau Dr. Eschelbach er und Fräulein'Wormann beteiligten. Zum Schluß wurde noch auf die Unsitte hingewiesen, daß jüdische Persönlichkeiten, besonders Damen, ihren Namen für Aufrufe hergeben, unter denen hochgestellte Persönlichkeiten, Exzellenzen figurieren, und unter die sie gar nicht hingehören. Dieser Sucht, zu paradieren, müsse entgegengetreten werden. Dann schloß der Vorsitzende mit Dankesworten die Versammlung. y. Berlin, .24. Oktober. Am Sonntag fand in den Räumen des D. I. G. B. die erste Sitzung der auf dem letzten Gemeindetage gewählten Kommission zur Abänderung der Statuten des Gemeindebundes statt. Die außerordentlich eingehenden achtstündigen Debatten hatten zum Resultat, daß ein Antrag Seligsohn- Samotschin angenommen wurde, der eine Vertretungsskala anfstellt, wonach Gemeinden bis 200 Seelen eine Stimme erhalten und dann die Stimmenzahl sich in aufsteigender Linie bis zu 27 Stimmen erhöht, während Berlin 50 Stimmen zugebilligt werden. Diese Skala wurde unter dem Vorbehalt einiger kleiner Abänderungen gegen wenige dissentiereude. Stimmen angenommen. Auch die Vertreter der Opposition auf dem letzten Gemeindetage' erklären sich bereit, dieser Skala zuznstimmen unter der Bedingung, daß der Absatz 4 des § 13, wonach die Delegierten zum Gemeindetage Mitglied der delegierenden Gemeinde sein müssen, fallen gelassen würde. Da die Beratung über diesen letzteren Punkt erst später erfolgte, so enthielten sich die Vertreter der Orthodoxie der Abstimmung. Um die dann zur Erörterung gestellte Frage des passiven Wahlrechtes, der Wählbarkeit, entspann sich dann eine außerordentlich lebhafte Debatte, in der diedGegensätze scheinbar unüberbrückbar waren. Es lagen zwei Vermittlungsanträge vor. Der eine Antrag Apfel-Köln wollte die Wählbarkeit zum Delegierten auf den Kreis derjenigen Personen beschränkt 'wissen, die Mitglied einer Bundesgemeinde innerhalb der Provinä bzw. desjenigen Bundesstaates sind, in dem die wählende Gemeinde gelegen ist. Wählbar sollte ferner derjenige sein, der in der Gemeinde, die ihn delegiert, innerhalb > der letzten 10 Jahre mindestens ein Jahr gewohnt hat. Dieser Antrag schien die meiste Aussicht zur Annahme zu haben. Allein die Opposition zeigte keinerlei Entgegenkommen. Sie stand auf dem starren Standpunkt eines Antrages, der das passive Wahlrecht nur insoweit geändert wissen wollte, als die Wählbarkeit abhängig gemacht wurde von der Zugehörigkeit zu einer Bundesgemeinde und von einer Altersgrenze von 30 Jahren. Bei der entscheidenden Abstimmung wurde, wohl infolge der Ablehnung jeden Entgegenkommens seitens der Opposition, der Antrag des Gemeindeausschusses mit 13 gegen 7 Stimmen und 4 Stimmenthaltungen angenommen. Da inzwischen die sechste Abendstunde herangekommen war und eine Weiterberatung, nachdem man seit 10 Uhr vormittags beraten hatte, aus physischen Gründen unmöglich war, wurde die Weiterberatung vertagt. Sie soll in einer später einzuberufenden zweiten Sitzung , zu Ende geführt werden. Aus dem hier nur flüchtig skizzierten Ergebnis der achtstündigen Beratung ergibt sich, daß eine Opposition gegen eine Vermehrung der Vertreterzahl der Großgemeinden im Prinzip nicht mehr vorhanden ist. Was die Herren Opponenten, auf dem letzten Gemeindetage dagegen 'anführten, scheint nun endlich durch überzeugende Argumente beseitigt zu sein. Es mag der Hoffnung Raum gegeben werden, daß auch durch beiderseitiges Entgegenkommen in der Frage des passiven Wahlrechts eine Einigung zustande komme. Auch diese Frage, das muß betont werden, bedarf zweifellos einer Regelung. Es ist nur berechtigt, wenn derjenige, der eine Gemeinde auf dem Gemeindetag vertreten soll, auch in gewissen persönlichen Beziehungen zu der von ihm vertretenen Gemeinde steht. H. Berlin, 22. Oktober. Am heutigen Sonntag'fanden in den Synagogen Lützowstraße und Lindenstraße Einsegnungsfeiern für Mädchen statt. In der letztgenannten wurden durch Rabbiner Dr. Warschausr 16 Mädchen konfirmiert. Nach dem Gesänge des Liedes „Dies ist mein Bund mit ihnen" nahm der Rabbiner das Wort, um in einer stimmungsvollen, sehr inhaltreichen Predigt über