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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-27 · Heft 43 (27.10.1911) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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514 die Bekanntschaft ungarischer Leute und besuchte die Universität — ohne damals noch Universitätshörer zu sein — um den Vorlesungen über ungarische Literatur beizuwohnen. Hagen bemerkte in Liweitzers Entwicklung diese auffallende Abweichung und schätzte ihn dafür um so mehr. Wegen seiner nationalen Schwärmerei entzogen sich seinem Interesse durchaus nicht die unter anderen Völkerschaften wohnenden Juden, und er ersehnte mit ebensolcher Leidenschaft den Fortschritt der in fremden Ländern lebenden Judenschaft, als denjenigen der deutschen Juden. „Jene dürften solche Männer nötig haben", dachte er -und ermutigte Liweitzer, sich auf eine solche Laufbahn vorzubereiten, wo er seinen Glaubensgenossen am meisten nützen kann. „Ich bleibe bei der Laufbahn, welche ich begonnen habe", erwiderte Liweitzer. „Ich wollte Priester werden, ich werde Priester sein." Obwohl sich ihm in der Umgebung Hägens das Leben in nie geahnten, großartigen Verhältnissen eröffnet hatte, blieb er dennoch der Alte. Mit seiner Armut war es zwar vorbei, doch er hatte durchaus nicht das Bestreben, sich das Leben leicht zu machen. Kämpfen mußte er nicht mehr, doch anstatt dieser Mühsal nahm er die Mühseligkeiten ruheloser Arbeit auf sich. Tagsüber lernte er zu Hause in der Wohnung oder er ging auf die Universität, abends begleitete er den jungen Hagen in den Betverein, blieb dort oft bis nach Mitternacht und lernte den Talmud wie ehemals in der Jeschiwa. Hier wuchs sein Ansehen mit jedem Tage, und als die Akademie ihre Konkurse ausschrieb, ermutigten ihn Hägens und auch andere, er möge die Ethik des Talmuds schreiben, worauf die gelehrte Gesellschaft den Preis von zweitausend Mark ausgeschrieben hat. Liweitzer wollte anfangs nichts davon hören. Dazu besäße er nicht genug Wissen, er müßte noch sehr viel lernen, bevor er solch schwierige Aufgaben auf sich nehmen könnte. Das geschah eben zu einer Zeit, als man in der deutschen Presse unter dem Vorwände der Wissenschaftlichkeit das Judentum böswillig angegriffen hatte. Die Lügen und Verstümmelungen taten Liweitzer ebenso weh als jedem anderen Juden, doch er beruhigte sich damit, daß sich der ganze böswillige Feldzug als leeres Strohdreschen Herausstellen würde, wenn einmal die Ethik des Talmuds von berufener Feder geschrieben sein wird. Je mehr er sich indes mit dieser Sache beschäftigte und je ungeduldiger er das große Werk erwartete, um so mehr befürchtete er, das es jemand schreiben könnte, der das Judentum mit vererbter Böswilligkeit beurteilt, vielleicht ein voreingenommener, halbgelehrter Mensch, einer, der gar nicht imstande gewesen ist, sich in den Talmud zu vertiefen und sein diesbezügliches Wissen aus zweiter Quelle schöpfen mochte. Schreibt ein solcher Mensch dieses Werk, welches er vom Staudpunkt der Beurteilung des Judentums für so wichtig hält, dann dürfte es mehr Schaden anrichten als Nutzen im Gefolge haben. In schlaflosen Nächten dachte er darüber nach, was man wohl über die große Frage schreiben könnte, und als sich vor ihm die großartigen Dimensionen des auf das Leben von Jahrtausenden erbauten Systems entfalteten, als er die verstreuten Teile aneinanderfügte und die ganze Schöpfung zu schwindelhafter Höhe emporwuchs, da überfiel ihn unwiderstehlich die Sehnsucht, seine Gedanken aufzuzeichnen. Dies war der Anfang des Schaffens, das übrige kam dann wie von selbst. Das Schaffensfieber in ihm wurde immer zwingender, und in seueratmenden, herrlichen Nächten schrieb er sein erstes Werk: die Ethik des Talmuds. Seine Freunde wußten nichts davon. Er selbst wußte ja eigentlich nicht, weshalb er es schrieb, denn er dachte doch nicht . ernstlich daran, sich damit an dem Wettbewerb zu beteiligen. Wie sollte er es wagen, mit einer solchen Arbeit vor die wissenschaftliche Welt Deutschlands zu treten. Doch wenn er schlafen ging' und seine Augen zu wachen Träumen schloßdann kamen ihm andere Gedanken. Das Selbstvertrauen entfaltete seine bunten Schmetterlingsflügel und er sah Visionen. Die Diszipliniertheit seines Denkens kam aus dem Gefüge und an die Stelle der strengen Kritik drängte sich lächelnde Nachsicht in sein Gehirn. Und er sah großartige Erfolge. Die Akademie hatte sein Buch für das allerbeste erklärt und ihm den Preis zugesprochen. Und überall, wo man das Wissen schätzt, sprach man von nichts anderem als von der Ethik des Talmuds. Ach, doch nicht überall. In Nagysöröd sprach man nicht davon. Er fühlte deutlich, daß man in Nagysöröd nicht davon spreche. Haschl Ochs und Goldfinger und Eibisch und Reb Bünem werden nicht davon sprechen. Sie werden nicht davon Notiz nehmen, daß sich in Berlin ein junger, tapferer Gelehrter fand, welcher der Lüge den Krieg erklärte und der Wahrheit zum Triumph verhalf. Und was würde es ihm nützen, wenn sie davon Kenntnis erhielten? Sie würden sich seiner nicht lieber erinnern, auch nicht mit größerer Wertschätzung, denn das, was er geschrieben, war ja in deutscher Sprache verfaßt, und diese wird in Nagysöröd nicht geschätzt. Das verbitterte ihm seine große Arbeitsfreudigkeit. Denn was kümmerten ihn die Berliner Erfolge. Hagen ist ein schätzenswerter Mann, ein großer Geist und seine Anerkennung von hohem Wert, doch er würde gern und freudig das Lob der ganzen Berliner Akademie für die Anerkennung von Haschl Ochs Umtauschen. Ein anderes Mal dachte er wieder anders. Unmöglich, daß eine solche Nachricht nicht bis nach Nagysöröd dringen sollte und noch unmöglicher, daß die Leute diese ganz gleichgültig aufnehmen würden. Wie sollte es sie auch gleichgültig lassen? Im Gegenteil, man spricht davon wie von der größten Sensation der Welt. Auch vor dem Tempel wird darüber gesprochen. Und auch zu Hause redet man davon während des Mittagessens, und nicht allein die Männer, sondern auch die Weiber reden darüber, und Frau Eschkeles schüttelt ihren Kopf und sagt, sie hätte gar nicht geglaubt, daß aus diesem Liweitzer noch ein so berühmter Mann würde. Das sagt auch Herr Eschkeles. Nur Esterchen sagt nichts. Sie hört nur still und wortlos dem Gespräch zu und lächelt leise vor. sich hin. Liweitzer fühlt eine wonnige Wärme im Herzen. Er weiß, was dieses leise Lächeln Esterchens bedeutet. Esterchen ist von der Neuigkeit nicht. überrascht, denn sie hat gewußt, daß aus ihm, aus Liweitzer, ein richtiger Mann werden würde. Liweitzer quälte sich grundlos, denn wenn es auch ungewiß ist, daß die Nagysöröder die Spuren seiner Kämpfe und seiner Erfolge verfolgt haben, so ist es doch ganz sicher, daß sie ihn nicht vergessen hatten. Erstens darum, weil sein Fall so eigenartig, solch ein Ausnahmefall war, daß die Leute davon sprachen, wie man von einer großen Feuersbrunst erzählt, deren Erinnerung sich für die Dauer von vielen Jahren dem Gedächtnis der Bewohner einprägt. Man konnte den Hausbocher des Rabbi, der die heiligen Traditionen mit Füßen trat, der sich aus der isolierten

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