Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- Seite 513 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Brief aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert berichtet von einem Juden, der' bei einem Pferdehandel seinen Verpflichtungen nicht, nachgekommen. „Wenn auch nichts unbilliger wäre," bemerkt Wilcken, „als diese Einzelfälle etwa zu generalisieren oder auf der anderen Seite vergessen zu wollen, daß uns genau so auch von Hellenen und Aegyptern viele Fälle von Betrug, Diebstahl, usw. urkundlich überliefert werden, so erinnern uns doch diese Fälle daran,, daß auch das alltägliche Leben mit seinen wirtschaftlichen Jnteressenkämpfen zur Vertiefung des Gegensatzes beitragen mußte." Ganz besonders interessant ist aber ein im Jahre 41 nach Christus geschriebener Brief eines alexandrinischen Großkaufmanns, namens Sarapion, an einen arg verschuldeten Freund oder Verwandten. Der Schreiber rät dem Adressaten, er solle durch Bitten seinen Hauptgläubiger abhalten, ihn von Halls und Hof zu vertreiben. „Vielleicht kann er Mitleid mit dir haben; wo nicht, so hüte auch du dich wie alle vor den Juden." Die „Juden" sind also hier als Geldverleiher gefaßt und es wird ihnen ganz allgemein Unredlichkeit vorgeworsen^ während in der erhaltenen antisemitischen Literatur des Altertums der Vorwurf des Wuchers den Juden sonst nicht gemacht wird. Wilcken erinnert daran, daß der Brief im August 41 nach Christus, in einer Zeit der leidenschaftlichsten Kämpfe zwischen Griechen und Juden geschrieben ist: unter Caligula hatte in Alexandria eine große Judenhetze getobt, nach der Ermordung des Kaisers war eine von den alexandrinischen Juden inszenierte Griechenhetze gefolgt. „Jene Worte sind also wohl in frischem Hasse geschrieben, und wir sind außerstande nachzuprüfen, auf Grund welcher Erfahrungen sie den: Sarapion in die Feder gekommen sind. Gleichwohl findet der geschäftliche Antisemitismus, den wir bisher nur ahnen konnten, in den Worten BAi-e aauxov «—6 x&v ’Iooocuiov einen geradezu klassischen Ausdruck." MM Die Milchen Ehrendoktoren der Berliner Aniorrktst. ^Ln dem eben erschienenen stattlichen Bande „Jahrhundertfeiet der königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, 10. bis 12. Oktober 1910. Bericht im Aufträge des akademischen Senats erstattet von dem Prorektor Erich Schmidt. Berlin 1911" werden die Diplome an die von den einzelnen Fakultäten kreierten Ehrendoktoren abgedruckt. Darunter befinden sich zwei für Emil Rathenau und James Simon. Unsere Leser, wenigstens die des Lateinisch Kundigen werden gewiß mit Interesse diese hübsch stilisierten Urkunden lesen. „Aemilio Rathenau societatis electricae antistiti cujus merita in rebus physicis et doctrina investigandis et usu eleborandis in omnium sunt ore, urbis notrae quasi Prometheo lucifero, Daedalis nostris per aerem feliciter volantibus quasi Mercurio alipedi, viro de communi patriae nostrae salute, felicitate opulentia augendis meritissimo; Jacobo Simon negotiatori nöbilissimo, qui Orientis antiqui artisque reeentioris thesauros et publice et privatim tarn intelligenter quam munifice auxit atque Omnibus humanitätis studiis sociali animo regalique sumtu inservire consuevit." Am Schlüsse des Bandes werden die Dankschreiben mitgeteilt. Das von Herrn Rathenau ist nicht ab gedruckt, das Schreiben James Simons lautet: „Ich bin durch die hohe Ehrung in gleichem Maße überrascht und erfreut worden; es ist sicherlich ein seltener Fall, daß jemandem, der streng genommen wissenschaftliche Verdienste nicht aufzuweisen hat, diese Auszeichnung zuerkannt wird. Um so größer muß meine Dankbarkeit für die ehrende Anerkennung meines bescheidenen Wirkens sein; ich glaube, daß ick sie nicht besser werde betätigen können, als durch verdoppelten Eiser in der Förderung deutscher Wissenschaft und Kunst nach Maßgabe meiner Kräfte. Mit der Versicherung, daß ich es mir zur höchsten Ehre rechne, in die verdienstvolle Schar der Berliner Doktoren eingereiht worden zu sein, bitte ich den Ausdruck meiner dankbaren Gefühle geneigtest entgegennehmen und den verehrten Mitgliedern Ihrer Fakultät übermitteln zu wollen. L. G. Seim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa Trencsäni. XXXVIII. Ciweitzer konnte nicht in Abrede stellen, daß von ihnen beiden Hagen der Befruchtende war, was in dessen agitatorischem Naturell seine Erklärung fand. Liweitzer lernte gern und freudig, beinahe mit kritikloser Gehorsamkeit, bis er mit. einem Male zu fühlen begann, daß seine Entwicklung nicht ganz natürlich 'sei. Er forschte nach dem Fehler, und nicht -erfolglos. Hagen fühlte sich mit Leib und Seele als deutschen Juden, und in demselben Maß, als er sich für die jüdischen Traditionen begeisterte, entflammte er sich für das Germanentum. Er sah in der germanischen Kultur die höchste Vervollkommnung menschlichen Strebens und zog Liweitzer instinktiv in den Zauberkreis dieses Glaubens. So lange Liweitzer in Nagysöröd lebte und dort ohne .das Kulturbewußtsein veredelter Menschen lebte, hatte er natürlich keinen Begriff von einer solchen Entwicklung, die in der harmonischen Verschmelzung zwei verschiedenartiger Typen zum Ruhepunkt gelangt. . Daß der in Ungarn lebende Jude ein ungarischer Jude ist, das hatte er damals noch nicht gewußt. Daß er es sein könnte und daß er es auch sein muß, begann er damals zu fühlen, als er die Germanenschwärmerei des jungen Hagen sah, und als er die ihm eingeflößten germanischen Einflüsse als herb und unangenehm empfand.. Nein, unmöglich ist es seinem Beruf, ein germanischer Jude LU sein. Er hat nichts gemein mit der deutschen Erde, mit der deutschen Lust, mit den deutschen Menschen. Ihre Kultur nimmt er an, aber ohne Rassenvorurteile. Er will sich ihre Schwärmerei aneignen, aber .für etwas anderes schwärmen. Wenn der deutsche Jude Wert darauf legt, ein germanischer Jude zu sein, dann muß sich der ungarische Jude zum Skythen- Juden umwandeln, denn als Rasse ist die ungarische wohl kaum minderwertiger als die deutsche. So geschah es, daß in Liweitzers Seele auf fremdem Boden das ungarische Gefühl erwachte, und mit welcher Energie er fortan den germanisierenden Einflüssen der deutschen Kultur widerstand, mit ebensolcher Energie unterwarf er sich der ungarischen Kultur, die er vorläufig nur durch Vermittlung deutscher-Bücher suchte, als ob ihm die deutsche Wissenschaft nur als Dolmetsch für die ungarische dienen sollte. Später ließ er sich aus Ungarn ungarische Bücher kommen, trat, als Mitglied in den ungarischen Verein, sucht