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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-27 · Heft 43 (27.10.1911) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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ihres Glaubens von dem Schrein zum Lesepult getragen wird, so erheben sich alle'und neigen das Haupt. Nach der Niederlegung auf dem Pulte, das flach wie ein Tisch ist, nimmt man die Hülle ab, h olt das Pergament heraus und rollt es auseinander, dann wird gelesen, gesungen oder vielmehr gemurmelt. Es stehen immer drei oder vier an dem Pulte, die manchmal gleichzeitig, manchmal einzeln singen, zuweilen H singt auch die ganze Menge, abwechselnd fragt auch einer den anderen, zu allermeist aber wendet sich der Rabbiner an einen | der ferner Stehenden, und der beginnt dann sogleich zu mur- | mein; so treten dann nach und nach fast alle mal zu dem jg Pulte. Verboten ist es, dort jemand zu grüßen oder das p; Haupt zu entblößen. Die Juden tragen weiße Mäntel aus f'/ Camelot, die über den Kopf gehen, in den vier Ecken sind Locken aus Taft beliebiger Farbe aufgenäht. Einzelne besitzen auch eigene Andachtsbücher, die alle hebräisch geschrieben sind. Ich sah Jünglinge und sogar kleine Knaben, die Hebräisch so | . gut lasen und verstanden, wie ich Französisch. Wenn einige Zeit aus dem Pentateuch gesungen ist, rollt man ihn wieder £( zusammen, ein Knabe tritt an das Pult, singt allein ziemlich lange, dann erhebt sich die Gesamtheit und singt zum Schluß f? in ziemlich musikalischer Weise. Ich begab mich dann in die f? andere (portugiesische) Synagoge, an der als Rabbiner tätig ist der gelehrte, noch gar nicht alte Manasse ben Israel; von ihm hatte ich schon durch Mochinger in Danzig gehört. Ich redete ihn an und unterhielt mich anfangs mit ihm gut; aber, da er durch ein Gespräch mit Frauen aus Utrecht in Anspruch genommen wurde, ging ich, da die Zeit mich drängte, weiter und besah mir inzwischen diese Synagoge. Sie ist überall mit Tafeln geschmückt, auf die Pflanzen, Bäume und hebräische Sprüche gemalt sind, aber keinerlei Lebewesen, nicht einmal eine Fliege oder ein Wurm. Diese jüdischen Frauen sahen so sauber und stattlich aus, wie irgend andere Frauen in der Stadt. Ein Unterschied liegt nur in den Augen, denn die aus Portugal haben ganz dunkle, während die Holländerinnen blaue oder graue Augen haben. Nirgend leben die Juden nach ihrer eigenen Aeußerung so frei wie in Amsterdam." Vj8j7.yT Judenhaß in Merandria. Von Professor Dr. Ernst Samter. ie Papyrusblätter, die aus dem Boden Aegyptens zutage gekommen sind, haben uns nicht nur wertvolle Stücke aus verlorenen Schriften der griechischen Literatur geschenkt, sondern auch unsere Kenntnis der antiken Geschichte und des antiken Volkslebens wesentlich gefördert. Auch für unsere Kenntnis der Juden im Hellenist erten Aegypten sind die Paphrussunde nicht ohne Bedeutung geblieben. Einer der besten Kenner der griechischen Papyrusurkunden, Ulrich Wilcken, hat in einer Abhandlung, die in den Schriften derSächsischen Gesellschaft . der Wissenschaft (1909) erschienen ist, einige neuere Funde besprochen, die uns einen Aufschluß über die Stellung der Juden in Alexandria geben. Die Abhandlung Wilckens wird schwerlich anderen als Philologen und Historikern in die Hände kommen; da aber die Ergebnisse seiner Untersuchungen für weitere Kreise jüdischer Leser von Interesse sind, so sei hier einiges daraus mitgeteilt. Bisher standen zur Beurteilung der Verhältnisse der ägyptischen Juden nur jüdische Quellen zur Verfügung, die Schriften des Philo und Josephus. Die Papyri bieten nun dazu eine wertvolle Ergänzung, weil sie vorp Standpunkt der Gegner, der alexandrinischen Griechen, geschrieben sind. Daß in Aegypten eine starke Abneigung der Hellenen gegen die Juden Vorhänden, war bekannt. Wilcken geht nun an der Hand der Papyri den Gründen nach, aus denen dieser Haß sich erklärt. Zunächst sind es religiöse Gründe, auf die der Zwiespalt zurückzuführen ist. ' Während die Hellenen weitgehende Toleranz gegenüber fremden Kulten übten, war es den Juden ihrer Religion nach natürlich unmöglich, griechischen Göttern zu opfern. Wie man daher später aus dem gleichen Grund die Christen als als Atheisten bezeichnet hat, so scheint nach Ausweis der Papyri avüaioi, „unheilige, gottlose Menschen", im Munde der Gegner eine feststehende Bezeichnung der Juden gewesen zu sein. Einmal nennt sie ein Grieche so vor dem Tribunal des Kaisers Hadrian, ein zweites Mal findet sich der Ausdruck in einem Papyrus, der ein Stück eines amtlichen Berichts zu enthalten scheint. Zu den religiösen Motiven des Antisemitismus treten politische Gründe. Als die römischen Cäsaren den Thron der Ptolemäer bestiegen hatten, da waren die Juden sehr loyale Untertanen der neuen Machthaber geworden. Da die alexandrinischen Griechen ihren Grimm darüber, daß Alexandria durch Rom an die zweite Stelle gedrängt war, und ihre Erbitterung über die neuen Herrscher energisch bekundeten, so entstand naturgemäß ein starker politischer Gegensatz zu den Juden, und Wilcken nimmt an, daß gerade infolge dieses politischen Gegensatzes die längst vorhandene antisemitische Stimmung unter Kaiser Caligula zum erstenmal zu einem Straßenkampf gegen die Juden führte. Hinzu kam, daß damals zuerst die Juden Anspruch auf das Bürgerrecht von Alexandria machten. Josephus behauptet freilich, daß die Juden von jeher das Bürgerrecht gehabt hätten, aber diese Angabe ist vielfach bestritten worden. Daß sie unrichtig schließt Wilcken außer aus früher vorgebrachten Gründen aus einer Wendung in einem Papyrus des Berliner Museums: in dem Entwurf einer Eingabe an den Statthalter (aus der Zeit des Augustus) ist dem Namen eines Mannes Helenos zuerst hinzugefügt „Alexandriner", dann aber ist dies ausgestrich^p und ersetzt durch „Jude von denen aus Alexandria". Wilcken betont, daß hier der staatsrechtliche Gegensatz zwischen „alexandrinischen: Bürger" und „Jude aus Alexandria" klar zutage trete. Einzelnen Juden freilich war das Bürgerrecht als persönliches Privileg verliehen worden. Derselbe Helenos nennt sich nachher in der gleichen Urkunde „Söhn eines Alexandriners", d. h. alexandrinischen Bürgers. Die Verleihung war offenbar auf die Person beschränkt und erbte nicht auf den Sohn fort, daher war dieser wieder nur „Jude aus Alexandrien", obwohl der Vater alexandrinischer Bürger gewesen war. Zum religiösen und politischen Antisemitismus tritt aber, ganz wie bei uns, auch im alten Alexandria ein wirtschaftlicher Antisemitismus. Wie die Urkunden lehren, waren die Juden auf den verschiedensten -Gebieten tätig, als Tagelöhner, als Steuerpächter, als Domänenpächter, als Privatpächter, vor allem aber als Kaufleute. x) So waren sie gefährliche Konkurrenten ihrer griechischen Mitbürger. Die Urkunden aus ptolemäischer Zeit berichten von Unredlichkeiten, die Juden verübt hatten oder verübt haben sollten. Eine Griechin klagt in einem Papyrus des dritten Jahrhunderts vor Christus gegen einen Juden Dorotheas, der ihr ein Kleid gestohlen und es bei einem mit ihm offenbar unter einer Decke steckenden Hazzan der Synagoge verborgen habe. 0 Daß jüdische Handwerker bisher in den Urkunden nicht begegnet sind, wird wohl Zufall sein. HäMHüi^M HH

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