Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Entstehung verdankt, gilt der Kampf Agathon Geyers, des Helden des Buches. Ein seltsames Erlebnis ist ihm gewordender Schlächter Sürich Sperling, der etwas zu aufdringlich das Germanentum darstellt, hat ihn eingefangen, in seiner Wohnung an ein Holzkreuz geheftet und ihn blutig geschlagen. Dann ließ er ihn frei. Agathon aber drang des Nachts auf raffinierteste Weise bei ihm ein und ermordete ihn. Dies ungeheure Erlebnis hat ihn reif gemacht. Nie wird er entdeckt; niemand kommt auf ihn. Er aber glaubt, eine große symbolische Tat begangen und sich und die Seinen dadurch seelisch' gereinigt zu haben. Und nun geht er hin wie eine innere Stimme ihm befiehlt. Reine, sinnliche Freude will er Predigen; Abkehr von allem Lebensfeindlichen und Aszetischen. Leider wird nicht recht klar, wie und was er tutalle möglichen Gestalten kommen ihm nah und entgleiten ihm wieder: sein Lehrer Bojesen, der in seiner genialischen Zerrissenheit nur noch dumpf über seine Zeit trauert, der Goldmacher, der unters Volk Gold wirft und fast von ihm zerrissen wird, seine Cousine Jeannette Löwengard, die dem Vaterhaus entfloh und nun ein Leben lebt, das alle ihre Sinne befriedigt und sie nicht langweilt — alle diese treten auf Agathon zu, lieben ihn und treiben wieder von ihm ab, willenlos im Malstrome eines dunklen Lebens. Ganz zuletzt ist's der Tod des Königs Ludwig, der Agathon im Tiefsten umwühlt — und er geht zu einem kindlichen, einfältig-lieben Mädchen, das von einem anderen Mutter wurde, und bittet sie, ihm irgendwohin in die Einsamkeit zu folgen, um dem neuen Menschen die Bahn zu bereiten. So verworren, ja wüst dies alles sein mag: man merkt sofort, daß hier ein genialer Dichter seine Kraft erprobte. Ein genialer Dichter und ein wahrer Jude, ein Jude, der sich ganz seines Herkommens, seiner Zusammengehörigkeit mit seinem Volke bewußt ist und mit heiligem Eifer den Problemen seiner Vergangenheit und Zukunft nachspürt. Es ist nichts Konventionelles, so gar nichts Romanhaftes in diesem Buche; alles ist ganz aufs Seelische gestellt. So die vielleicht schönste Gestalt des Buches, der neunzigjährige Hausierer Gedalja, in dem sich das alte Judentum edelster Art verkörpert. „Junger Mann," sagt er einem eifrigen „Aufklärer", „die Heilige Schrift ist nicht da, um gelesen zu werden mit dem leiblichen Auge, sondern mit dem geistigen. Man soll sie trinken wie Wein!" Dieser Gedalja sowie eine ganze Anzahl glänzender Typen aus dem jüdischen Leben beweisen ^Wassermanns Kennerschaft seines Volkes und seine Gestaltungskraft zugleich. (Schluß folgt.) Tsqebuchblstter aus dem 17.Ishrhundert über die Juden?u Kmtterdsm. Von Dr. N. M. Nathan. i^^m Juli 1636 gelangte auf der Rückreise in die Heimat \ eine französische Gesandtschaft, nachdem sie in Polen, Dänemark und Schweden sich verschiedener politischer und höfischer Aufträge mit Geschick entledigt hatte, nach Amsterdam. Ueber diese Gesandtschaftsreise, die vom 11. Juli 1634 bis zum 22. August 1636 dauerte, hat ihr Sekretär Charles Ogier (1595—1654) „ein eingehendes Tagebuch geführt, das eine Fülle feinsinniger Beobachtungen zur Kulturgeschichte Nordeuropas in sehr anschaulicher, lebensvoller Darstellung bietet". Der erste Teil dieses Tagebuches erschien nach dem Tode seines Verfasser 1656; das Manuskript des zweiten Teiles, der nie gedruckt worden ist, kam nach London, wo es von dem Geheimen Archivrat Professor Dr. Adolf Warschauer-Posen gelegentlich einer in amtlichem Aufträge unternommenen archivalischen Forschungsreise 1906 wiederentdeckt wurde. Auf Grund einer Abschrift, die sich jetzt in der Handschriftenabteilung der Danziger Stadtbibliothek befindet, veröffentlicht jetzt Dr. Kurt Schottmüller im 52. Heft der „Zeitschrift des Westpreußischen Geschichtsvereins" (Danzig 1910) S. 199 ff. unter dem Titel „Reiseeindrücke aus Danzig, Lübeck, Hamburg und Holland 1636" eine deutsche Bearbeitung des in lateinischer Sprache abgefaßten Tagebuches, wobei er an besonders interessanten Stellen dem Verfasser selbst das Wort gibt. Zu diesen letzteren gehören nun auch die Partien des Tagebuches, in denen Ogier von den Juden zu Amsterdam spricht. Die Verhältnisse der Amsterdamer Juden jener Zeit find uns freilich zur Genüge bekannt, war es doch die Zeit, da Spinoza eben das Licht der Welt erblickt hatte. Nichtsdestoweniger ist es überaus anziehend, Synagoge und Gottesdienst von einem aufmerksamen christlichen Beobachter geschildert zu sehen, dem das alles neu war und auf den es doch einen, wie aus seinen Worten zu ersehen ist, unverkennbaren Reiz ausgeübt hat. Ogier besuchte die Synagogen der Aschkenasim und der portugiesischen Juden an einem Sabbat, und zwar am 26. Juli 1636, d. h. am 23. Tammus, mithin an dem ersten der drei Trauersabbate. In der Synagoge der Aschkenasim hielt er sich gerade während der Tora- und Haftaravorlesung auf, und er hat, wie seine Worte zeigen, diesen Teil des Gottesdienstes mit großer Aufmerksamkeit verfolgt: er beschreibt das Ausheben der Thora, die Thoravorlesung, die Hagbaha, die Haftaravorlesung — „ein Knabe tritt an das Pult, singt allein ziemlich lange" — und das Einheben. . Bemerkenswert ist auch, daß Ogier Manasse ben Israel begegnet ist, auf den ihn bereits in Danzig der Prediger und Professor der Eloquenz Johann Mochinger, der seinerseits auch in Holland gewesen war (siehe Schottmüller a. a. O. S. 220), hingewiesen hatte. Endlich besonders bemerkenswert sind Ogiers Schlußworte über eine eigene Aeußerung der Amsterdamer Juden, in denen noch Stolz und Glücksgefühl nachklingen, daß die Juden nirgends so frei wie in Amsterdam leben. Und nun geben wir Ogier selbst das Wort (a. a. O. S. 260ff.): „Dann besuchte ich die Börse, ein stattliches Gebäude von viereckigem Grundriß, mit Säulenhallen im Erdgeschoß ringsum und einem Hof in der Mitte. Dort versammeln sich nach 11 Uhr die Kaufleute in großer Schar, die Christen gehen und stehen auf der einen Seite, auf der anderen die Juden, es sind spanische und portugiesische, wie man an ihrer Sprache leicht erkennt; sie dürfen sich nach eigenem Gefallen kleiden, was ihnen ja anderwärts nicht freisteht." „Die Synagogen zeigen dieselbe Anlage wie die Kirchen unserer Reformierten. Die Frauen sitzen auf den Emporen und sehen durch Gitter, können selbst aber nur gesehen werden, wenn sie aufstehen. Die Männer sitzen unten im Schiff auf langen Bänken längs der Wand, weiter unten die jüngeren Leute; wo bei uns der Altar, befindet sich dort das Tabernakel oder der Schrein; darin verwahren sie ihre heiligen Geräte, dort entnehmen sie auch ihre Heilige Schrift, nicht die ganze Bibel, sondern nur den Pentateuch, die fünf Bücher Mosis, die auf einen sehr langen Pergamentstreifen geschrieben sind. Dieser ist aufgewickelt auf zwei Stäbe und mit Seidenschnüren wie ein Säugling zugebunden; an den Enden der Stäbe sind silberne Glöckchen nach Art unserer Kinderklappern befestigt. Ueber diese Rolle werden Ueberzüge oder Hüllen von Seiden- oder Goldstoff oder irgendeinem anderen buntgestickten Zeug gestreift. Wenn dies kostbare Unterpfand