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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-27 · Heft 43 (27.10.1911) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
Seite 510 (sequence 6)
Language
German
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sehr strenge Beurteilung erfahren und nur beim-Vorhandensein sehr erheblicher, für diese Zwecke bestimmter . Fonds bejaht werden. Sollte Ihnen auch nach dieser Auskunft die Zugehörigkeit des einen oder anderen Ihrer Beamten zum Versicherungsgesetz für Angestellte noch zweifelhaft bleiben, so ersuchen wir Sie, die prinzipielle Entscheidung über Ihren Beitritt zur Ersatzkasse davon nicht abhängig zu machen, da, wenn sich die Nichtzugehörigkeit nachträglich ergeben sollte, der Betreffende von selbst aus unserer Kasse ausscheiden würde. Jsrob Wallrrmsnn. Von Dr. Victor Goldschmidt. Ueber die ästhetischen Qualitäten Jacob Wassermanns dürfte man sich, heute in literarischen Kreisen soweit klar sein, daß man ihn den ganz wenigen Schriftstellern zurechnen kann, die sich fast ununterbrochen in aufsteigender Linie entwickelten und trotz ausgezeichneter Leistungen ihr Bestes noch nicht gegeben zu haben scheinen. Für den. vom jüdischen Standpunkte aus Betrachtenden ist Wassermann vor allem deshalb wichtig, weil er, ohne jüdischer Tendenzschriftsteller zu sein, das Problem des Judentums von heute aus tiefster Seele dichterisch erfaßt und, wenigstens in seinen Jugendjahren, leidenschaftlich an ihm gearbeitet hat. Sein erstes Hauptwerk, „Die Juden von Zirndorf" ist ganz der „Judensrage" im tiefsten, durchaus unpolitischen Sinne gewidmet. Renate Fuchs ist es, teilweise auch noch; und noch im Problem des Moloch spielt das Judentum eine wesentliche Rolle. Dann allerdings scheints, als habe der Dichter sich müde gerungen; er läßt dies Problem ganz fallen und wendet, sich anderen Stoffgebieten zu — nicht zum Schaden der Dichtung, denn Meisterwerke gelangen ihm, aber eben auch nicht gerade zum Vorteil des Judentums. Raummangel zwingt mich leider, hier nur aus dasjenige Werk Wassermanns genau einzugehen, das vom jüdischen Standpunkt aus am meisten interessiert: aus „Die Juden von Zirndorf". Doch will ich es mir nicht versagen, auch die anderen bedeutendsten Werke des Dichters kurz zwar, aber ihrem Wert entsprechend zu würdigen. Wassermann begann mit zwei an sich ziemlich gleichgültigen Erzählungen („Melusine" und „Schläfst Du, Mutter?"), die schon ein gewisses eigenartiges Quillen ans seelischen Tiefen spüren ließen. Etwas Fragendes, Sehnsüchtiges stieg da auf, aber voll und stark — keine schmalbrüstige Aesthetensehnsucht, sondern das starke Sehnen und wünschende Fragen eines Juden, der . seelische Kräfte vieler Generationen in sich gespeichert fühlt. 1897 erscheinen „Die Juden von Zirndorf". Man sieht hier noch keineswegs einen künstlerisch gefertigten, sormsähigen Dichter. Der Roman ist in seiner Komposition verworren, ja oft wüst und technisch gewiß kein Meisterwerk. Aber es ist schon der ganze Wassermann darin: sein bildglühender Stil und sein tiefstes Erfassen. Man meint nach der Lektüre des Buches, der Dichter habe bewußt eine feste Form verschmäht, trotzdem sie ihm zu Gebote stand, um ja nicht gehindert zu sein in der vollen dichterischen Ausgestaltung seiner Tendenzen. Denn daß er zu einer fast architektonischen Konzentration fähig ist, beweist das Vorspiel; ein kleines Meisterstück. Die Wirkung des Sabbatai Zewi (die um 1660 einsetzte und 1666 ganz plötzlich abbrach) auf die deutschen Juden wird hier gestaltet. Ein vom Sabbatai, dem größten Betrüger seines Jahrhunderts, Begeisterter kommt zu den Fürther Juden und predigt ihnen das neue Reich und die Ankunft des damals besonders ersehnten Messias eben in der Person des Sabbatai. Es beginnt ein mit unglaublicher psychologischer Feinheit dargestelltes Sichlösen aller alten Bande: die Juden, die trockenen Geschäftsmänner, die gequälten und getretenen Sklaven des geringsten Christen werden wach, werden begeistert, sangen an Orgien zu feiern und verfallen schließlich in eine religiös-sinnliche Raserei voll furchtbarer asketischer und fleischlicher Ausschweifungen. Aus allen Teilen der Welt kommen neue Wundernachrichten über das Wirken Sabbatais: da beschließt man, die Zelte abzubrechen und zu ihm zu ziehen. Unter furchtbaren Verhältnissen geschieht es. Nürnberger Reiter treiben die Juden in einen brennenden Wald, und nur mit genauer Not entgehen sie dem Tode. Als sie aber endlich soweit sind, fürbaß wandern zu dürfen, da kommen ihnen fremde Juden entgegen und melden ihnen, Sabbatai sei zum Islam übergetreten. In weiser Beschränkung verzichtete der Dichter darauf, die ganze Wirkung dieser Katastrophe darzustellen. Seine meisterhafte Kunst betätigte sich hier im Schaffen der unheilsschwangeren Schwüle, die über der Judenstadt lastet und die hoffnungsbereiten Seelen ihrer Bewohner nicht zu wahrer Freude kommen läßt. Es ist vielmehr wie ein letztes, verzweifeltes Aufjauchzen kurz vor dem Untergange. Diese Raserei, die sich selbst höchste Wonne vormachen möchte und doch im Tiefsten so verzweifelt ist, dieser so ganz jüdische Zustand — ihn hat Wassermann meisterlich gestaltet. Die Verzweiflung der Gescheiterten wagte er nicht darzustellen oder er wollte es nicht. Er sagt nur ganz kurz, daß sich einige der Auswanderer in einem von ihnen Zionsdorf genannten Flecken ansiedelten, und daß unter ihnen der Ahnherr des jungen Agathon Geher sich befunden habe, welcher Nachkömmling der Held des Buches werden soll. Dieses kleine Vorspiel hebt sich höchst vorteilhaft von dem Hauptwerk ab durch seine Gedrungenheit, durch seine energische, balladeske Konzentration, die man im Roman selbst schmerzlich vermißt. Richard M. Meyer hat ihn treffend einen „geistreich verworrenen Spätling der Romantik" genannt. Und tatsächlich erinnert Stil und Technik an die frühen Romane des Tieck und Arnim. Kein Anfang — kein Schluß, ein marionettenhastes Vorbeihasten von Personen, keinerlei eigentliche Handlung. Aber! Jede Gestalt im tiefsten erfaßt und von gewaltiger Lebendigkeit. Das ist das Geniale an diesem Dichter, daß sich seine jüdische Liebe zum Bizarr-Phantastischen, zum Glänzend-Espritvollen, zum Sehnsüchtig-Sentimentalen gepaart hat mit einem eigentlich ganz germanischen scharfen Tatsächlichkeits-Erfaffen. So deutlich Wassermanns übrigens erfolgreiches Bemühen ist, seinen Gestalten eine gewisse Symbolik mitzugeben, so wenig sind diese dadurch blutleer, allegorischschemenhaft geworden. Unser nach Wassermann fast wichtigstes Zeitproblem soll hier behandelt werden; das neue, dem Ghetto gänzlich entwachsene Judentum in seinem erbitterten Kampfe mit germanischem Wesen um die Herrschaft im deutschen Lande. Die alte, starke Generation von „Verdienern", die die äußere Sicherheit des Judentums durch Gelderwerb gründen zu können meinte, ist im Niedersteigen begriffen. Es kommen neue Gestalten, wie vor 2000 Jahren beginnt der neue Jude, der die Gesetze der Väter im tiefsten nicht mehr versteht, die Sehnsucht nach dem Leiden, die Freude am Unsinnlichen zu predigen. Da ist ein junger Dr. Nieberding; die schöne heiße Jeannette Löwengart liebt ihn. Er aber nimmt sie nicht, denn erst wenn er sich nach ihr im brennenden Leide sehnt, kann er sie wahrhaft lieben. — Diesen Zug nun, der wirklich stark war in jener Zeit (um 1885) glaubt Wassermann als den jüdischsten kennzeichnen zu können. Ihm, dem das Christentum seine

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