Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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muß, obgleich viele der bedeutendsten Künstler dem Katholizismus I angehören, so wenig brauchen die Juden von Poetischer Unfruchtbarkeit zu sprechen und über solche zu trauern, wenn auch bisher nur ein Allererster, Heinrich Heine, aus ihrem Kreise hervorgegangen ist. Die Woche Berlin, 24. Oktober. er italienisch-türkische Krieg geht weiter; die Türken, die ursprünglich mit echt muselmännischer Indolenz alles an sich herantreten ließen, fangen an sich zu wehren, beginnen selbst den Angriff und haben, wie es scheint, den Italienern eine recht empfindliche Niederlage beigebracht. Dadurch werden die Aussichten aus den Frieden sehr getrübt, eine Möglichkeit der Vermittlung der europäischen Mächte scheint einstweilen ausgeschlossen. Bisher waren die Juden in Tripolis von dem Kriege nicht mehr betroffen als die Anhänger der übrigen Glaubensgemeinschaften. In der Türkei sucht die in Saloniki erscheinende „Aurore" in manchen Artikeln den Patriotismus der türkischen Juden zu konstatieren und noch 'stärker zu entflammen. Sie ruft namentlich die Juden auf, in der Bedrängnis des Vaterlandes alle innere Zerklüftung zn vergeffen und nur nach Einheit zu streben. Sie veröffentlicht einen Aufruf des allgemeinen Flottenkomitees, der 20 Millionen Türken anrät, zum Zwecke der Vermehrung der Flotte monatlich 1 Piaster und 760000 für so wohlsituiert hält, im gleichen Zeitraum je 1 Pfund zu opfern. Durch solche Spenden würden in fünf Jahren 10 Dreadnoughts, 10 große, 25 kleinere Kreuzer und 25 Torpedobootzerstörer beschafft werden können. Sie richtet Einen warmen Appell an die Juden in der Türkei, nach diesem Ausruf zu handeln. „Wir sind mit dem türkischen Reich durch die Bande ewiger Dankbarkeit verbunden. Die Türkei nahm unsere Väter gastlich auf: sie fanden Schutz in einem Lande, wo religiöser Fanatismus und Rassenhaß nur als Praktiken westlicher Barbaren bekannt waren." Sie weist darauf hin, daß die Juden in der Türkei seit Jahrhunderten keine Verkümmerung ihrer Rechte erfuhren und schließt: „Alle jüdischen Hände müssen sich öffnen, um die Gabe des Reichen und Armen der Nationalflotte darzubringen, die ein Werkzeug für. die Macht des Landes und die Wahrerin der Ehre des Lebens des türkischen Volkes werden soll. Jedes Schiff, das die türkische Standarte durch die Meere tragen soll, muß etwas von uns haben, jede Kanone in ihrem Erz etwas von unserem Patriotismus. Die Meere, aus denen unsere Vorfahren jammervoll herumgeirrt, sollen das triumphierende Zeugnis der Dankbarkeit ihrer Nachkommen tragen." Ueber die Beschäftigung der Juden in Tripolis, über die ich in der vorigen Nummer nach dem Univers israölite einzelne Angaben machte, setze ich hier nach derselben Quelle die Notizen fort: Es gibt in Tripolis fünf große jüdische Häuser, Fabriken zur Bearbeitung der Straußfedern mit im ganzen 500 Arbeitern. Außer diesen Arbeitern gibt es sehr viele Handwerker in der Stadt und im Lande, dagegen keinen einzigen Wechsler. Unter den Handwerkern gelten die Tischler als die geschicktesten, außerdem arbeiten - viele . Schneider, die nicht nur für Juden, sondern auch für die Araber tätig find. Sehr viele sind Goldschmiede, die sogar eine vollständige Zunft bilden. Sie gelten als Künstler in ihrem Gewerbe und. eben meist in guten Verhältniffen. Die jüdischen Kaufleute sind vielfach Händler mit alten Sachen, daneben vertreiben sie orientalische Parfüms, Teppiche, Kristallpfeifen und ähnliches. * . Mit der tripolitanischen Frage hängt ein von einem Kardinal geäußerter Gedanke zusammen. Ein Kardinal nämlich soll gesagt haben : „Geht die Türkei jetzt in Stücke, dann wird der'Papst das Heilige Land mit dem Titel „König von Jerusalem" für sich beanspruchen, Erreicht er dieses Ziel, so würde er als Kompensation allen Ansprüchen auf die weltliche Herrschaft über Rom entsagen." Dieser Aeußerung gegenüber ist zu bemerken, daß . es erstens recht zweifelhaft ist, ob sie überhaupt getan worden ist, und daß ferner alle Voraussetzungen und. daher auch Folgerungen derartig sind, daß man glauben sollte, es lohne frch nicht, darüber zu reden. Trotzdem hat die „Vossische Zeitung" es für gut befunden, einen ihrer Berichterstatter zu Vertretern des katholischen, protestantischen und jüdischen Glaubens zu schicken und sie um ihre Meinung zu befragen, und die genannten Herren haben, statt" den lästigen Frager abzuweisen, wirklich geantwortet. Herr Professor May bäum äußert sich folgendermaßen: „Als deutschem Staatsbürger kann es mir ganz gleichgültig sein, ob der Papst in Rom residiert oder in Jerusalem. Der Jude kann an Jerusalem nur noch ein geschichtliches, aber gar kein politisches Interesse haben. Er hat seine Mission in Palästina erfüllt und muß, um seine Mission noch weiter zu erfüllen, treuer Staatsbürger der verschiedenen Länder bleiben, denen er angehört. Als Jude aber, das muß ich offen gestehen, wäre mir ein Papst in Jerusalem sehr unangenehm, wie es meinen Glaubensgenossen überhaupt unangenehm sein müßte. Der Grund beruht aus historischer Erfahrung. Wir haben gesehen, welch ein tolerantes Volk die Türken sind. Alle Völker sind ihnen durchaus gleichberechtigt. Sie denken nicht an Proselytenmacherei. Und die Päpste? Auch ihre Geschichte kennen wir. Und wenn heute der Sitz des Papstes nach Jerusalem verlegt .würde, so ginge morgen die Proselytenmacherei an. Und käme zu diesem Wohnungswechsel gar noch territoriale Macht, dann müßte „das Land des Papstes natürlich sofort christlich werden". Alle die schönen, von Juden geschaffenen, zu großvn Hoffnungen berechtigenden Anfänge industrieller und wissenschaftlicher Natur würden bald wieder ruiniert sein. Und deshalb wiederhole ich: Als deutschem Staatsbürger ist mir die Angelegenheit gleichgültig; als Jude aber ziehe ich in Jerusalem den Türken dem Papste unbedingt vor. Und jeder denkende Jude wird mir beipflichten." Diese Aeußerung wird man wohl unterschreiben können. Ueber eine derartige Fragestellung pflegte mein Vater zu sagen „Ausgeruhte Köpfe". Wie weit in Palästina, das sich ja nun einstweilen doch noch in den Händen der Türkei befindet, die Lage der Juden gesichert ist, geht aus einer sehr merkwürdigen Antwort hervor, die, nach der „N. I. K." von der türkischen Regierung gegeben worden ist. In der angegebenen Korrespondenz heißt es nämlich: Auf die wiederholten Schritte,, die, infolge dringender Vorstellungen von palästinischer Seite, der Chachambaschi der Türkei bei der ottomanifchen Regierung getan hat, ist ihm nun der offizielle Antworts-Takrir vom Großwesirate zugegangen. Die Antwort der Regierung ist von lebhaftem Wohlwollen für die Juden Palästinas und von Fürsorglichkeit um ihre Sicherheit getragen. Der Antrag, an verschiedenen Punkten des Landes Militärposten zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung anzulegen, ist akzeptiert, und die Bereitwilligkeit der - jüdischen Kolonien und Gemeinden Palästinas, die hierzu nötigen Bauten auf eigene Rechnung zu übernehmen, mit gebührender Anerkennung zur Kenntnis genommen worden. Jedoch lehnt die ottomanische Regierung diese pekuniäre Mithilfe ab, da eS ihre eigene Pflicht fei, für die öffent. liche Sicherheit alles Nötige aufzuwenden. Zum Zwecke der Ausführung ihrer Intentionen fragt schließlich die Regierung den