Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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—— 506 eine Dichtung dieser Art mit dem Ende des vorigen Jahrhunderts kommen mußte, ich glaube aber auch, daß sie sehr natürlicherweise durch Dichter jüdischen Blutes inauguriert werden mußte. Denn für die jüdischen Nerven mochte das Uebermaß jäh erschlossener Kulturreichtümer am überwältigendsten sein, und diese Nerven waren die aristokratisch geschwächten, die dekadenten Nerven eines Volkes, das seit vielen tausend Jahren nicht mehr mit der Natur, sondern nur noch mit dem Geiste verkehrt hat." Als seine Genossen hebt er hervor: Arthur Schnitzler, Jakob Wassermann, Beer-Hosmann und Emil Ludwig und meint von ihnen, daß sie alle die gleiche Grundveranlagung haben, die eine Erbschaft des Judentums sei. Sie sind nicht Söhne, sondern Enkel der Natur, sie kommen nur auf kulturellem Umwege zu ihr; sie haben die Unschuld der Sinne nicht, sie müssen alles durch die Idee, die Reflexion, den Vergleich treiben —, und sie sind deshalb bei allen reichen'Gaben nie Dichter im großen elementaren Sinne des Wortes. ....... Ferner nennt er als jüdische oder von Juden stammende Vertreter der Poesie des reinen Geistes Alfred Mombert und Peter Altenberg, und endlich unterscheidet er noch eine Klasse, die er mit etwas gewundenen Worten folgendermaßen charakterisiert: „Man kann aber auch in langsamer gewissenhafter Arbeit die Schlucht bis zu einem letzten feinen Spalt, der freilich immer bleiben wird, zuschütten. Man kann jene höchste Klugheit besitzen, die sich selbst überwindet und den Menschen voll Mißtrauen gegen alles bloß Intellektuelle langsam zur Natur zurück erzieht, Bewußtheit, die aus einer ganz tiefen Kritik und Selbstkritik fast eine neue Naivität, eine zweite Unschuld zurückgewinnt. Dies ist übrigens der Weg, auf dem eine so ganz intellektuelle Natur wie Lessing fast zum Dichter., geworden ist." Als deren Vertreter nennt er den jüngst verstorbenen I. I. David und fährt dann fort: „Moritz Heimann, einer der allerklügsten Köpfe, so klug, daß er sich seiner Klugheit nie anvertraut, daß er das überlegene Recht der Wirklichkeiten in jedem Augenblicke spürt und gelten läßt. Er kann ein Schüler Gerhart Hauptmanns sein, des allersinnlichsten Dichters, weil er aus Ueberzeugung besitzt, was jener aus Natur: den heiligen Respekt vor den Dingen, den Glauben an die Unergründlichkeit aller Tatsachen. Noch schmeckt Heimanns Poesie nach dem Wege, auf dem sie gewonnen ist, noch haftet der Natur, die er gibt, zuweilen ein gefühllähmendes Aroma von Geistigkeit an." (Ich gestehe, daß ich von diesem durch Bab unendlich gerühmten Autor bisher so gut wie nichts gelesen habe und daher nicht beurteilen kann, ob Babs Lob wirklich berechtigt ist.) Nach diesen Ausführungen schließt Bab mit folgenden Worten: „So weisen alle Ausnahmen, Variationen und Einschränkungen doch schließlich auf die eine Tatsache zurück, daß dem Juden, soweit er unter der Herrschaft der ererbten Eigenschaften seiner Rasse steht, die eigentliche dichterische Produktivkraft im reinsten und stärksten Sinne des Wortes Mangelt. Sie haben nicht, jenes sinnlich ungebrochene Verhältnis zur Natur, jenes reine feste Besitzergreifen von Tatsachen, das die Voraussetzung großer Dichtungen ist. Freilich können sie gerade durch dies unsichere Verhältnis zur Natur, . gerade mit dieser Ueberlastung durch geistige Probleme, bei der leidenschaftlichsten Sehnsucht nach Sinnlichkeit und künstlerischer Form es zu gewissen Zwischenformen, Grenzformen der Poesie bringen, die dieser Zeit durchaus wertvoll find, weil sie nur in besonders markanter Weise einen Zustand ausdrücken, der der ganzen europäischen Generation heute eignet. Die natürlichste und. sicherste Leistung der Juden aber, die aus der geschilderten Veranlagung folgt, bleibt.das Mittleramt, bleibt Kritik und Prophetie. Die Juden pflegen für jede große Natur das scharfe Auge der Sehnsucht und das starke Wort des wahrhaft Bedürftigen zu haben, und so glaube ich, daß ihr Anteil an der deutschen Dichtung der Gegenwart kein im höchsten Sinne schöpferischer, aber doch durchaus ein positiver ist." Ich kann im allgemeinen, wenn ich von den kurz gemachten Gegenbemerkungen gegen die Würdigung einzelner Personen absehe, das unterschreiben, was Bab sagt. Man muß bedenken, daß Bab keineswegs, wie er selbst einräumt, alle jüdischen Schriftsteller nennen wollte, sonst hätte er gewiß erfolgreiche jüdische Lustspieldichter, ferner unter den jüngst verstorbenen K. E. Franzos, unter den noch lebenden Ludwig Fulda nennen Tonnen. Das eine, was er hervorhebt, ist gewiß richtig, und man muß in diesen Dingen die Wahrheit gelten lassen, einen führenden deutschen Dichter jüdischen Glaubens gibt es in der Gegenwart nichts nur freilich brauchen wir deswegen die Hoffnung nicht aufzugeben, daß in Zukunft, einer kommen wird. Es ist daher nicht gut, wenn man von jüdischer Seite mit falscher Empfindlichkeit gegen Babs Ausführungen auftreten wollte. Nun sollte man denken, daß auch antisemitische Zeitungen mit diesen Zugeständnissen eines jüdischen Schriftstellers genug hätten, aber die „Staatsbürgerzeitüng" ist noch nicht damit zufrieden. Sie nimmt zwar alles mit Dank an, was ihr in den Kram paßt, aber den einen, in dem obigen Auszug nicht angeführten Satz will sie nicht gelten lassen. Der Satz lautet: „Die norddeutsche Goethe-Gemeinde ist von Jüdinnen geschaffen, die persönlichen Freunde, die literarischen Herolde Friedrich Hebbels sind jahrzehntelang Juden und fast nur Juden gewesen. Und am Triumphzug Richard Wagners so gut wie Friedrich Nietzsches haben Juden wesentlichen Anteil gehabt." Sie wirft sogar bei der Bekämpfung des angeführten Satzes mit Worten wie : „Blödsinn" und ähnlichem um sich, verdreht die Worte des Verfassers. Indessen trotz ihres Geschimpfes läßt sich , an der Tatsache nichts ändern. Daß Rahel, Henriette Herz und ihre Freundinnen die ersten waren, die in Berlin Goethe anerkannten — und weiter behauptet Bab nichts — läßt sich für den Historiker nicht leugnen; daß die Juden wesentlichen Anteil an Hebbels und Richard Wagners Triumphzug hatten, daß sie nicht bloß die Besucher der Dramen und Opern waren, sondern in hohem Grade als Kritiker, Biographen, Lobredner zu der allgemeinen Anerkennung der beiden, des Dichters wie des Musikers beigetragen haben, das kann keiner leugnen, der die Wahrheit nicht verdrehen will. Ist nun vielleicht das Vorstehende für manche betrüblich, so muß man das eine bedenken: Erst vor 150 Jahren haben die Juden angefangen, sich am deutschen Geistesleben zu beteiligen. Eine für die Weltgeschichte und die Geistesentwicklung recht kurze Spanne Zeit. Für diese kleine Periode haben sie schon ganz außerordentliches geleistet. Unter ihren Schriftstellern und Künstlern sind im Verhältnis zu dem Prozentsätze, den sie in der deutschen Bevölkerung bilden, so viele tüchtige Menschen zu nennen; so mancher hat mit großem Glück versucht, sich in deutsches Geistesleben.einzuarbeiten, daß man sür die Zukunft nicht zu verzweifeln braucht. So wenig Preußen an seiner musikalischen Kraft zweifelt, obgleich die -drei genialsten Musiker des 18. Jahrhunderts und so viele seitdem aus Oesterreich-stammen; so wenig Norddeutschland die poetische Kraft für sich verschlossen zu halten behauptet, obgleich Goethe und Schiller; aus Süddeutschland stammen; so wenig der Protestantismus die künstlerische Ader sich voxenthalten wähnen