Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Lebendigkeit ausgeprägt; aus der dekorativen Formung des weich behandelten Marmors blickt die Persönlichkeit, auf sich selber fußend, hervor." Herr Hannaux stammt bekanntlich aus Metz und ist der Bruder des hochgeschätzten Präsidenten des Konsistoriums von Lothringen; er weilt zurzeit in Saargemünd und ist mit der Anfertigung der Büste des Herrn v. Jaunez, des ehemaligen Präsidenten des Landesausschusses beschäftigt. Ferner wurden von den Eltern eines früheren Schülers für die Ausstellung zwei wunderbare Oelgemälde zur Verfügung gestellt, eine amerikanische Landschaft und eine Modistin an der Arbeit darstellend. Es ist Herr Julien Feist aus Trimbach (Kreis Weißenburg), der seinerzeit bei Ott tröres die Kunst der Glasmalerei erlernte und sich in Amerika durch Fleiß und Ausdauer bereits eine schöne Stellung geschaffen hatte. Leider ist der Künstler kürzlich gestorben. Das Herz blutet einem, wenn man diese herrlichen Arbeiten sieht, deren Schöpfer so früh von dieser Welt abberufen wurde. So bietet die Ausstellung gar viel des Interessanten und Schönen. Wir freuen uns mit ihren Veranstaltern über den großartigen Erfolg. Sind es doch unsere Landeskinder welche dies alles geschaffen! Verwaltungsrat und Direktor werden aber in der einstimmigen Anerkennung über das Dargebotene, die ihnen von allen Seiten in so reichem Maß zuteil wird, den schönsten Lohn für die Bemühungen um das Zustandekommen dieses schönen Werksfinden. Möge die Israelitische Gewerbeschule den betretenen Weg weiter verfolgen! Die Unterstützung aller Gutgesinnten wird ihr auch fernerhin in vollem Maß zuteil werden! Schweiz. J. W;. üBrtfel, 13. OEtobec. Auf der hier am 4. und 5. September stattgehabten sechsten Jahresversammlung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft wurde unter anderem auch über die Ausländerfrage verhandelt, die auch für uns Juden von Wichtigkeit ist. Armeninspektor F. Keller stellte folgende Thesen auf: 1. Die stetig zunehmende Einwanderung der Ausländer, die sich in der Schweiz niederlassen, ohne sich zugleich einzubürgern, ist eine Gefahr für unser nationales Leben und bedroht in beängstigender Weise die Integrität unseres Volkes und die politische Selbständigkeit unseres Staatswesens. 2. Da gesetzgeberische Maßnahmen zum Zwecke der Erleichterung der Einbürgerung von Ausländern erfolglos geblieben sind, kann nur durch das Mittel der. Zwangsnaturalisation der Fremden der drohenden Gefahr vorgebeugt werden. 3. Die Zwangsnaturalisation soll Umfassen: Alle in der Schweiz geborenen Kinder, von ausländischen Eltern, sofern: a.) der eine oder andere Teil in der Schweiz geboren ist;, b) die Mutter vor ihrer Verheiratung schweizerischer Herkunft war; v) die Eltern vor Geburt der Kinder während einer größeren Anzahl von Jahren in der Schweiz niedergelassen waren. 4. Das Recht der Option ist auszuschließen und kann nur in besonderen Fällen durch den Bundesrat gewährt werden. 5. Allen anderen, durch das Gesetz nicht betroffenen Ausländern ist ein Rechtsanspruch auf Naturalisation unter gewissen Voraussetzungen und Bestimmungen zuzugestehen. 6. Die Zwangseinbürgerung erfolgt auf der Basis der Wohngemeinde. 7. Die Gemeinden haben die Pflicht, den Aufgenomlnenen im Verarmungsfalle die nötige Unterstützung zuteil werden zu lassen, dagegen steht ihnen das Recht zu, zwangsweise Aufgenommene vom Mitanteil an Bürgergütern auszuschließen. 8. Bis zu einer gesetzlichen Reglung des Armenwesens durch den Bund hat dieser den Gemeinden angemessene Beiträge für die aus der Zwangsnaturalisation erwachsenen Armenlasten zu gewähren. Gesterreich-Nngarn. K. Wien, 13. Oktober. Unter dem Titel „Erinnerungen an KaiserinAugusta" veröffentlichte die „Neue Freie Presse" in Nr. 16921 ejn Feuilleton vom Geheimen. Sanitätsrat Dr. Paul Schliep in Baden-Baden, der seit dem Jahre 1873 Leibarzt Ihrer Majestät der verewigten, Kaiserin war und das Vertrauen der hohen Frau bis zu ihrem Lebensende genoß. Dr. Schliep schreibt unter anderem: „Ihre (der verewigten Kaiserin) Seele litt viel unter dem Zwiespalt, der sich in den kommenden Jahren (d. h. vom Jahre 1870 an) herausstellte. Von der hohen Warte des Preußischen Königsthrones aus kannte die von. Menschenliebe erfüllte Landesmutter keinen Unterschied zwischen Protestanten, Katholiken und Juden. Je stärkere Wogen aber der Kulturkampf entfesselte, desto mehr war sie überzeugt, daß eine Politik der Verfolgung scheitern würde." Ferner heißt es in dem genannten Feuilleton wörtlich: „ . . . und es begreift sich, daß ihr Herz bei dem Gedanken an die Möglichkeit blutete, daß schon wenige Jahre, nachdem alle Söhne Preußens, welcher Konfession immer sie ängehörten, ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, eine Art von Bürgerkrieg das Vaterland verheeren sollte. Es schjen ihr auch, als ob dadurch so etwas wie ein giftiger Meltau auf die menschenfreundlichen Einrichtungen gefallen wäre, die unter ihrer eigenen mächtigen Förderung zum Heile aller Deutschen ohne Unterschied des Glaubens gegründet worden waren." Diese edle Denkungsweise der verewigten Monarchin verdient der Vergessenheit entrissen zu werden. — Die christlich-soziale Partei, die in der Bevölkerung von Tag zu Tag an Anhang verliert, aber in der Verwaltung der Stadt Wien und des Landes Niederösterreich noch immer allmächtig ist, hat Ernst Schneider, der von Lueger kaltgestellt wurde, wieder in die Höhe gebracht und ihn als Nachfolger Geßmanns sogar mit dem Schulreferat im Landesausschuß betraut. Dieser bildungs- und kulturfeindliche Geselle, dieser haßerfüllte, blutrünstige Fanatiker Unterrichtsminister von Niederösterreich, das ist wohl die größte Ungeheuerlichkeit, zu der sich die antisemitische Partei in ihrer Degeneration versteigen konnte, ein Faustschlag ins Gesicht der gesamten gebildeten Oeffentlichkeit. Wie ein Ertrinkender sich am Strohhalm klammert, so glaubt vielleicht die christlich-soziale Partei durch eine stärkere Akzentuierung des antisemitischen Standpunkts, die in der Wahl des Mechanikers Schneider zum Landesausschuß und Schulreferenten ihren Ausdruck finden soll, die immer lichter werdenden Reihen 'ihrer Genossen zu verstärken. Aber alle diese Künste und Spiegelfechtereien sind vergebens und nur sichere Anzeichen ihres Niedergangs. Reich und übervoll ist das Maß ihrer Sünden, verhängnisvoll sind die Folgen ihrer Politik, die zu Teuerungsexzessen, Blutvergießen und in fernerer Konsequenz auch zu Revolverschüssen im Abgeordneten hause führten, und mögen sie sich äußerlich noch so übermütig zeigen, innerlich sind sie morsch und zerfallen, und hoffentlich ist die Zeit nicht mehr so fern, wo sie von ihrem wohlverdienten Schicksal ereilt werden. — Das ungarische Amtsblatt meldet die Ernennung des Kronanwalt-Substituten Dr. Isidor Baumgarten zum Senatspräsidenten an der königlichen Kurie, dem Obersten Gerichtshof in Ungarn. Aus der Advokatur hervorgegangen, hat Dr. Baumgarten gleich bei seinem Erscheinen in der Staatsanwaltschaft als der Vertreter der Anklagebehörde in berühmten Kriminalprozessen durch die Tiefe seines psychologischen Blicks, durch die Schärfe seines juristischen Urteils und durch die Wucht seiner Rede allgemeine Aufmerksamkeit erweckt. Diese Qualitäten kanten auch in einer reichen und interessanten schriftstellerischett Tätigkeit zum Ausdrück. Frankreich. M. F. Paris, 8. Oktober. Herr Dr. Daffh Wolk, Jng.-Chem., Mitglied der „Soci6te Chimique de FraDce" in Paris, ist von der französischen Regierung durch die Minister des Auswärtigen und des öffentlichen Unterrichts unter Zustimmung des russischen Konsuls zu Paris zum „Okkieier d’Acad6inie" ernannt und mit dem;,1a1me8- Üoadömique8"-Orden an blauem Bande zu tragen, beehrt worden. Der junge Gelehrte Dr. Wolk hat sich bei der französischen Regierung durch seine wissenschaftlichen Arbeiten und Propaganda für die französische Industrie sehr beliebt gemacht, und auf Veranlassung verschiedener Gelehrten und eines Abgeordneten der französischen Kammer haben ihn-der Bildungsminister und der Minister des Auswärtigen zu dieser großen Ehre erhoben. Dabei ist nicht zu vergessen, daß Dr. Wolk noch jetzt russischer „Bürger", Jude und erst 26 Jahre alt ist. Schon im vorigen Jahre hat Dr. Wolk große Ehre in Frankreich erworben, dadurch, daß die „Französische Akademie der Wissenschaft" eine Abhandlung von-ihm über ein chemisches Salz, das von großer Bedeutung für die Agrikultur ist, in ihren „Comptes Rendus“ lobend veröffentlicht hat. Der junge otöeier d'Aeademie, ein Rang, zu dem es noch kein einziger ausländischer Jude in diesem Alter in fremdem Lande gebracht' hat, ist ein Rabbinersohn; sein Vater war der große jüdische Gelehrte, Herr