Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3229004--67875-3280116- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
75. Jahrgang Nr. 42 dkk r»- Oktober l?II Vetlsge zur ^Mlsemeinen Teilung ürß Judentums" kllrrrkponLmrm und Kschrichtm. Deutschland» L2 Berlin, den 18. Oktober. Die neuerdings eingetretene abnorme Teuerung aller Lebensbedürfnisse ist auch dem sozialen Empfinden unserer jüdischen Gemeindebehörden nicht entgangen. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß der Vorstand der Gemeinde aus eigener Initiative sich mit der Frage beschäftigte, ob' und in welchem Umfang angesichts der allgemeinen Teuerung eine Teuerungszulage für die Gemeindebeamten erforderlich und sozial gerechtfertigt erscheint. Wie es heißt, soll der Vorstand sich für die Gewährung einer solchen Zulage ausgesprochen haben, und eine entsprechende Vorlage dürste voraussichtlich bereits die nächste Repräsentantenversammlung beschäftigen. Ueber Art und Höhe der Teuerungszulage, die naturgemäß nur für die Beamten bis zu einer gewissen Gehaltsgrenze in Frage kommt, läßt sich zurzeit noch nichts sagen. In Betracht dürften von den Beamten der Verwaltung etwa 80 Personen kommen. y. Berlin, 18. Oktober. Im Lichte der authentischen Zahlen sieht sich manches doch anders an, als in der Dämmerung kalkulatorischer Vermutungen. Ueber die Laufs euch e in Berlin, mag sie auch jetzt noch bedauerlich umfangreich sein, sind doch, wie sich nun zeigt, arge Uebertreibungen im Umlauf gewesen. Oder sollte die von dem „Gemeindeblatt" erfolgte regelmäßige Veröffentlichung der Taufliste hier doch von recht heilsamen Folgen gewesen sein? Tatsächlich zeigen nämlich die Ziffern der monatlichen Austritte aus dem Judentum hier in Berlin seit dem Erscheinen des Gemeindeblattes eine ganz beträchtliche Abnahme der Uebertritte. Betrugen sie noch im Durchschnitte der ersten beiden Monate nach Erscheinen des Blattes im Dezember 1910 und Januar 1911 rund 37 pro Monatso war diese Zahl im April bereits auf 24 und im Mai auf 22 gesunken. Noch ausfallender aber ist seitdem der Rückgang. Die Zahl der Austritte aus dem Judentum ist seitdem nämlich immer weiter zurückgegangen, sie betrug im Juni nur noch 14, im Juli 5. im August 12 und endlich im September gar nur noch 4. Insgesamt beträgt die Zahl der Austritte in den ersten neun Monaten des Jahres 154, also gewiß erheblich weniger, als man ohne diese statistisch einwandfreie Feststellung anzunehmen geneigt gewesen wäre. Gewiß ist auch diese Zahl noch viel zu groß, und es bleibt zu wünschen, daß sie noch weiter zurückgehe. 8. Berlin, 18. Oktober. Der „Frauenverein der Berliner Logen U. O. B. B. — zur Pflege armer jüdischer Wöchnerinnen" versendet einen Bericht überseine Tätigkeit in der Zeit vom 1. April 1910 bis 31. März 1911. Der Verein, seit 23 Jahren bestehend, kann auf ein an Arbeit und an Erfolg sehr reiches Jahr zurückblicken. Die Mitgliederzahl ist um 400 gestiegen und betrügt 2070. Alle Gesuche von Wöchnerinnen konnten berücksichtigt werden. Insgesamt wurden 359 Personen unterstützt. Davon 318 in ihrer eigenen Häuslichkeit. Hierfür sind 21 Pflegerinnen mit einem Tageslohn von drei Mark fest .angestellt. 41 Mütter fanden im Wöchnerinnenheim in der Elsässer Straße, das mit dem „Israelitischen Krankenheim" verbunden ist, Aufnahme. Seine nächste dringende Aufgabe sieht der Verein in der Schaffung eines jüdischen „Mutterheims". Es sind bereits Unterhandlungen für den Ankauf und Bau eines geeigneten Hauses eingeleitet. Hoffentlich unterstützen weiteste jüdische Kreise dieses Werk, das eine Notwendigkeit ist. Auch die Pflege der Geselligkeit wurde nicht vernachlässigt. Im Wiuter fanden regelmäßig Teenachmittage statt. Im Januar d. I. fand ein Konzert in der „Philharmonie" statt, das einen Ueberschuß von 4508 Mark brachte. Die Einnahmen im Berichtsjahre betrügen 27106 Mark, die Ausgaben 15 188 Mark, so daß ein Ueberschuß von etwa 12000 Mark verbleibt. Für den Jablonsky-Fonds gingen 6180 Mark ein, für die Effekten angekauft wurden. Außerdem besitzt der Verein Effekten im Werte von 14950 Mark. 8. Berlin, 18. Oktober. Am 10. d. M. fand in der Aula der ^jüdischen Mädchenschule in der Kaiserstraße die feierliche Einführung des neugewählten Rektors Dr. Spanier statt. An der Feier nahmen die Vertreter des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes und der jüdischen Gemeinde sowie die Schülerinnen der oberen Klassen teil. Mit dem Liede: „Gott grüße dich" wurde die Feier eingeleitet. Sodann sprach Geheimer Regierungsrat Professor Dr. Gei ger namens ' des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes Herrn Lehrer Falkenberg, der im Sommersemester provisorisch das Rektorat geführt hatte, den Dank für seine hingebungsvolle Arbeit aus, widmete hierauf warme Abschiedsworte dem bisherigen Rektor Dr. Guttmann, um zum Schluß dessen Nachfolger Dr.-Spanier herzlichst willkommen zu heißen. Er wünschte ihm ein -langes und segensreiches Wirken, wofür seine Persönlichkeit, seine pädagogische Tüchtigkeit und seine .wissenschaflliche Fähigkeit die beste Gewähr böten. Dann Nahm das Wort Herr Falkenberg, der dem neuen Rektor den . Gruß des Lehrerkollegiums übermittelte. Nach ihm sprach Herr Dr. Spanier. Er gab der Freude über seine Berufung ^Ausdruck und hob besonders hervor, daß er die Schule im Sinne seiner Vorgänger weitersühren und vor allem Religion.' Vaterlandsliebe und Kunst pflegen wolle. - Er habe eine große Aufgabe vor sich: Die Mädchenschule aus einer gehobenen Gemeindezu einer Mittelschule zu erweitern. Er hoffe dieses Werk bald und zu aller Zufriedenheit auszuführen. Mit dem Liede: „Dem Herrn sei Dank" schloß die würdige Feier. — Berlin, 18. Oktober. Der Verein zur Bekleidung armer jüdischer Kinder veranstaltet am 11. November d. I. in den Gesamträumen der Philharmonie zum Besten seiner Unterstützungskasse ein Künstlerkonzert. Ihre Mitwirkung'haben bisher zugesagt: Königliche Hofopernsängerin Fräulein Claire Düse, Frau Ottilie Metzger (Stadttheater in Hamburg), die' Königlichen Hofopernsänger Bischof und Maclennan und Herr Professor Bernhard Dessau Eintrittskarten L 2.50 Mark, reservierte Billette L 3. 4 und 5 Mark, sind im Vereinslokal Bülowstraße 105 (Amt 6, Nr. 1442) und bei A. Wertheim, Leipziger Straße und Kantstraße 3 zu haben. LL Berlin, 18. Oktober. Seit Jahren bereitet es den Antisemiten ein diabolisches Vergnügen, den „deutschvölkischen" Kronprinzen gegen den Kaiser als den Begünstiger der internationalen „Judengrößen" auszuspielen, und nun erleben sie auch an dem kronprinzlichen Hause die schmerzlichste Enttäuschung. Nicht nur spielt der Kronprinz Golf mit ^Orientalen", auch die Kronprinzessin'tritt mit „Judenfirmen" in geschäftliche Verbindung, man lese nur folgende bewegliche Klage der Bruhnschen „Wahrheit" (29. September 1911): „Es ist in früherer Zeit der'Kronprinzessin häufig zum Vorwurf gemacht worden, daß sie ihre Toiletten usw. aus Paris und nicht von deutschen Firmen beziehe. Paris scheint die Erbin der deutschen Kaiserkrone inzwischen geopfert zu haben. Dafür ernannte sie Friedländer, Unter den Linden, und Gebrüder Masse in der Jägerftraße an ihrem Geburtstag zu Hoflieferanten. Zur selben Zeit erhielten die Inhaber der Kaffeefirma A. Zuntz sei. Wwe., Lilienfeld und'Bing, vom Kronprinzen das gleiche Prädikatv." W. SluS -er Provinz Posen/ im Oktober. Im Sitzungssaals der Synagogengemeinde hielt die Vereinigung von Rabbinern der Provinz Posen zur Wahrung des überlieferten Judentums ihre Quartalsversammlung ab. Den Vorsitz führte Herr Rabbiner Dr. Wreschner in Samter. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Mitteilungen hielt Herr Rabbiner Dr. Weyl einen halachischen Vortrag, der das Korreferat zu dem bereits von Herrn Oberrabbiner Pr. W. Feilchenfeld-Pösen behandelten Thema bildete. Diesem schloß sich das Referat des Herrn Rabbiner Dr. Silber berg-Schrimm, „Inwieweit berücksichtigt der jüdische Religionsunterricht modernwissenschaftliche Anschauungen?" an. Beiden Rednern wurde durch den Vorsitzenden namens der Versammlung der Dank ausgesprochen