Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- Seite 504 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3229004--67874-3280115- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
man nun' auch diese Kunst (oder wollen wir nicht lieber sagen: diese technische Geschicklichkeit?) loben muß, so kann man doch nicht umhin' zu bedauern, daß in diesem Pfuhl von Gewöhnlichkeit eigentlich nichts Erquickliches, vorkommt, denn Herzerfreuendes kann man in solchen modernen -Büchern gar nicht beanspruchen Man /müßte denn Hugos Mutten ansnehmen, eine gute, normale Frau, nur gar * zu unbedeutend, und seine Cousine, die dicke frische Olga, die einzige, die unter diesen hysterischen, mannstoven, oder ausschließlich auf Heirat bedachten Weibern und. diesen sinnlichen,' materiellen koketten oder phrasenmachenden Männern wirklich Gesundheitatmet. L. Gr. ==.Ä.atl Friedrich v. Kloe dens Jugenderinnerungen. Nach der ersten von Max Jahns besorgten Ausgabe neu. bearbeitet von-Karl Koetschau.1911 erschienen im Jnselverlag, Leipzig. . Die neue Bearbeitung dieses bekannten Buches muß sehr will? kommengeheißen werden. Das Leben eines ausgezeichneten Menschen, der sich aus kleinsten Verhältnissen im Kampfe mit widrigen Mächten zu einer außerordentlichen Stellung emporgeschwungen hat. — er war ein Hochbedeutenver Gelehrter, der Begründer des Gewerbeschulwesens für Preußen —, muß jedem Leser tiefen Eindruck machen und namentlich auf jüngere anspornend und befeuernd wirken. Speziell für unsere Berliner Leser ist das Buch dadurch besonders interessant, daß es in das alte Berlin, in die ersten Jahrzehnte des. 19. Jahrhunderts führt und höchst interessante Einblicke in eine längst vergangene Zeit gewährt. Aber auch für speziell jüdische Kreise sind einzelne Stellen von höchstem Interesse. S. 97 bis 102 handeln über die Juden in. Märkisch-Friedland, wo der Vater des Selbstbiographen eine kleine staatliche Stellung einnahm. Ueber ihre Sitten, Feste, Purim und Ostern wird hier eingehend gehandelt. S. 115 ff. findet sich ein sehr merkwürdiger Passus über Privatunterricht, den der junge Kloeden bei einem Bocher erhielt. S. 147 bis 150 wird eine jüdische Hochzeit anschaulich beschrieben. S. 157 ff. findet sich eine Stelle über einen jüdischen Handlungsdiener, der sich mit Astronomie beschäftigte. Interessant sind auch die Berichte S. 399 ff. über eine Landkarte von Palästina. Ebenso S. 425 ff. über den jungen Wessely (den Musiker), seine Vorfahren und deren Umgangskreis. Die Gesinnung, von der Kloeden erfüllt ist, muß man durchaus als eine humane bezeichnen. Zeugnis dafür gibt eine Stelle, die folgendermaßen lautet:. „Es gab unter den Juden recht wackere und redliche Leute, und mancher Christ hätte sich an ihrem Beispiel spiegeln können. Der Eifer, mit welchem sie ihren religiösen Verpflichtungen nachzukommen suchten, hatte etwas Rührendes und machte sie ehrwürdig." Das höchst anregende Buch verdient warm empfohlen zu werden. L. G. ö , ' — I. G. Herder, Ideen zur Kulturphilosophie. Ausgewählt und herausgegeben von Otto Braun und Nora Braun. 1911. Erschienen im Jnselverlag, Leipzig. Diese neue schöne Gabe des Jnselverlags, der sich durch seine Neudrucke aus der klassischen in» und ausländischen Literatur ein wirkliches Verdienst erwirbt,, muß auch an dieser: Stelle freudig begrüßt werden, wenn sie auch speziell Jüdisches nicht enthält. -Aber . Herders Ausführungen über die Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit sind so geistvoll und so human, daß man sie auch in unseren Kreisen gern liest. Der erste Abschnitt des Bandes enthält/ das Journal von Herders Reisen aus . dem Jahre 1769, eine wenig bekannte Schilderung aus der Zeit des jungen Herder, die die Bildung dieses eigenartigen Geistes in ganz merkwürdigerweise darlegt. Um wenigstens auf ein paar Stellen hinzuweisen, seien die Ausführungen S, 124 ff. über die altorientalischen Völker und die folgendem Dar' legungen über Aegypten und Phönizien besonders hervorgehoben - - - , V ■■ L. G. ' Sprechsaal. Wir erhalten folgende Zuschrift: An die. Redaktion der Allgemeinen Zeitung des Judentums! München, den 13. Oktober 1911. n einer der letzten Nummern brachten Sie Ausführungen aus. den „Münchener Neuesten Nachrichten" über die Abänderung des Judenedikts in Bayern und wünschten dazu Aufklärung über den Stand der Frage. Der Artikel in den „Neuesten Nachrichten", wenn man sich nicht sehr irrt, aus der Feder des Führers der hiesigen Orthodoxen - stammend, gipfelt in dem berechtigten Satz, daß die Vertreter aller Richtungen in Bayern eine Abänderung des Judenedikts herbeiführen wollen, und . bemerkt, daß diese Bestrebungen bis jetzt durch den Widerspruch einzelner Rabbiner behindert worden sind. Einsender dieses hält die Frage,, in. welcher Weise das Judeuedikt geändert werden soll, insbesondere ob es ratsam ist, dasselbe gerade jetzt unter der Herrschaft des Zentrums in Bayern, zu ändern, nicht für spruchreif. Wenngleich verschiedene Anträge schon an das Ministerium gebracht sind, sollte doch erst vollständige Einigkeit unter denjenigen Beteiligten bestehen, welche das Judenedikt geändert wissen wollend bevor die Staatsbehörden , und die gesetzgebenden Stellen 'mit der Angelegenheit sich befassen. Es wird wohl zu geeigneter Zeit dann auch in Ihrer Zeitung zu den einschlägigen Fragen wirksam Stellung genommen-werden können. — Auch in einer anderen Angelegenheit muß bei der Erörterung eines öffentlichen Vorgangs eine gewisse.Zurückhaltung gezeigt werden, in der Angelegenheit der in dev letzten Zeit durchgeführten und leider noch weiter geplanten Ausweisung von jüdischen Inhabern und Reisenden von Wäscheversand-, Photographievergrößerungs- und ähnlichen Geschäften, die aus Oesterreich-Ungarn, besonders Galizien, und auch aus Rußland eingewandert sind. Der Betrieb dieser Geschäfte, welche die Bestellungen durch Detailreisende in ganz Deutschland.und. Oesterreich aufnehmen lassen, hat gerade in bezug auf die Qualität der Reisenden so manche Uebel gezeigt, daß es nicht wunderzunehmen ist, wenn die Staatsbehörden nach vorangegangenen Anzeigen und Veröffentlichungen in der Presse auch weitere Untersuchungen eingeleitet haben, die mit der obenbezeichneten Maßregel endigten. Bedauerlich ist es dabei, daß es durchaus nicht immer ausländische jüdische Reisende sind, welche ihrem Geschästsherrn durch ihr Verhalten diese Ungelegenheiten bereiten, und weiter bedauerlich,^ daß das geschäftliche Verhalten manches inländischen Inhabers derartiger Geschäfte den Staatsbehörden Gelegenheit zur Unzufriedenheit gibt. Da in Bayern die Landesverweisung nach vorangehender genauer Instruktion unmittelbar durch das Staatsministerium verfügt wird, gibt es gegen dieselbe kein. Rechtsmittel, wird aber die Maßregel bei dem stets bewiesenen Wohlwollen der bayerischen Regierung gegenüber den jüdischen Ausländern um so. bedauerlicher auch von der Allgemeinheit empfunden. Da zum Teil Inhaber von größeren Geschäften in Frage stehen, darf gehofft und erwartet werden, daß - die bayerische Staatsregierung beim Vollzüge der Landesverweisung, schon im Interesse der inländischen Gläubiger, unter Schonung der Interessen aller Beteiligten vorgeht und vielleicht in. denjenigen Fällen, in welchen gegen die Person des Ausgewiesenen selbst nichts einznwenden ist, für den Fall der vollständigen Aufgabe des beanstandeten Geschäftsbetriebes Milde unter weiterer wenn auch, nur provisorischer Aufenthaltsbewilligung obwalten läßt. Jedenfalls bleibt für die Allgemeinheit dieunabweisbare Pflicht bestehen, zur Vermeidung einer Schädigung, des gesamten Judentums darauf bestehen zu müssen, daß alle-einschlägigen Gewerbe ihren. Betrieb so revidieren und nötigenfalls ändern,./daß er zu keinerlei Beanstandungen der Staatsbehörden Veranlassung geben kann. Gerade Ihre Zeitung ist berechtigt, von einem Kenner der Verhältnisse eine derartige- Mahnung, und Warnung entgegenzunehmen und zu veröffentlichen. -^r.