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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-20 · Heft 42 (20.10.1911) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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„Ich habe gemeint," empfing ihn Seeligmann mit mildem Vorwurf, „daß Sie mich schon vergessen haben. Und das wäre vielleicht gar ein Nebel für Sie, dennoch weiß, daß Sie noch nicht in diesem Stadtteil waren und ohne Führer wohl kaum den Weg zu Ihrer Wohnung finden könnten." Liweitzer blickte ringsherum und lachend gab er dem Alten recht. Während dieser ihn hierhergeführt hatte, waren fie in tiefes Gespräch versunken gewesen, so daß er sich den Weg nicht gemerkt hatte. Wirklich wäre es für ihn schwer gewesen, so spät am Abend, wo man die Gassennamen nicht mehr lesen konnte, nach Hause zu finden. Der alte Seeligmann hätte gar gern den Liweitzer unter den Arm gefaßt, doch, da dies vorher der reiche und mächtige Hagen getan hatte, getraute er sich das nicht mehr. Jetzt könnte es Liweitzer vielleicht als Zudringlichkeit auffassen. Die Gassen waren lang und die Nacht sehr finster. Und in diesem Teile Berlins gab es noch zu jener Zeit weder elektrische noch Gasbeleuchtung. Demzufolge geschah es, daß der alte Seeligmann zuweilen stolperte, so daß er, wenn ihn Liweitzer nicht angefaßt hätte, aus das Steinpflaster gefallen wäre. „Erlauben Sie", bat Liweitzer und schob seinen Arm in jenen des alten Mannes/ Dieser fühlte eine große, beglückende Wärme im Herzen und trabte jetzt schon mit festen, tapferen Schritten an der Seite seines jungen Freundes. „Ich danke sehr, Herr Seeligmann", sprach Liweitzer, als sie bei seiner Wohnung anlangten. „Oho, mein Freund," lachte der Alte, „so kann man mich nicht wegschicken. Meine Füße gehorchen nicht mehr auf ein Kommandowort. Ich muß ein wenig ausruhen, bevor ich nach Hause gehe. Wenn Sie erlauben, begleite ich Sie aus Ihr Zimmer." Selbstverständlich erlaubte es Liweitzer. Seeligmann blickte in dem Zimmer, welches das Jahrzeit- Oellicht beleuchtete, neugierig um sich. In diesem fahlen, - gelben Scheine erschien die ärmliche Stube noch ärmlicher. „Ei," heuchelte Seeligmann, „welch ein schönes geräumiges Zimmer." „Geräumig?" fragte Liweitzer verwundert. „Wirklich geräumig. Ich wollte, ich hätte ein solches. Ei, ei, wie gut wäre das für mich." Liweitzer verstand diesen Wunsch nicht. Hatte doch der Alte eine schöne geräumige Wohnung. „Das ist schon wahr," sagte dieser, „doch hat schon kein Nagel mehr Platz bei mir. Und eben neulich habe ich einen großartigen Schreibtisch, einen großartigen Bücherschrank und einen großartigen Diwan gekauft und jetzt sind diese teueren Möbel draußen im Hofe dem Regen und der Sonne ausgesetzt und gehen so zugrunde. Ach, ach." Seeligmann sagte dies so traurig, so verzweifelt, daß es Liweitzer das Herz beschwerte. Solch ein großer Schaden kann den Alten noch zugrunde richten. „Bitte," sagte er stotternd, „wenn Sie mir das anvertrauen wollen, hier hätte es einen guten Platz. Und mir wäre es nicht im Wege. Es ist ja genug Raum vorhanden." Der Alte lachte glückselig. Das wird ausgezeichnet sein. Hier kann er jene kostbaren Möbel großartig aufstellen. Morgen wird er dieselben herschicken. „Aber wissen Sie," sagte er mit harmloser Miene, -Benutzen Sie es auch. Nichts schadet dem Möbel so sehr, als wenn es unbenutzt dasteht."; Liweitzer dachte die halbe Nacht darüber nach, wieso es kommt, daß Möbel davon zugrunde gehen, wenn man sie nicht benutzt. Liweitzer kam als jüdischer Instruktor zu dem jungen Hagen. Baruch Hagen gehörte zu jenen Menschen, die sich für ihr Rassentum flammend begeistern, doch nicht mit dem Eingebildetsein der Konservativen, sondern mit jenem Empfinden einer höheren Art von Berufenheit, die sich nach neuen Formen sehnt, und seine Seele saugte, um sich zu vervollkommnen, alle edlen Einflüsse der um ihn herum atmenden Kultur durch weitgeöffnete Poren in sich ein. Auf diese Weise verschmolzen bei ihm in großartiger Harmonie alle guten Eigenschaften der jüdischen und der germanischen Raffe. Liweitzer bemerkte gar bald, daß dies ein anderer Typus sei als die Juden in Nagysöröd. Das ist der Typus des deutschen Juden. Bald verknüpfte aufrichtige Sympathie die beiden jungen Leute, und sie ergänzten einander, wie der obere Teil der Sanduhr den unteren Teil ergänzt. Aus der Seele des einen sickerten die Gefühle in jene des anderen, und jeder konnte deutlich sehen, wieviel er von dem andern gewonnen habe. - (Fortsetzung folgt.) E Ltteranlche Mitteilungen. ---Jüdinnen. Ein Roman von Max Brod. Axel Juncker Verlag. .Berlin-Charlottenburg. Ganz unwillkürlich fragt man bei der Beurteilung eines Romans nach den Vorgängen. Auf diese Frage kann man bei dem vorliegenden Werk nur eine recht unbefriedigende Antwort erteilen. Denn schließlich geht in dem Buche nichts weiter vor, als daß Irene Popper, ein etwas reifes, fast überreifes Mädchen sich mit einem Augenarzt Dr. Taubeles verheiratet, daß ein 17jähriger Jüngling, Hugo Rosenthah der sich während eines Badeaüfenthältes in Teplitz in Irene sterblich verliebt, und von ihr halb als Ritter, halb als Sklave behandelt wird, sein Examen nach Prima (würden wir sagen. Septima sagen die Oesterreicher) macht, nachdem er einmal durchgefallen ist und daß seine Cousine Olga sich mit einem Herrn Klein verlobt. Solche Vorgänge genügen eigentlich nicht, um einen Roman von fast 300 Seiten zu füllen, und oft genug fühlt man sich veranlaßt, dem 17jährigen Gymnasiasten züzurufen, daß er gescheiter daran täte, sich hinter seine Bücher zu stecken, als Mädchen nachlaufen. Aber bei einem Roman, wenn er wirklich ein Kunstwerk fein soll, zieht noch anderes an als der eigentliche Stoff der Erzählung. Und da mutz man sagen: Brod weiß diese jüdischen Typen — denn es kommen in diesem Roman lauter jüdische Personen vor, ältere Frauen, Kjunge Mädchen, junge und angegraute Herren: Kinder, die eine Mischung von Kindlichkeit und Großmannssucht besitzen, ganz vortrefflich zu charakterisieren. Vortrefflich nicht in dem Sinne, daß sie dem Gemüt des Lesers wohltun. Denn fast alle Personen sind widerwärtig: angefaulte Jünglinge, die entweder mit Deutschtum protzen oder mit Zionismus, Mädchen, die entweder allzu sinnlich sind oder unweiblich, Mütter, die nichts können als schwatzen oder Heiraten stiften und die ihre Mitfchwestern nach dem Portemonnaie oder nach Toiletten beurteilen. Aber alle diese älteren und jüngeren durchweg unerfreulichen Menschen leben vor uns. Sie sind ohne viele Worte, ohne lange Charakteristiken mit einer trefflichen Plastik heraüsgearbeitet. In gleicher Weise wie die Menschen auch die Oertlichkeiten. Deutlich fast zum Greifen stehen der Teplitzer Tennisplatz, die Kegelbahn, eine Spazierfahrt nach Eichwald, eine politische Versammlung, in der zwei Juden, namentlich ein russischer- Zionist, sprechen, eine Versammlung, die durch eine deutschgesinnte (jüdische oder deutsche) Verbindung gesprengt wird vor unseren Blicken. Aber vornehmlich sind alle diese Menschen so lebendig gezeichnet, daß wir jeden einzelnen erkennen. Wenn

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