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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-20 · Heft 42 (20.10.1911) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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Pfeile, über deren Gift er sich schwerlich klar war. So soll „schon" in Heines ungezogenen Schülerversen „roher" Witz und „Lüsternheit" erkennbar sein, so wird die längst widerlegte „Affengrimasse" wieder hervorgeholt, so wird den herrlichen Krankheitsgedichten wieder einmal „triviale, abgeschmackte (!) Verhöhnung alles Bestehenden" vorgeworfen. Welcher Deutsche aber schreibt und versteht Sätze wie die folgenden: „Wir müssen in diesem Falle aber die Richtigkeit dieser Aeußerung bezweifeln, da die Bearbeitung des Stoffes keine Behauptung zuläßt, daß sie aus der Feder eines Anfängers floß" (S. 64) ober-: „Heines Treiben in Bonn und. Göttingen geht uns nur insofern an, als er in.Bonn den meisten Teil seiner Gedichte verfaßte und daß er hier die Tragödie „Almansor^ beginnt" S. 72) oder: „Die Freude der Geliebten, die sich einander besitzen" (S. 114). Von den zahllosen Verästelungen, die von einer so komplizierten Individualität wie Heine zu einer so vielfältigeiideyKultur wiediejüdische führen, hatBienenstock also nur ganz wenige, darunter kaum eine, die nicht schon längst aus-' gegraben war,^bloßgelegt. Fassen wir die Sätze zusammen, deren Aufstellung wir Herrn Bienenstock verdanken,, so sind es etwa die folgenden: 1. Heine hat auch jüdische Stoffe gestaltet und war auch von jüdischer Tradition beeinflußt; 2. durch seine jüdische Abkunst neigt Heine a) zur satirischen Zuspitzung, zu Spott und Selbstverhöhnung, zu Dissonanzen und Kontrasten, b) zu kosmopolitischem Weltschmerz und spezifischem Judenschmerz, o) (angeblich) zur Stimmungsverwandtschaft mit dem Meere, 6) zu spezifischem Witz und zur Ironie (vergleiche a), e) zu einer opportunistisch rationalistischen Philosophie, k) (angeblich) zur Pflege des Familiensinnes. Für eine Arbeit, die so wenig Neues zutage fördert, hätte es aber (um im Tone des Verfassers zu bleiben)" nicht des Fleißes eines Bienenstocks bedurft. R. F. Leim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte UeLersetzung von Rosa Trencsöni. XXXVII. Unter talmudischen Gedankenaustauschen erwarteten sie den Aufgang des Abendsterns. Als der Vereinsdiener diesen meldete, stellten sie sich zum Abendgebet hin. Seeligmann hatte erzählt, daß der Gast Jahrzeit habe, worauf man ihn einlud, das Amt des Vorbeters zu übernehmen. Liweitzer trat auf das Podium und rezitierte mit hellklingender Stimme das Borchu. Nach dem Gottesdienst begann das richtige Bekanntwerden. Die Juden sind darin nicht übermäßig genau. Geheimnissen wollen sie nicht nachspüren und was darüber hinausgeht, darin ist, nach ihrer Ansicht, die Diskretion nur überflüssige Ziererei. Einen ehrlichen Menschen darf man fragen, wie er heißt, woher er kommt, womit er sich beschäftigt, welches seine Ziele sind und ob er über die nötigen Mittel verfügt, um diese Ziele zu erreichen. Als Liweitzer erzählte, seit wann er in Berlin sei und wie er bis heute gelebt habe, erhöhten sich noch die Sympathien für ihn. Es gab unter den Vereinsmitgliedern vermögende und Einflußreiche Leute. Es waren darunter Großhändler, Bankiers, Kommerzienräte, Groß- und Gewerbetreibende, Unternehmer und natürlich auch arme Leute. Es waren unter ihnen auch Aerzte, Advokaten und Lateiner anderen Berufs. In Ungarn gibt es auch Talmud-T Hora-Vereine, doch eine so bunte Gesellschaft kommt nirgends zusammen. In Deutschland hält man die Bildung nicht mit der Religion für unvereinbar und die talmudische Wissenschaft nicht für unvereinbar mit den profanen Wissenschaften. Auch dort gibt es geadelte Juden von. großem Ansehen, doch sind sie auf jene Autorität am stolzesten, welche sie sich als Talmud-Gelehrte erworben haben. An diesem Abend erhielt Liweitzer von drei Seiten freundliche Einladungen. Israel Hagen, ein steinreicher Bankier, nahm ihn beim Arm und bat. ihn, er möge ihn am Samstag besuchen. Da hätte er den ganzen Tag frei und könne sich ungestört seinen Freunden widmen. „Und dann," sagte er lächelnd, „dann wäre ich wirklich glücklich, wenn Sie bei meinem kleineren Sohn die Jnftruktorstelle annehmen wollten." „Ich glaube nicht, daß ich ihn vieles lehren könnte." sprach Liweitzer und man sah ihm seine Verwirrung an. „Ich habe in diesen zwei Jahren sehr wenig Fortschritte gemacht. Mußte ich doch ganz beim Beginn anfangen." „Sie haben mich mißverstanden," lächelte Hagen. „Baruch ist kein kleiner Student. Er hat schon an der Universität das vierte Semester. Der Junge hat einen guten Kopf und ich glaube, daß Ihr einander liebgewinnen werdet." „Ja, da könnte er doch mein Meister sein und nicht ich der seine." „Sie dürfen ja auch, wenn Sie Lust dazu haben, etwas von ihm lernen. Aber in den jüdischen Wissenschaften sollen Sie fein Meister sein. Es wäre mir wicht lieb, wenn er wegen des juridischen Studiums das talmudische Wissen vernachlässigen würde." Der alte Seeligman wurde schon eifersüchtig. Siehe einmal, diese vornehmen, reichen Leute nehmen ihm die Perle, welche er aus der Verborgenheit herausgefischt hat, gewaltsam vor der Nase weg. In diesem Kreise sieht man nicht darauf, wer reich ist und wer nicht, und dem alten Händler kam es niemals in den Sinn, die gesellschaftlichen Unterschiede zu messen. In diesen Kreisen genoß stets derjenige das größte Ansehen, der am meisten wußte, und dem wurde am meisten der Hof gemacht, der während des Vortrags die besten Einfälle hatte. Er hatte auch niemals Grund, sich zu beklagen, hier schätzte man sein Wissen hoch. Doch jetzt war nicht von ihm die Rede, sondern Von Liweitzer. Wie, wenn dieser nicht den Geist der Gleichheit aus Ungarn mitgebracht hätte, wenn er der Eitelkeit erliege, wenn seinen hellen Verstand der Götze Reichtum bestrickte und er ihn, den armen Händler, vergessen werde. Jedoch Liweitzer vergaß ihn nicht. Als der reiche Herr mit ihm Arm in Arm durch die Gasse schleuderte und ihm die Jnstruktorstelle bei seinem Sohne anbot, -gedachte er mit dankbarer Sympathie des alten Mannes, ohne den er vielleicht nie an das Ziel gelangt und in dieser Millionenstadt verloren gegangen wäre. Er mußte schon befürchten, daß ihn Hagen für unhöflich halten werde, so oft wandte er den Kopf, um zu sehen, ob der alte Seeligmann noch an der Straßenecke stehe. Der alte Seeligmann stand dort, rührte sich nicht und schaute nur mit den blinzelnden Augen, wie sich Liweitzer mit dem reichen Israel Hagen befreundete. 7 Endlich verabschiedete sich Hagen mit mehrfachem Händedruck von Liweitzer und dieser eilte mit großen Schritten zu Seeligmann zurück.

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