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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-20 · Heft 42 (20.10.1911) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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umstrittenen Frage von Heines ^-Bekehrung" auf dem Kranken-? lager, und wenngleich er die „Lazaruss-Lieder schwerlich in:: ihrer ganzen Größe erfaßt, die „Lamentationen" direkt mißversteht, so betont er doch sehr richtig, daß trotz deistischer Anwandlungen von einer Bekehrung des „Lazarus"-Dichters nicht die Rede sein kann. Die ..Sebräiscken Melodien" sollten den Kernpunkt feiner Ausführungen bilden, und gegen ihre Darstellung läßt sich auch wirklich nichts Wesentliches einwenden; gewisse Jnterpretationskunststückchen, wie die Auffassung der 'samt-simonistisch gefärbten Einleitun gsverse JO laß nicht ahne Lebensgenuß dein Leben verfließen" als Quintessenz einer Philosophiedie sich die Juden zur Lebensmaxime machen sollen (S. 159), sind auch in diesem Abschnitt befremdlich. Im übrigen läßt sich nicht behaupten, daß Bienenstock in seiner Betrachtung der „Hebräischen Melodien" seine Vorgänger überholt; vielmehr: hätte er durch vertiefte Studien, z. W durch Lektüre des Büchleins von Helene Herrmann, noch manches zulernen können, und ihm wäre dann vre8erHt die peinliche Frage nach dem „Zweck" dieser Gedichte erspart geblieben. Der „Rabbi von Bacherach" (Bienenstock schreibt: Bacharach) wird herkömmlicherweise fürchterlich beschimpft; auch hier übertrifft Bienenstock in der Darlegung der Entstehungsgeschichte und der historischen Quellen in gar keinem Punkte seine Vorgänger z. B. f^eucktwancrer. Aeußerst dünn ist der Abschnitt, der „Pitz, Humor, Ironie" abhandelt. Natürlich wird einiges von jüdischem Witz, jüdischer Spottlust, Selbstkritik, Selbstverachtung erzählt. Weil aber Bienenstock die vortreffliche Arbeit von Erich Eckerk nicht kennt, bleibt er gleich in den Anfängen stecken, und hg er selbstzufrieden rühmt, er habe im großen und ganzen das Arsenal' „erschöpft", aus dem Heine stine Witze schmiedete, hat er tatsächlich eben erst an dessen Tür geklopft. .Erfreulicherweise findet Bienenstock in diesem Witzkapitel Anlaß, sich des Marchese Gumpelino zu erinnern; im übrigen geht der Darsteller des jüdischen Elements 1 n?Heines Werken an Mumpel und Hirsch Hyazinth, diesen beiden unüber/rossenen Type n zeitgen össisch en Judentums, den großartigsten humoristischsatirischen Judengestalten der Weltliteratur, vorüber, ohne den Kopf nach ihnen zu wenden. Maser nun über den Marchese Gumpel zu sagen weiß,, ist (mit Verlaub!) ganz mißverstanden. Wenn dieser.Mäzen behauptet, er erkenne mit verbundenen Augen den Maler eines jeden Gemäldes, höre mit verstopften Ohren jede falsche Note, so gehören diese Bekenntnisse keineswegs in das Gebiet der Hyperbel. Vielmehr wird den kunstfremden Kunstprotzen durch, solchen auf jede Wahrnehmung verzichtenden Kunstgenuß ein Kopshieb versetzt, gleichwie den naturfremden Naturenthusiasten, die mit Gumpel jede schöne „Naturgegend" wie „gemalt" finden. Auch sonst wird es Herrn Bienenstock nicht leicht, sich dem Witze Heines anzupassen. Wenn er ratlos nach dem tertium comparationis bei der Zusammenstellung des wogenden Busens der Signora Lätitia und des „roten" Meeres forscht, so hätte ihm die fiktive Röte und das Wogen beider die ersehnte Antwort geben sollen. Sehr gewagt ist es, die Bezeichnung der Pedellen als „Pudeln" auf Heines Konto zu setzen und den absichtlichen Wortverdrehungen anzureihen. Wie- Bienenstock aus Heyne (mit y) hätte entnehmen können (aber auch aus anderen geläufigen Quellen), gehört der Pudelscherz der allgemeinen Studentensprache an. Der raffinierte Heine hätte sich mit dem Gleichklänge „Pudeln" und „Pedellen" oder, wie Bienenstock druckt, Pudeln und Pedeln schwerlich begnügt. -- , v In chem nächsten Abschnitte, dem zwölften, ist das Ver- ' : hältnis Heinrich Heines zur Deutschen Philosophie und zur , romantischen Schule zwar' nicht durchgeführt, aber mit Sauberkeit angedeutet. Hier findet sich auch der vielleicht!. fruchtbare Gedanke, Religion und Philosophie beständen für Heine nicht als abstrakte Wissenschaften, als Selbstzweckesondern als Mittel, die die soziale Evolutionfördern oder - hindern. „Diesen charakteristischen Zug können wir überhaupt bei den jüdischen Philosophen beobachten" (S. 226)/ Auch ' ist die Schrift ..Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" gewandt. wenngleich fast ohne Bezug auf das T^ema/ analysiert, wogegen.. ..Die romantische Schule" so ziemlich unter den Tisch fällt. In dem zusammenfaffenden I Schlußworte wird ganz zutreffend Heines „aristokratischer I Demokratismus" aus seiner Zugehörigkeit zum geknechteten! und doch auserwählten Volke erklärt. Nicht so zuversichtlich' wie Bienenstock kann ich an die „Menge Beweise"Mr die Bürgertugenden glauben, die Heine entfaltet hätte, wäre er in Deutschland zu einem Staatsposten berufen worden. So philrsterhaft-quietistisch vermag ich mir den „freiesten Deutschen nach Goethe" doch nicht vorzustellen. Für grundfalsch halte ich die Behauptung : „Sein Leben und Wirken beherrscht die Idee der praktischen Nützlichkeit, die überall eingreift und ein Erbteil seiner Ahnen war" (S: 246). Dies soll von Heine gelten, diesem Typus des unpraktischen Stubenmenschen, der mit wahrhaft intuitivem Scharfblicke in jeder Lebenslage (man denke an seine Ahreise von München im wichtigsten Augenblicke oder an sein Verhalten im Erbschastsstreite)- das Verkehrteste tat, das, was ihn am weitesten vom Ziele fortschleuderte, arn schwersten belastete! Was Bienenstock schließlich über Heines Liebe zu. Mathilde (an der angeblich „offen gestanden" nichts Besonderes zu lieben war), über seine Zärtlichkeit für die Verwandten und seinen Feindeshaß beibringt, sind Wahrheiten, die man sich allgemach an den Schuhsohlen abgelaufen hat. Mit einigen Worten muß noch auf die auffallende sprach- - liche Unbeholfenheit des Verfassers - hingewiesen werden, die möglicherweise ihren Grund darin hat, daß M. Bienenstock fremdsprachiger Herkunft ist. Besonders erstaunlich ist bei einem Autor, der behaglich von sich sagt, er treibe ein wenig Philosophie, die große Unsicherheit in der Terminologie. In den Zeilen: „Gar mancher spielt jetzt die Bratsche, dem dort kein Finger war heil", wittert Bienenstock -^Atheismus (!! S. 138), und an einer anderen Stelle des BucheS (S. 44) behauptet er, schon im Morgenrot' von Heines-Leben habe sich sein Hang zum „Atheismus" bemerkbar gemacht. ' Dabei ist er (vgl. S. 150) gar nicht in der Lage, zu der heiklen Frage von Heines oft geleugnetem Atheismus und manchmal bekanntem Deismus endgültig Stellungzu nehmen. Allein auch außerhalb der Terminologie gleitet ' Bienenstock auffallend oft aus. Heines Krankheit gibt ihm den ' ’ „Gnadenstoß" Nicht etwa in der Todesstunde, sondern da sie sich seiner völlig bemächtigt hat (S. 197). Frau Betty"wird wegen ihrer gut deutschen Gesinnung „deutschtümelnd" gescholten (S. 58), ein unverdienter und wohl auch unbeabsichtigter Borwurf; einem Urteile wird „Trefflichkeit" statt „Treffsicherheit nachgerühmt. Bienenstock erklärt, „allzu" fern zu sein, den Dichter zu. verdammen oder die Charakterlosigkeit seinem Judentum anzuhängen; worin liegt da das^ „allzu"? Er behauptet, bei Heine habe jede „Gemütlichkeit" aufgehört, wenn es galt, sich von dem Einflüsse des - Onkels und seines Geldes loszumachen (S. 247). Hier steht „Gemütlich-! keit" statt „Energie". Oft greift Bienenstock, unbewußt natürlich, in den Köcher der Heinehäffer und entnimmt ihm

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