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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-20 · Heft 42 (20.10.1911) · p. Seite 500

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 500 (sequence 8)
Language
German
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der Stadt voll Lieblichkeit und Sonnenschein, des schönen- Stromes, wo auf grünen Ufern die Torheit wächst, gedachte. Und ihm, der in Wahrheit so enge mit der deutsch-christlichen- Umwelt verwachsen war, wie keiner seiner jüdischen Zeitgenossen, wird als. von elementar Jüdischem frei Pörne entgegengestellt, ein schon in den Kinderschuhen ver< b itterter Sohn des Frankfurter Ghettos, ausgewachsen in' der aszetischen Freudlosigkeit eines strengjüdischen Hauses-' von jüdischen Privatlehrern unterwiesen, von der^ christlichen Nachbarschaft hermetisch abgeschloffen, noch in reisen Jahren-' des Schimpfes, den der Juif de Francfort in der Stiefvaterstadt erleben mußte, schmerzvoll gedenkend! Bienenstock kennt jä> } wie seine seitenlangen wenig fruchtbaren Auszüge aus den ^Memoiren" dartun, die Verhältnisse in Heines Vaterhaus und Schule zur Genüge, oder er müßte sie kennen, wenn er nicht seinem Thema zuliebe sich mit Mhthenbildung abgäbe. So macht er den kleinen Harry (den er verfrüht. Heinrich taust) zum Märtyrer seiner christlichen Kameraden: Um diese! "These zu stützen, interpretiert er eine Zeile aus Heines (von - 'Bienenstock überstreng zensierten) Schülergedicht „Wünne-r beraiade" in höchst gezwungener Weise. Unter dem Gedicht stehen(notabene von fremder Hand) die Zeilen: „Aber der euch dies erzählet, wundert euch/ das ist ein Jude^ und er hat ein Schwein besungen aus purer Toleranz." . Bienenstock will, nun nichts von der doch wohl natür< lichsten Deutung wissen, nach der sich das „Schwein" nur auf den besungenen Wünneberg beziehen kann, sondern er tüftelt: „Wahrscheinlich hat ihn als Juden Wünneberg nach Art anderer Schulkollegen ein Schwein genannt . . ." Aus der Jungenhaftigkeit, mit der Harry Heine, oder wer sonst den-r Wünneberg so liebevoll titulierte, einen Mitschüler ein Schwein genannt hat, wird fingerfertig eine ganze Judenhetze qer: drechselt, an der sich nicht nur der arme schimpfierte Wünneberg, sondern auch „andere Schulkollegen" beteiligt haben . sollen. Heine selbst weiß außer einigem „Haarüüh"-Gebrüll und dem kleinen von ihm angezettelten Klassenstreit um seines Großvaters Bart von keiner ihm durch die Mitschüler zuge-- fügten Unbill zu berichten. Damit sein Märtyrertum aber/ noch plausibler werde, wird der junge Harry als körperschwach bezeichnet, obgleich er doch nach einer von Bienenstock gläubig nachgeschriebenen Familienanekdote seinen Tanzlehrer zum/ Fenster hinausgeworfen hat (!), wird er zu einem der besten Schüler des (von Bienenstock nur oberflächlich gekannten) - Lyzeums ernannt, obgleich erNn Wirklichkeit niemals zu den Prämiierten gehörte, und in seinem Abgangszeugnis nur sein: Fleiß und sein Betragen gerühmt wurden. Fruchtbarer als der wenig geglückte biographische Abriß erscheint ein nun eingeschobenes „Belsazar"-Kapitel. In seinem Vergleich der Ballade Heines mit gleichnamigen Gesdichten Byrons kommt Bienenstock sogar etwas weiter als - Melchior, der das Verhältnis beider Dichter aufgezeigt hat. Um so anfechtbarer ist . der nun folgende Abschnitt „Heine in Berlin". Charakteristisch genug, ist er fast völlig von dem ' Verhältnisse zu Rahel ausgesüllt, das aus dem Rahmen; herzlicherer Salonbeziehungen kaum heraustrat, während für; den doch wohl ein bißchen wichtigeren jüdischen Kulturverein. volle elf Zeilenahsallen; allerdings wurde über diesen Verein - schon in Abschnitt 1 einiges, zum größten Teil nach Strödt-. - l^^n, beigebracht. Verwunderlich berührt die Ueberschätzung des Bonn.er/Philosophen -und Pädagogen I: F. F. Delbrück (1772 bis 1848)> bei dem Heine Kolleg belegt hal^ke."Denn sich Bienenstock S. 72 zu der rhetorischen Frage ausschwingt: „Interessierten ihn nicht weit mehr die literaturgeschichtlichen' und ' ästhetischen Vorlesungen eines Delbrück oder die Vorträge des berühmten Hegel?", so hätte er an Stelle „eines Delbrück"/ selbstverständlich- „eines A. W. Schlegel" setzen müssen. Ein weiteres Kapitel (VI) behandelt „Almansor", der \ ganz gut analysiert und auf seine Grundmotive geprüft/wird. Als neu darf der eingehende Vergleich mit Jmmermarms i „%al von Ronzeval" und Rouaues Romanze von Don Gayferos? und Donna -Clara (aus dem „Zauberring^) gelten. - Auch < gegen die Analyse des „Lyrischen Intermezzos" ließe sich Besonderes nicht einwenden, wenn sie nur nicht vom Thema so weit abirrte. Der Hinweis auf das „Hohe Lied" überzeugt um so weniger, als Bienenstock ja selbst die Motive, nach denen er im „Hohen Lied" schürft, viel näher in der deutschen Romantik (oder wie er sagt: im Romantismus) findet. Zu der „Nordsee und anderen Gedichten" übergehend, bekundet Bienenstock 'eme erfreuliche (freilich durch einen entsetzlichen Kalauer befleckte) Toleranz in der Beurteilung von Heines Uebertritt und in der Erkenntnis, daß der Vielgescholtene offenen spiegelklaren Charakters war. Der konstruierte scharfe Dualismus zwischen Heine dem Denker, der sich ruhig taufen lasten konnte und Heine dem Menschen, der den Uebertritt durchaus nicht vollziehen durfte (S. 123), schmeckt allerdings stark nach Phrase. Gegen die Beobachtung, daß der Jude mit seiner sentimentalen, empfänglichen Seele einerseits, mit seinem aütokratischen und analysierenden Geiste anderseits nach einem Mittelweg suchte und ihn in der „satirischen Zuspitzung seiner Gedichte, in dem Verspotten alles Erhabenen und dem Auslachen aller Gebrechen fand," wird niemand Einwände erheben; solche Binsenwahrheiten sind längst Gemeingut geworden. Unbedingte Zustimmung / wird Bienenstock für seinen Satz, «die Wallfahrt nach Kevlaar" enthalte „im Grunde genommen kein jüdisches Moi:iv" (S.^37), finden. Dagegen hätte er es nicht nötig gehabt, aufs neue . witzig zu werden und den jüdischen Dichter des katholisierenden Stoffes mit dem Ghmnasiastenscherz zu kitzeln: „Doch mit des Charakters Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten." Er hätte von Bölsche, den er eifrig studiert hat, und von | R. H. Greinz, den er nicht kennt, lernen müffen, daß diese Bastade zu dem Innigsten und Wahrsten, gehört, was Heine geschaffen hat, das hier „jede Koketterie, jede Pose.des Gedankens fehlt", daß der Dichter streng zwischen der Auffassung der Personen des Gedichtes und seiner eigenen unterscheidet und auch ohne den von Bienenstock zugegebenen „Anfang" (er meint Strophe 4 des zweiten Teils) eine „vollkommene harmonische Verschmelzung des poetischen Gehalts in der> Mystischen Weltbetrachtung der Religion mit dem klaren Licht I erläuterter Erkenntnis des Wirklichen" bietet (Bölsche). So I wenig wie die „Wallfahrt" hätte „Die Nordsee" in Menenstocks Darlegungen gehört (zumal er Hessels überspitzte Hypothese nicht kennt, die „Jmmergeliebte, Längstverlorene, Endlichgefundene" im „Seegespenst" sei die — Synagoge), wenn Bienenkorb nicht eine Abdeckung gemacht hätte -- 'daß Heine das Meer in die deutsche Poesie eingeführt hat (tat er das wirklich?), liege an seinem Judentum. „In der wilden-unruhigen, stets bewegten, oft von Stürmen gepeitschten, selten von Stille beruhigten Meeresnacht fand Heine, der Jude, ein sich verwandtes Element" (S. 140). Sollten nicht auch Angehörige anderer Volksstämme, z. B^ die Germanen, im Meere ein „sich verwandtes Element" gefunden haben? Und können Judentum und Meeresbrandung anders als aus der schwanken Brücke einer Phrase verbunden werden? Bienenstock weiß denn' auch mit der „Nordsee" nichts anzufangen und hüpft nach einer merkwürdig mißverständlichen Auffassung des „Frieden"-Hymnus in weitem Sprung zu den „Hebräischen Melodien". Ganz zutreffend ist seine Stellung zu' der diel? Ganz zutreffend ist seine Stellung zu' der diel

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