Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- Seite 499 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sein könne, wahrscheinlich „ken er nit lernen, nor er ken a Krenk". Endlich kommt die Hauptsache: die Rede der konfirmierten jungen Dame. Ehajim beobachtet, daß sie „beim Sogen macht mit die Händ arauf un arob, aufin amerikanischen Steiger, nit wie mir machen mit die Händ", Zum Schluffe bei den Toasts sagen sich Reverend Dr. Hotzmach und Alderman Patrick Fitzpatrick allerlei Höflichkeiten. .Der Reverend sagt, der Alderman sei das Bild eines ehrlichen Politikers, und der Alderman sagt, der Reverend sei „a. damned good fellow“. Ehajim gefällt die Sache nicht, aber „as alle sogen, as es is a Kowed var^n Judentum, kler ich, as a Kowed, ^oll sein a Kowed". , Viel kleiner an Umfang sind die Skizzen, welche Simche, der Schammes auS Ziegville schreibt,, aber dafür ist eine darunter, die ein wahres Kabinettstück realistischer Komik ist. Simche ist das Faktotum der kleinen Gemeinde, und zu seinen Verpflichtungen gehört natürlich auch das Unterrichten der Kinder. Damit geht es nun besonders schwer. Simche ist der Disziplin nicht gewachsen; die Jugend interessiert sich für den Gegenstand nicht allzu sehr, seine Manieren sind so grundverschieden von denen der Schule, und sein Jiddisch ist ihnen auch nicht ganz verständlich. So beschließt denn die Gemeinde, ihm einen Assistenten zu geben, der ihm in besonders schwierigen Fällen mit englischer Uebersetzung des Textes aushilft. Nun kann aber der englische Lehrer auch nicht sehr viel englisch und muß sich aus jede Lektion vorbereiten, indem er die englische Bibelübersetzung auswendig lernt. Es passiert ihm dann auch, daß er ein Wort falsch ausspricht und die Klaffe ihn als „Greenhorn" (Neuling) verlacht. Einmal muß er selbst seine Unzulänglichkeit zugestehen. Es handelt sich um die Uebersetzung des Wortes nnpl^sn,- Gen. 18, 21. „Dos is sehr a schwerer Wort," sagt der Lehrer. Im Englischen muß man dafür ganze sieben Worte setzen: „whether . altogether according to cry ofit“. Reb Simche beruhigt ihn. „Laßt mich nur machen; ich werde ihnen eine Geschichte erzählen, dann werden sie die exegetischen Schwierigkeiten vergessen." Er intoniert das nnpUSOH mit solchem Feuer, daß die Klasse ruft: Gee, hollers! (Wie er schreit!). Dann fährt er fort: „Sei hoben genumen a girl (Mädchen), hoben sie ausgepänt (gepinselt, to paint) .mit bouey (Honig) un gelost die Bienen sie beiten (to bito)." Die Jungen sind außerordentlich interessiert. Maxele will wissen, wie alt sie war, und Reb Simche, der es immer vorzieht, bestimmte Antworten zu geben, sagt: „A Johr sechzehen." Johnie will wissen, ob sie hübsch war. Reb Simche bejaht diese Frage entschieden. Simche muß die Geschichte ein dutzendmal erzählen, und die Jugend ist begeistert; sie erzählen die Geschichte sogar ihren christlichen Mitschülern in der Schule, und so kommt sie zwei unternehmenden Reportern zu, die Simche ausfragen. Da er nur sehr gebrochen englisch spricht, verstehen sie einander nicht recht. Sie fragen ihn, wo die Geschichte vorgefallen ist, und er meint, sie wollten seine Quelle wissen, und er erwidert, er habe das „in Chummesch". Die Reporter fragen, ob Chummesch in Rußland sei. Er antwortet, so gut er kann, aber sie verstehen ihn nicht recht, und so ist denn am nächsten Morgen im „Ziegville Daily Recorder" eine Geschichte gedruckt, wie in der Stadt Chummesch in Rußland die Kosaken ein. löjähriges junges Mädchen, welche der Teilnahme an der revolutionären Bewegung verdächtig war, an einen Baum gebunden, mit Honig übergossen und sie. so den Insekten ausgesetzt hätten, bis sie unter, schrecklichen Qualen den Geist aufgab. Die Zeitung fordert das .auswärtige Amt auf, gegen solche Barbarei Protest zu erheben. Reb Simche, der mit Schrecken daran dachte, wie durch seine Unvorsichtigkeit ein Krieg zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten hätte ausbrechen können, nimmt sich vor, von nun an den Midrasch nicht mehr zu zitieren und nur „prosten Peschat" (schlichten Wortsinn) zu lehren. Die Urwüchsigkeit und. Unerschöpflichkeit von Zevins Humor reizte wohl zu einer reicheren Analogie und noch mehr zu einer Ueber'cl.nngsprobe, welche ein schweres Stück Arbeit sein müßte, uvii ein großer Teil der Komik in dem Sprachengemenge liegt. Ganz abgesehen von dem literarischen haben diese Skizzen auch einen bedeutenden kulturgeschichtlichen Wert; sie zeigen uns eine Generation in einem raschen Umwandlungsprozesse, der in 50 Jahren wie/ ein Märchen aus längst vergangenen Tagen klingen wird. Typisch ist für die Schnelligkeit, mit welcher sich dieser Umwandlüngsprozeß vollzieht, die Untersuchung des Wortschatzes im Jiddisch. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß der russischeste der Jiddischen Schriftsteller, Linetzki, nicht mehr als drei Prozent russischer Wörter gebraucht. Rabbinowitsch (Lvbolem Alechem) und Abramowitsch (pendele Noeber Lekvrim) gebrauchen nicht ganz zwei Prozent, aber der amerikanische^ jüdische Autor hat in den kaum 30 Jahren, seit es eine amerikanisch-jiddische Literatur gibt, sich schon fünf Prozent englischer Wörter beigelegt; der Assimilationsprozeß vollziehbsich selbst bei den „grünsten" Einwanderern gründlicher in einer Generation, als er in der Ukraine und Podolien sich im Laufe von drei bis vier Jahrhunderten vollzogen hat. Heine-Studien HI." as vorliegende Buch leidet unter einem Kardinalfehler: der Verfasser hat vielleicht nicht sein Material, wohl aber seine Beherrschung dieses Materials überschätzt. Was zu eitlem Artikel ausgereicht hätte, der überdies für die Heinefreunde just keine Offenbarung gewesen wäre, wird zu einem richtigen Buche aufgebauscht. Die Folge ist, daß bogenläng Allbekanntes behaglich exzerpiert und reproduziert. Fernliegendes herangezogen und durch allerlei Not- und Verlegenheitsbrücken mit dem Thema mühselig verbunden wird. Nach einem ziemlich flüchtigen Blick auf die Lage der Juden zu Heines Zeit kommt Bienenstock auf Heines Elternhaus zu sprechen. Hier leistet er sich, von seinem Stoffe be- I fangen, einen Satz, der nach meinem Gefühle die Tat" I sachen geradezu auf den Kopf stellt: Heine sei, heißt es S. 27,1 in einem spezifischen Milieu erzogen und ausgewachsen, habe 1 den inneren Zusammenhang mit dem Judentum nie verloren, r während sich bei Börne nichts elementar Jüdisches finde; * Dies wird von Heine behauptet, der in einem froher Weltfreude zugewendeten Hause aufwuchs, dessen Vater flott in der Uniform der Bürgergarde paradierte und mit seinen Garden Batterien von Rheinweinflaschen erstürmte, dessen Mutter leidenschaftlich Deutsch fühlte, der mit den Volksgestalten, Sagen und Bräuchen seiner Heimatstadt aufs innigste vertraut war/ flüchtige Freundschaften mit den Mädchen, innige teilweise lebenslange mit den Knaben aus den heimischen christlichen Familien, seinen Kameraden in der christlichen Schule (Sethe, Zuccalmäglio,' v. Unger, Lottner, Pellmann, Schaper, Brewer, v. Wizewski) schloß, der erst außerhalb der Mauern Düsseldorfs den großen Judenschmerz ^kennen lernte, der Zeit seines Lebens voll Sehnsucht und ungetrübter Liebe y Dr.. Ab Bienenstock. Das jüdische Element in Heines Werken. | Ein kritisch-ästhetischer Beitrag zur Heinefrage. Leipzig, Verlag für f Literatur, Kunst und Musik, 1910. mm