Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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beamten", zu dessen Inspiratoren Herr Lion Wolfs gehört, nichts davon gewußt? Kennt denn Herr Lion Wolff nicht/die Geschichte der. Gründung des Lehrerverbandes? Vor mir liegt das Protokoll der konstituierenden Versammlung vom 23. und 24. Dezember 1895, das ich anzufertigen die Ehre hatte, und aus den verschiedensten Aeußerungen der Teilnehmer geht klar hervor — Herr Lion Wolfs war allerdings damals nicht anwesend und einen „Verein israelitischer Lehrer der Provinz Pommern" gab es damals noch nicht, — daß gerade die Misere der Religionslehrer mit ein Grund war für die Schaffung des Verbandes. Also schon vor fast 20 Jahren war die Notlage der Religionslehrer in kleinen Gemeinden bekannt. Herr Lion Wolff ist allerdings in gewissem Sinne ein Verwandlungskünstler. In der Einleitung zu seinem Artikel sind seine Interessen diejenigen der jüdischen Kultusbeamten, einige Zeilen später bekennt er sich als „Religionslehrer", und in seiner Unterschrift bezeichnet er sich schlicht als Vorsitzender des Vereins israelitischer Lehrer der Provinz Pommern! — Sollte es einem Mitglieds des Verbandsvorstandes unbekannt geblieben sein, daß Mitglieder aller dieser drei Stände bisher sich friedlich im Verbände zusammengefundeu haben, obwohl und trotzdem sie einen verschiedenen Wirkungskreis und damit auch verschiedene Interessen haben? 2. Und trotz dieser verschiedenen Interessen war es bisher möglich, nach dem Wortlaut der Satzungen diese Interessen zu fördern, Hat denn Herr Lion Wolff ein so kurzes Gedächtnis, daß er all die Referate auf den Verbandstagen, die gerade die wirtschaftliche Lage, die Standesinteressen, die unsichere Stellung der Kultusbeamten in kleinen Gemeinden beklagen und Mittel zur Abhilfe warm empfehlen, vergessen hat? Und diese Referate werden von staatlich angestellten und seminarisch vorgebildeten Volksschullehrern gehalten, die in sicherer Stellung waren und die Hilfe des Verbandes für ihre materielle Stellung gar nicht beanspruchen! Und das nennt Herr Lion Wolff eine Arbeit „pour 1s roi äs Prusse“. Er meint „ausschließlich für die jüdische. Volksschule und ihre Leiter", dabei passiert ihm der kaux pas. daß eine Arbeit „pour 1e roi äs Pru88s" eine unnötige, vergebliche, nur den Schein wahrende, bezeichnet, während Herr . Lwn Wolff doch eigentlich das Gegenteil meint. , . 3. Herr Lion Wolff behauptet, daß acht Zehntel aller Verbandsmitglieder Religionslehrer^ also Kultusbeamte im Sinne seiner Ausführungen sind. Demgegenüber stellen wir nach der offiziellen Liste der Verbandsmitglieder, welche, der Einladung zum V. Verbandstag in Frankfurt a. M. beigesügt ist, fest: Der Verein Baden zählte 95 Mitglieder, durchweg seminarisch gebildet, Verein Berlin 91 Mitglieder Seminariker, Verein Kassel 52 Mitglieder Seminariker, Verein Frankfurt a. Main 52 Mitglieder- Akademiker und Seminariker, Verein Hamburg 70 Seminariker und Akademiker,. Verein Hannover 52 Seminariker, Verein Nassau-34 Seminariker, -Oberschlesien 40 Seminariker, Ostpro vinzen 56 Seminariker, Rheinprovinz und .Westfalen 187 Seminariker, Verein Württemberg 63 Seminariker, das sind; 690 Mitglieder von.1200, also 57'/2 Prozent gehören nicht zu den sogenannten .Religionslehrern, das sind Kultusbeamte im Sinne des Herrn Lion Wolff, es bleiben also nur 42l/2 Prozent Berufsgenossen - des Herrn Lion Wolff übrig, das sind etwas über vier Z eh n tel und nicht neun Zehntel aller Verbandsmitglie.der, wie Herr Lion Wolff behauptet.. Und diese 690. Seminariker unterrichten zum allergrößten Teil an. öffentlichen Volks? oder höheren Schulen, wenn sie auch nebenbei — besonders im Süden und Westen —- Kantoren bzw. Kultusbeamte sind. Von den Mitgliedern der übrigen hier nicht aufgeführten Vereine" sind auch noch eine ganze Anzahl Seminariker in Kultusbeamten stellen tätig, die ich aber nicht aufgesührt habeweil ich die Schulverhältnifse, die nach Herrn Lion Wolff so überaus traurig sind, statistisch angreisen will. Ja, die Zahlen reden eine unbarmherzige Sprache, der gegenüber die sittliche Entrüstung wie Rauch und Schall verfliegen muß. 4. Herr Lion Wolff behauptet, „daß es nie und nirgends in der Provinz Pommern eine jüdische Volksschule gegeben hat, und daß die pommerschen Juden trotzdem nicht weniger religiöses und profanes Wissen besitzen als in den übrigen Provinzen". Wenn es keine jüdischen Volksschulen bis dahin in Pommern gegeben, hat, so .gibt es doch sicher jetzt, eine Anzahl von solchen Schulen, denn Pommern hat einen Verein israelitischer Lehrer, der 29 Mitglieder zählt, darunter drei Akademiker und dessen Vorsitzender eben Herr Lion Wolff ist. Es ist also klar, daß die pommerschen Juden gerade wegen des von Herrn Lion Wolff beklagten Mangels an religiösem und profanem Wissen solche Schulen gegründet undjüdische paräou israelitische Lehrer angestellt haben, denn der Sprachgebrauch und^die staatlichen Behörden kennen doch nur solche „Lehrer",? die seminarisch bzw.. akademisch vorgebildet und an öffentlichen Schulen staatlich' angestellt sind. Solcher Lehrer gibt es also 29 in Pommern, die nach den Wünschen des Herrn Lion Wolff das religiöse und profane Wissen ihrer Glaubensgenossen zu fördern suchen! Aber wenn dem so ist, weshalb will denn Herr Lion Wolfs den bereits aufgelösten und noch aufzulösenden jüdischen Volksschulen „keine Tränen nachweinen?" Weshalb tritt er als Vorsitzender eines Vereins israelitischer Lehrer nicht an die Gemeinden Pommerns. heran und veranlaßt sie, noch mehr „israelitische Lehrer" anzustellen, die religiöses und profanes Wissen vermitteln? So wird und muß jeder logisch denkende Mann aus den Ausführungen des Herrn LiöN Wolff folgern. — Weit gefehlt! Herr Lion Wolfs ist ein Gegner der jüdischen Volksschule, trotzdem er dem Verbands - Vorstand angehört. Er bezeichnet die jüdischen Volksschulen als „Armenschulen", „Kleinkinderbewahranstalten", prophezeit ihnen in zehn Jahren den völligen Untergang und erklärt: „Wir" (man beachte den bescheidenen p1ura1i8 Majs8tati8) werden ihnen keine Träne nachweinen". Wenn alles, was schon seit Jahren für die Erhaltung der jüdischen Volksschulen gesprochen und geschrieben worden ist, so spurlos an Herrn Lion Wolff vorüber gegangen ist, wenn die bedeutsamen Beweggründe religiöser, politischer, sozialer und materieller Art, welche die besten Männer .für die Existenz jüdischer Volksschulen in der Gegenwart ins Feld'führen, bei Herrn Lion Wolfs, dem Vor- , standsmitglied des Verbandes, der bei seiner letzten Tagung in Frankfurt a. M. sich einstimmig für die Erhaltung der iüdischen-Volksschulen ausgesprochen hat, nichts anderes ausgelöst haben als die. geschmackvolle-Bezeichnung „Kleinkinderbewahranstalten" und „Armenschulen", dann muß jeder jüdische.-Volksschullehrer auf eine weitere Diskussion mit einem solchen Gegner verzichten. — Nur noch eine Frage an Herrn Lion Wolff: . ^Weshalb bleiben Sie und Ihr . Verein noch Mitglied eines solchen Verbandes, der nach Ihrer Meinung, absolut nichts für die jüdischen Kultusbeamten und Religionslehrer' in den kleinen Gemeinden tut, sondern seine ganze Kraft der jüdischen Volksschule und ihren Leitern, diesem „König von Preußen" zuwendet, der sich mit „Palliativmittelchen", die Zeit, Kraft M kosten, z. B. Statistik, Stellenvermittlungen und Schiedsämter begnügt? Sie ziehen