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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-20 · Heft 42 (20.10.1911) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
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der Gedanke, eine gesicherte Heimstätte für, diejenigenzu schaffen, welche unter Verfolgungen litten, welche in den Ländern, in denen sie wohnten, zur rechten Entfaltung ihrer Kräfte nicht kommen könnten. Die Wirkungen dieser zionistischen Gedanken sind allerdings bedeutend. Eine große Zähl russischer und eiste nicht ganz unbedeutende rumänischer und galizischer Juden sind den Lockungen gefolgt. Solche . Auswanderungen werden auch ferner stattfinden, ja, sie werden! vielleicht beträchtlicher, je unerträglicher die Verhältnisse in ^Rußland sich gestalten. Niemals werden siindessen so groß t sein, daß man überhaupt von judenreinen Staaten wird s sprechen können. Wenn sich die Millionen russischer Juden und die Hunderttausende der übrigen östlichen Staaten auch um einige Tausende vermindern, judenrein werden diese östlichen Länder niemals werden. Noch weniger kann dies der Fall sein in den westlichen Ländern Europas. Sie werden wie bisher einen Teil ihrer jüdischen, übrigens auch christlichen Bevölkerung nach Amerika abstoßen, das man jetzt wie früher noch immer als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ansteht; nach Palästina gehen aus den westeuropäischen Staaten nur wenige; Lust zur Bildung eines eigenen Staates hat von diesen westlichen Auswanderern niemand. Da also die Idee des Zionismus, wenn sie so ausgefaßt wird, wie'sie wirklich ist, nur einen kleinen Bruchteil der westeuropäischen und keinen übermäßig, großen der osteuropäischen Länder zur j Auswanderung veranlaßt, so kann in absehbarer Zeit von j judenreinen europäischen Staaten überhaupt nicht die ^Rede sein. Ebensowenig kann man von Folgen für einen Zionisten- J staat sprechen. Ich und viele mit mir glauben an einen solchen ZionisteNstaat überhaupt nicht. Für Palästina ist die Bildung eines derartigen jüdischen Staates vollkommen ausj geschlossen. Kommt es, was ja im Lause der Jahrhunderte \ nicht unmöglich ist. etwa in Argentinien oder in Australien z oder irgendwo in Afrika zu einem jüdischen Staat, was ich [ tür das größte Unglück halten würde, so würde sich ein Gej meinwesen bilden, wie viele andere, dessen Schicksal kein I Mensch vorhersehen kann. *t. Die dritte Frage ist vielleicht noch unklarer wie die beiden ersten. Eine Auswanderung sämtlicher europäischen Juden nach fremden Ländern ist undenkbar. Eine Assimilation wird und kann meiner Ueberzeugung nach erfolgen ohne Taufe und ohne Mischehe. Die Folgen dieser immer stärker werdenden Assimilation,- das heißt des vollkommenen Aufgehens der Juden in Kultur und Gesittung der Länder, in denen sie wohnen, wird sich im Laufe der Zeit durch Veredelung und Vervollkommnung der Juden vollziehen. So gut in Deutschland und anderen europäischen Ländern römische und griechische Katholiken, Protestanten, das heißt Lutheraner und Calvinisten und all die kleinen Parteien der christlichen Religion, Dissidenten usw. friedlich zusammenwohnen, so gut können auch die Juden bei fortschreitender Aufklärung innerhalb der Juden und innerhalb der Christen friedlich und ruhig mit ihren Landsleuten Hausen. Von Konflikten ist in gesitteten Ländern kaum etwas zu befürchten. Ausschreitungen christlicher Pöbelmassen sind allerdings wohl schwerlich zu vermeiden; daß irgendwo, wenn nicht eben in Rußlands wirkliche Austreibungen der Juden ihres Glaubens wegen geschehen könnten, halte ich für undenkbar. Ich kann daher nur sagen,; ich bin gegen die Taufe, gegen die Mischehen, gegen den Zionismus überhaupt und gegen einen Zionistenstaat ins-; besondere und glaube, daß die Zukunft mir recht geben wird. Ich erwarte keine messianische Zeit in dem Sinne, in dem überall ein reiner und ungetrübter Friede Herrscht, wohl aber hoffe ich/ auf. die Zukunft als auf eine Zeit, in rvelcher der Glaübe keinen Unterschied zwischen den Menschen macht, in der vielmehr Menschen der verschiedensten religiösen Richtung bei treuestem Festhalten an ihrer Glaubensüberzeugung in ruhigem und friedlichem Wetteifer miteinander leben, für die Kultur ihres Landes und zum Segen der Menschheit. Die Woche. Berlin, 17, Oktober. ie Hoffnung, daß der italienisch-Lürkische Krieg sehr rasch zu Ende gehen würde, hat sich nicht verwirklicht. Die europäischen Mächte, Deutschland voran, das ein besonderes Interesse an der Beruhigung der Kriegführenden hat, weil es mit Italien verbündet und der Türkei wohlgesinnt ist, sind zwar an der Arbeit, diese scheint aber auf Schwierigkeiten zu stoßen, die in den übermäßigen Ansprüchen Italiens und in dem nationalen Bewußtsein der Türkei begründet sind. Indessen hohe Politik zu treiben, die Chancen der Friedensarbeit zu erwägen, ist unsere Aufgabe nicht. Wenn wir nochmals auf diesen Krieg eingehen, so geschieht es nur, um darauf hinzuweisen, daß die italienischen und die türkischen Juden sich in diesem Kriege nicht als Juden, sondern die einen als Italiener, die anderen als Türken erweisen. In der wackeren italienischen Wochenschrift „La settimana israelitica", von der schon einmal in anderem Zusammenhänge die Rede war, steht in der Nummer vom 7. Oktober ein Artikel „Der Krieg", in dem es in der etwas bombastischen Sprache, die die Italiener lieben, heißt: „Unser Herz ist heute mit den italienischen Soldaten, mit den italienischen Geschicken, mit dem italienischen Siege. Wir haben das große Italien gewollt und gemacht, mit unserem Giuseppe Finzi, mit unserer Sara Nathan, wir Israeliten, die wir schon vor der christlichen Zeitrechnung römische Bürger waren, wir, deren . Vorfahren von Julius Caesar geliebt, drei Tage lang auf seinem Grabe weinten, wir wollen heute den Sieg und den Ruhm Italiens. Aus allen unseren Synagogen stiegen Gebete aus für die Waffen unseres Vaterlandes. Wir haben an unseren hohen Feiertagen einen Hymnus gesungen für die scheidenden Soldaten, für das Vaterland in Waffen, für die fernen Schiffe, für die Mission Italiens. Wir haben gestern unsere Soldaten mit dem Rufe „Lebewohl" auf den Bahnhof begleitet, und heute zur Arbeit zurückgekehrt, schreiben wir diese Zeilen voll von der höchsten Vaterlandsliebe und dem reinsten Enthusiasmus des Herzens." * Auch über das Gefühl der türkischen Juden werden wir durch die zwei letzten Nummern der „Aurore" vom 10. und 13. Oktober unterrichtet. Die erstere hat einen Leitartikel, der ausführt: die Türken hätten jetzt nur zwei Empfindungen: Zorn und Enttäuschung. Zorn gegen das ungerechte Verfahren Italiens, Enttäuschung über die stillschweigende Duldung Europas. Die Türken werden des weiteren wegen ihres: Schicksals mit den Juden verglichen und aufgefordert, weil, die Verfolgung durch den Antisemitismus sie gemeinsam treffe, sich fest aneinanderzuschließen. In dem Leitartikel vom 13. Oktober wird als gebieterische Pflicht hingestellt, G-ut und Blut dem Vaterland zu widmen. Man müsse aber nicht nur den äußeren Feind, sondern ebenso-* den inneren bekämpfen. D i e ser i nne r e Feind fei-der Rassenhaß. Daher sei es Pflicht jedes

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