Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang Nr. 42 Berlin, 20. Oktober 1911 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung' erscheint wöchentlich. A bannements-preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 III. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion »ud Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung de» Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/$9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Tltthflft @ine Umfrage, beantwortet von Ludwig Geiger. — Die IJIIlJUIi. Woche. — Fanfaren. Von Hermann Becker. — Amerikanisch-jüdische Literatur. Von Gotthard Deutsch. — Heinestudien III. — Feuilleton. Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilunnen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"), Berlin, Aus der Provinz Posen, Dresden, Erfurt, Köln a. Rh., Mannheim, Straßburg, Basel, Wien, Paris, London. — Von Nah itnd Fern. Linr Amkrsgr, beantwortet von Ludwig Geiger. on einer Verlagsbuchhandlung sind mir für ein in Vorbereitung befindliches Buch folgende Fragen vorgelegt worden: / 1. Welches sind die voraussichtlichen Folgen (in geistiger, politischer und wirtschaftlicher Beziehung oder einer dieser) im Falle der Assimilation sämtlicher Juden durch Uebertritte und Mischehen? 2. Welches sind die voraussichtlichen Folgen (in einer dieser Beziehungen) im Falle der Verwirklichung der zionistischen Idee: a) für die judenreinen Staaten, b) für den Zionistenstaat. 3. Was geschieht, falls weder 1 noch 2 eintritt? Sind Konflikte zu befürchten, und welcher Art werden diese Konflikte sein? Ist demnach 1, 2 oder 3 wünschenswert? Ich habe mich, da ich grundsätzlich auf Umfragen nicht antworte, geweigert, einen Beitrag für das beabsichtigte Werk zu liefern, habe mich aber bereit erklärt, die Fragen an dieser Stelle zu beantworten. Ich7 muß allerdings von vornherein bemerken, baß die Voraussetzungen zu diesen Fragen irrig, daß die Fragestellung selbst oft geradezu.verkehrt ist. Aus diesem Grunde kann auch eine Beantwortung nicht sonderlich genügend sein und kann die Angelegenheit, um die es sich handelt, durchaus nicht erschöpfen. . 1. Die erste Frage leidet an einer höchst traurigen Unklarheit. Es wird dadurch eine Möglichkeit vorausgesehen, die nicht oder wenigstens in Jahrhunderten nicht eintreten kann. Selbst zugegeben, daß die Uebertritte vom - Judentum zum Christentum ziemlich stark, ferner zugegeben, daß die Anzahl der Mischehen groß ist, so ist das Resultat, selbst wenn man einräumt, daß alle aus Mischehen hervorgegangenen Kinder,? Christen werden, ein Fall der durchaus nicht immer zutrifft, doch höchstens derart) daß die: Anzahl der- Juden entweder gar nicht oder minimal zunimmt, aber nicht derart, daß durch beide von meinem Standpunkt beklagenswerte Ereignisse, die Zahl der Juden wesentlich verringert wird. Daß die Zahl der "Taufen und die der Mischehen im Laufe der nächsten Jahre besonders größer wird, ist kaum anzunehmen, ja, man muß glauben, daß, so bald der latente Antisemitismus schwindet oder sich verringert, d. h. so bald gewisse Berufsarten, die bisher den Juden' verschlossen sind, ihnen geöffnet werden, sowohl die Zahl der Uebertritte als die der Mischehen kleiner werden wird. Es ist ferner zu bedenken, daß wenigstens in | Deutschland die Verluste, die durch Uebertritte dem Judentum f zugefügt werden, einigermaßen dadurch wett gemacht werden, r daß ein beträchtlicher Zuzug vom Osten stattfindet. Dieser? Zuzug ist freilich nicht imstande, die Anzahl der Juden in I Deutschland beträchtlich zu vermehren,, wohl, aber genügt er * einigermaßen, um die Reihen wieder zu füllen, so daß bie' 1 Zahl der Juden sich, wenn auch nicht sonderlich hebt, so doch f jedenfalls kaum verringert. Es kann also in absehbarer Zeit von 1 einem Aufhören der Juden absolut nicht die Rede sein. Energisch j aber muß ich mich dagegen wenden, als wenn erst durch I einen Uebertritt oder durch die Mischehe eine Assimilation \ möglich wäre. Das ist ein Unding, eine schwere Beleidigung gegen alle die deutschen Juden, die wie ihre Vorfahren es etwa seit einem Jahrhundert getan, Deutsche geworden find, also gar nicht nötig haben, erst Deutsche zu werden. Ist Assimilation — und das kann doch nur der Sinn des Wortes sein — eine Deutschmerdung in Sitte, Sprache, Behaben, Gefühlen, so bedarf es dazu weder der Mischehe noch der Taufe. Für eine Assimilation in der Art, daß etwa alle. Juden gerade Nasen und blonde Haare haben, wird kein * ernster Mann plädieren. Denn auch die sogenannten Rein-' deutschen unterscheiden sich in diesen Aeußerlichkeiten so voneinander, daß von einer Gleichheit durchaus nicht gesprochen werden kann. 2. Auch die zweite Frage leidet an einer höchst bedauerlichen Unklarheit und Unkenntnis des Zionismus überhaupt. Es läßt sich ja nicht leugnen, wenn es auch die zionistische Partei nicht wahr haben will, daß ursprünglich bei dem Aufkommen :■ des Zionismus die Parole ausgegeben wurde, daß alle Juden \ der ganzen Welt in Palästina eine neue Heimat finden,, einen \ Judenstaat gründen sollten. Diese Utopie ist ja freilich längst f aufgegeben, teils deshalb, weil Palästina derartige Mafien | nicht beherbergen könnte, ganz abgesehen davon, daß die J Türkei einen solchen Maffenzustrom nicht billigen würde.? Teils mußte dieser Plan fallen gelaffen werden, weil es den k Juden der zivilisierten Länder, selbst den eingefleischtesten tz Zionistengar nicht einfiele, das Land, in dem sie lebten, zu | -verlästere-./...Sp-wurde-aus diesem allgemeinen Judenstaat nur \