Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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75. Jahrgang; Nr. 41 Berlin, 13. Oktober 1911 KMgGe zur „Ällgemetnen Leitung deS Iudrntumß". korrrlpon!lrn?kn und Hschrichtm. Deutschland. *.* Berlin, 10. Oktober. . Die Breslauer städtischen Körper» schäften hatten bekanntlich seinerzeit den Beschluß gefaßt, an den kommunalen Volksschulen.vier jüdische Lehrkräfte, anzustellen. .Diese Anstellung bedurfte der Genehmigung seitens der .Königlichen Regierung. Die staatsbehördliche Zustimmung ist . nun erfolgt, und so werden demnächst vier Lehrkräfte jüdischen Glaubens in den Breslauer städtischen Schuldienst treten. Dieses Beispiel aus der schlesischen Hauptstadt sollte vnn uns nicht unbeachtet bleiben. Ebenso wie dort die Regierung anstandslos ihre Genehmigung zur Anstellung jüdischer. Lehrkräfte erteilte, dürfte ein gleicher Beschluß städtischer Behörden auch in anderen. Gemeinden, des preußischen Staates die staatliche Sanktion anstandslos erhalten. Jene großstädtischen und auch Kommunen mittlerer Größe, die sich einer liberalen Stadtverwaltung erfreuen, sollten daher nunmehr von den zuständigen Stellen unserer Organisationen darauf hingewiesen werden, daß es keineswegs zutrifft, wenn sie etwa von der Voraussetzung ausgehen, daß es ja doch nichts nutze, wenn sie in Betätigung ihrer liberalen Gesinnung auch jüdische Lehrkräfte zum städtischen Schuldienst, heranziehen, da die Regierung solchen Beschluß doch nicht genehmigen, werde. Mo liberale Stadtvertretungen sich fernerhin noch solcher Argumente für die Ausschließung von Schullehrkräften jüdischen Bekenntnisses bedienen, ha sollte, man sie auf das Breslauer Beispiel Hinweisen und sie nicht darüber im unklaren lassen, daß es an ihnen und nicht an der Regierung liegt,, wenn an ihren Volksschulen Lehrer jüdischen Glaubens keine Anstellung I finden. Wir müßten sonst hinreichenden Anlaß.haben, an der Ehrlichkeit ihres Liberalismus zu zweifeln. Die Regierung ist es, wie man jetzt nach dem Breslauer Vorgang sieht, keineswegs., die prinzipiell gegen die Anstellung jüdischer. Volksschullehrer im kommunalen Schuldienst Einwendungen erhebt. Aber auch nach anderer Hinsicht ist der „Breslauer Fall" von Interesse. Er zeigt uns, daß es besser und nicht aussichtslos ist. wenn unsere jüdischen Großgemeinden, statt dem Verlangen nach Errichtung eigener Volksschulen nachzugeben, lieber dahin wirken sollten, daß den jüdischen Elementarlehrern bei ihnen, ebenso wie in Breslau, die Pforten des kommunalen Volksschulunterrichtes nicht verschlossen bleiben. L2 Berlin, 10. Oktober. Auf dem großen Gelände an der Ecke der Exerzier- und Schulstraße fand am 5. -. M. die feierliche Grundsteinlegung des neuen Krankenhauses der jüdischen Gemeinde zu Berlin statt, Der Vorstand der jüdischen Gemeinde und. die Repräsentantenversammlung waren fast vollzählig vertreten. Rach einem Gesänge hielt Sanitätsrat Dr. Wilhelm Feilchenfeld eine längere Rede, in der er die Entwicklung der jüdischen Krankenpflege in Berlin in den letzten Jahrhunderten schilderte. Stadtverordneter Louis Sachs., der Vorsitzende der Repräsentanten^ Versammlung, sprach über die Vorarbeiten für das jetzt zu 'erbauende Krankenhaus. Die Anstalt wird ein Verwaltungsgebäude mit einem großen Betsaal, Räumlichkeiten für die Polikliniken und Wohnungen für das Dienstpersonal, das große Hauptkrankengebäude, das Ge? bäude für die Infektionskrankheiten, das Wirtschaftsgebäude, ein Leichenhaus und ein Laboratorium mit einem Hörsaal erhalten. Ferner soll noch als neue Einrichtung eine Abteilung für Frauenkrankeiten und Geburtshilfe hinzugenommen werden. Aus Anlaß der silbernen Hochzeit des Kaisers und der Kaiserin wurde von der Gemeinde ein Fonds von 100 000 Mark gestiftet, der sich bereits durch weitere Stiftungen auf dreiviertel Millionen Mark erhöht hat. Ferner ist noch der Bau eines Schwesternheims in Aussicht genommen. Die Krankenräume sind für 235 Betten eingerichtet. Die Kosten des Baues betragen 4 600 000 Mark. Herr Karl Leopold Netter, Vorsitzender der Baükommission, verlas die Urkunde, die in den Grundstein eingemauert wurde. ' Die Urkunde lautet wie folgt: „Mit Gottes Beistand. Im 24. Jahre der segensreichen Regierung Sr. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelms des Zweiten wird heute zum Neubau des Krankenhauses'der jüdischen' Gemeinde zu Berlin der Grundstein gelegt. Der Neubau soll das jetzige Krankenhaus in der Auguststraße 14—16 ersetzen, das nunmehr seit über 50 Jahren der Krankenfürsorge dient — innerhalb unserer Glaubensgemeinschaft, wie auch weit über ihren Kreis hinaus. Während das frühere „jüdische Lazareth"» in der Oranienburger Straße 7 über 100 Jahre bestand, ist jetzt schon nach einem halben Jahrhundert durch das schnelle Anwachsen unserer Gemeinde wie durch die gesteigerten Ansprüche der fortschreitenden medizinischen Wissenschaft ein Neubau erforderlich geworden. Dank schulden wir der Stadtgemeinde Berlin, die uns in Anerkennung des guten Zweckes einen geräumigen Bauplatz von 3,3 Hektar an der Exerzier- und Schülstraße zu mäßigem Preise überlassen hat. Nach den bei der Ausschreibung preisgekrönten Entwürfen der königlichen Bauräte Herren Reimer und Körte wird die Anstalt enthalten: Das Verwaltungsgebäude mit Betsaal, Räume für die Polikliniken und Dienstwohnungen, das Hauptkrankengebäude, ein Haus für Infektionskrankheiten, das Wirtschaftsgebäude mit Kessel- und Desinfektionsräumen, das Leichenhaüs mit Laboratorien und einem Hörfaal. Dazu soll als neue Einrichtung eine besondere Abteilung für Frauenkrankheiten und Entbindungen hinzukommen. Für diese Abteilung wurde aus Anlaß der silbernen Hochzeit unseres erhabenen Käiserpaares von' unserer Gemeinde ein Fonds von '100 000 Mark gestiftet, der sich durch die Gaben hochherziger Gemeindemitglieder um 700 000 Mark erhöhte, so baß die Kosten der I Errichtung dieser Abteilung und eines Teiles ihrer Unterhaltung durch diese Spenden gedeckt sind. Es ist ferner der Bäu eines Schwesternheims in Aussicht - genommen. Die gesamten Krankenräüme werden für 230 Betten eingerichtet. Die Möglichkeit einer' späteren 'Erweiterung ist vorgesehen. Die Kosten des Neubaus werden einschließlich des Grunderwerbs über 4‘tj2 Millionen Mark betragen. Bauherrin ist die jüdische Gemeinde zu-Berlin, die gegenwärtigen ihrem Groß-Berlin umfassenden Bezirke über 140 000 Seelen zählt. Vorsitzender des Vorstandes der Gemeinde ist zurzeit Herr Julius Jg.cöby, Vorsitzender der Repräsentantenversammlung ist Herr Louis Sachs, der auch den Vorsitz im Krankenhausvorstand führt. Als dirigierende Aerzte des Krankenhauses wirken gegenwärtig die Herren Professoren Dr. James Israel und Professor Dr. Hermann Strauß. Die Arbeiten der baüleitenden Kommission, wie zuvor die Beratungen der vorbereitenden Deputation leitet das Mitglied des Gemeindevorstanves, Herr Carl Leopold Netter. Die Bauausführung liegt in den Händen der Herren königlichen Bauräte Reimer und Körte. Möge sich das neue Krankenhaus in Üebereinftimmung mit den Geboten des Judentums und den Ueberlieferungen unserer Gemeinde allezeit als eine Stätte dev Menschenliebe und des wissenschaftlichen Geistes bewähren, und Möge die Anstalt stets getragen und gestützt sein von der freiwilligen Liebestätigkeit und Opferfreudigkeit der.Gemeindemitglieder. Berlin, 5. Oktober 1911.- Vorstand der jüdischen Gemeinde." ' *.* Berlin, 10. Oktober. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur E. V. versendet das Verzeichnis der Vorträge für die Winter-Saison 1911 - 1912: Dienstag, 24. Oktober 1911^ Professor Dr. Luwig Stein, Berlin: Die logischen Grundlagen des Gottesglaubens. Dienstag, 21. November 1911, Geheimer Regierungsrat Professor Dr.Ludwig Geiger, Berlin: Judentum uNd Deutschtum.' Dienstag, 12, Dezember 1911, Rabbiner Dr. M. Fre u de nt h a l, Nürnberg: Gedenkrede zum 100. Geburtstag von Ludwig Philippson. Dienstag, 9. Januar 1912, Professor Dr/ M. Philippson, Berlin/ Die Judenemanzipation in Preußen; Zentenarfeier. Dienstag/ 23. Januar 1912 1. populär-wissenschäftlicher Vortrag: Fritz Richard Berlin Mitglied des Deutschen Theäters): Ernstes -und Heiteres aus'