Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-13 · Heft 41 (13.10.1911) · p. Seite 490

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 41 (13.10.1911)
Date
1911-10-13
Page
Seite 490 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3229003--67855-3280095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

wohl seinen Geist gefesselt haben, denn er bemerkte Liweitzer erst, nachdem dieser zweimal gegrüßt hatte. „Ich habe das Geld gebracht", sprach Liweitzer mit seiner gewohnten Bescheidenheit. „Sie hätten auch morgen Zeit, gehabt", brummte der Alte, „kommen Sie morgen. Morgen, morgen." Das sagte er schon singend, scharf, gedehnt, als ob dies schon mehr wäre als menschliche Rede, als ob er diese scharf zugespitzte Melodie in eine felsige Härte, die nicht nachgeben will, hineinbohren wollte. Liweitzer kannte diesen problemlösende Versunkenheit. Lange war es her, daß er diesen wundersamen Singsang gehört hatte und sein Blut prickelte davon. „Darf ich wissen, Herr Seeligmann, was Sie lernen?" Seeligmann schob das Augenglas auf die Stirn. „Ich lerne?" fragte er eifrig blinzelnd. „Woher wissen Sie, daß ich lerne?" Liweitzer bückte sich, schaute in das Buch hinein und lächelte. „E schäne Sügje,"i) sagte er in unverfälschtem Jargon. Der kleine Mann sprang auf. Er konnte vor Ver- I wunderung nicht atmen. Liweitzer tat, als ob er das Erstaunen des alten Mannes nicht bemerkt hätte, und begann die These zu erklären, sich aus sämtliche Autoren berufend, welche an diese rätselhafte Stelle des Talmud der Aufmerksamkeit würdige Meinungsaussprüche knüpften. Das Gesicht des alten Seeligmann wurde immer strahlender. Er mochte an dem fremden jungen Manne großes Gefallen gesunden haben, denn er würdigte die Kundschaften, die inzwischen in sein Gewölbe kamen, keines Wortes. Er lauschte nur Liweitzers Reden und spornte ihn durch tausend Fragen noch mehr dazu an. Vergebens wollte Liweitzer innehalten, der alte Mann ließ es nicht zu. Der Alte drang weiter in ihn: Nun, und der. Rambam? Und der , Rif? Und der Meharscha? Er schälte sozusagen das Wissen aus ihm heraus, wie man Zwiebeln zu schälen pflegt, ein Blatt nach dem anderen. Als sich dann beide müde gesprochen hatten, rieb der Alte glückstrahlend seine Hände. „Sie sind mein Mann. Kommen Sie herein. Nur herein, nur herein, jünger Mann." Drinnen stellte er ihn seiner Frau vor, die ebenso alt war als er selbst. „Golde, eine Perle. Ich sage Dir, daß er eine Perle ist." Golde deckte schnell den Tisch. Der alte Seeligmann pflegte zumeist hungerige junge Leute einzuladen. Uebrigens war schon Essenszeit. Während des Speisens setzten sie den Disput fort und der alte Seeligmann schwamm in Seligkeit und lächelte schmunzelnd bei dem Gedanken, welche Sensation er mit diesem ungarischen Jüngling in seinem Verein erregen wird, wo die tüchtigsten jüdischen Gelehrten Berlins täglich zu einem kleinen Pilpul zusammenkommen. „Sie kommen mit mir, nicht wahr?" fragte er Liweitzer nach dem Abendessen. - Liweitzer wußte nicht, wohin er ihn rufe. „Ich bitte um Verzeihung, doch ich habe Eile," sagte er >sich entschuldigend, indem er zwanzig Mark aus der Tasche nahm. „Ich muß heute abend Kaddisch sagen." „Und was wollen Sie mit diesem Geld?" ' „Ich würde um den Tallis bitten." Der alte Seeligmann schlug sich aus die Stirn. Richtig, dieser junge Mann hatte den Tallis bei ihm verpfändet. „Sehr gut, sehr gut," lächelte er und zählte vorsichtig bas Geld nach. Dann ging er in das Gewölbe, suchte den Tallis hervor und steckte das Geld in dessen Beutel. . „Na, jetzt können wir gehen", sprach er, nachdem er den Tallis Liweitzer zurückgegeben hatte. Der alte Seeligmann wandte sich noch einmal um, und als ob er ein süßes Geheimnis verraten wollte, flüsterte er der alten Frau ins Ohr: „Eine Perle, Golde. Ich sage Dir, daß er eine Perle ist." Golde meinte lächelnd, daß sie es nun schon selbst gesehen habe. Seeligmann führte Liweitzer triumphierend unter die Talmudgelehrten Berlins. Jener Verein, wohin der alte Seeligmann Liweitzer führte war eigentlich ein Betverein, doch bei den Juden war es seit Urzeiten üblich, daß dem Gebete erst das „Lernen" die richtige Weihe gab. Die zum Beten notwendige Andacht, schöpfen sie aus dem Lernen, das dem Gebete vorausgeht, und die gehobene, geheiligte Stimmung befestigt wieder das Lernen welches danach folgt. Das Katheder des Vereins darf jeder besteigen, der Wissen besitzt. Um der Versammlung dort einen Vortrag halten zu können, ist weder Rang noch Titel erforderlich. Von dort aus darf jedermann sein Wissen verkünden, was - eben keine leichte Sache ist, denn die Zuhörer sind in der Regel auch gelehrte Männer, welche den Vortragenden, der seiner Sache nicht sicher ist, tüchtig in die Enge treiben. An dem Abend, als Liweitzer - zum erstenmal in diesem Bethause erschien, stand ein langer, hagerer Mann vor dem als Katheder dienenden Betstuhl. Priesterliche Strenge prägte sich in den ernsten Zügen des knochigen Gesichts aus, ■ das nur während des Pilpuls ein lebhaftes Mienenspiel zeigte. Seeligmanns Augen erstrahlten in Freude, als er, in das Bethaus eintretend, den langen Mann vor dem Betstuhl sah- Das war der hier am meisten anerkannte Charif. *) Welch einen herrlichen Zweikampf wird es geben, wenn dieser sein ' Wissen mit Liweitzer messen wird. Was Seeligmann so heiß herbeisehnte,' das konnte auch nicht ausbleiben. Liweitzer hörte der scharfsinnigen Analyse - des talmudischen Themas lange zu; als dann der Vortragende die letzte Schlußfolgerung hinter sich hatte, trat er um einen Schritt vor, und sich in bescheidenem Tone auf irgendeinen Ausspruch des Maimonides berufend, forderte er eine andere Deutung der talmudischen These. Daraus entstand eine große Schlacht. Der Vortragende gab Nicht nach und schlug den Angriff zurück. In einigen Minuten hatte sich die Versammlung in zwei Parteien geteilt. Die eine hielt es mit dem Vortragenden, die andere mit Liweitzer, und wo nur der Talmud irgendein verborgenes. Arsenal besaß, wurde es geöffnet und der Reihe nach alle leichten und schweren Geschütze hervorgeholt. Nach halbstündiger Debatte ergab sich der Vortragende und trat mit freundlicher Miene zu Liweitzer, um ihn zu begrüßen. Die anderen aber umringten Seeligmann und bestürmten ihn mit Fragen, wer denn dieser junge Mann , sei, der in seiner Gesellschaft gekommen sei. Sie rühmten und bewunderten sein Wissen und der alte Seeligmann lauschte glückstrahlend h Sügpa -- Tälmudisches Thema.. y Scharfsinniger.Talmudstreiter:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.