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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-13 · Heft 41 (13.10.1911) · p. Seite 488

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 41 (13.10.1911)
Date
1911-10-13
Page
Seite 488 (sequence 8)
Language
German
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488 mit einer Einlage von 40 Cents berechtigt/ welche dem Empfänger gehörenwenn er sie sechs Monate in der Bank läßt. So unterstützen sich Jarmulowsky, der Bankier und das Tageblatt in der Anwerbung von Kunden. Wir gehen nur etwas weiter, und wir sehen den echten Typus des Ghettolebens in dem Kleinhandel auf der Straße, der von Hunderten von Handwagen aus (Pnsboarts) getrieben wird. Die Straßenläden zeigen schon etwas großstädtisches Gepräge. In Konotop sieht man nichts dergleichen. Da gibt es auch Restaurationen, die jeder europäischen Stadt Ehre machen würden; sie sind nur in Ausnahmefällen — die größeren überhaupt nicht — koscher. Da sehen wir auch die Hebrew Publishing Company, die in erster Linie bebräische Schulbücher, aber auch andere populäre Verlagsartikel veröffentlicht, ein sechsstöckiges Gebäude; kurz, durchaus nicht das Bild jenes Massenelends, welches die zionistische Zentralleitung in ihren propagandistischen Broschüren zugunsten des Nationalfonds ausmalt. (Schluß folgt.) ->§&■ Victor tzehn über Heine. £ Y^ictou Hehn, der geistreiche Verfasser eines Buches über s Goethe, des berühmten Werkes „Kulturpflanzen und f Haustiere" und einer höchst anregenden Schrift über Italien, * gilt, und nicht ganz mit Unrecht, als einer der schlimmsten! Antisemiten. In seinem Buch über Goethe, vor allem auch in seinen vertrauten Briefen finden sich sehr böse Bemerkungen J über Juden, über ihre Stellung zur deutschen Literatur und I auch über einzelne deutsche Dichter jüdischen Glaubens. Um so erstaunter und erfreuter war ich, in seinem kürzlich erschienenen Buch „Ueber Goethes Gedichte", Stuttgart und Berlin 1911, I. G. Cottasche Buchhandlung, einen Abschnitt über Heine, zu finden, der, wenn er auch nicht gerade enthusiastisch ist, sondern manchen Tadel enthält, doch eine so Prächtige Würdigung Heineschen Wesens enthält, daß er unseren Lesern, die sonst schwerlich davon Kenntnis nehmen würden, nicht vorenthalten sein soll. Der Abschnitt findet sich in der merkwürdigen Einleitung: „Deutsche Dichtung nach Schiller und Goethe".. Bei dem hier folgenden Abdruck ist eine Stelle aus einer früheren Fassung der Einleitung in die spätere definitive, mit herüber genommen. Die Stelle über Heine lautet folgendermaßen: „Dieser Mann ist in der geistigen Geschichte Deutschlands wichtiger, als die unzähligen Gegner, die er mit seinen Pfeilen getroffen hat, zugeben wollen, und wir stehen noch mitten unter den Wirkungen, die von ihm ausgegangen sind. Heine ist zusörderst die höchste Potenz der Romantik, die er zu ihrer glänzendsten Höhe bringt, deren Kräfte und Mittel er in dem ausgedehntesten Maße besitzt und beherrscht. Alle Zaubereien der Phantasie, alle sprühenden Farben, alle funkelnden Lichter der romantischen Wunderanschauung — er gebietet über sie ebenso wie über die leisesten innigsten Harmonikatöne der Seele und die tiefsten, stummen Ahnungen des unmittelbaren Gemüts. Was Fr. Schlegel und L. Tieck, was Novalis, Arnim und Brentano nur jemals poetisch gespielt, Heine spielt es mit überlegener Meisterschaft der Lyra ihnen nach. Das ganze somnambüle Zwielicht der romantischen Beleuchtung samt allen grotesken Gestalten, die sich in demselben erzeugen, liegt über seine Dichtungen ausgebreitet. Er weiß alle Geister zu zitieren, die nur jemals die Romantik im Dienst gehabt. Alle Sagen, Märchen, Legenden und Wunder, ^in denen das Gemüt des Volkes sich dunkel ausspricht — er glaubt und fühlt ihnen nach; er träumt das Weben und Schaffen der Volksphantasie mit, er ist kindlich abergläubisch mit den j Kindern, schmiegt sich, andächtig schauernd an die erzählende Großmutter; die Sprache uralter poetischer Geschlechter — er versteht und vernimmt sie; die Welt der Volkslieder — sie ist seine Heimat; das instinktive Leben, das in ihnen mit zuckenden Blitzen nach Selbstdarstellung ringt, die Einfalt der durch! den Verstand noch nicht gebrochenen Naturstufe des Geistes,; diese irrationale Phantasie — und Traumsphäre — sie nimmt ihn gefangen, als wäre er nie aus ihr heraus getreten, und er holt aus ihren tiefsten Schachten und dunkelsten Gängen, was sie nur an Goldadern und Edelsteinen besitzt. Alle I moderne Ueberschwenglichkeit der Subjektivität fließt in Heines j Dichtungen über und zieht die ganze objektive Welt in den » zitternden Strom ihrer Wellen. Aus ganz romantische Weise weiß er die Natur in das innere Leben des Gemütes einzuführen. Die Bäume, die Sterne, die Blumen, die Gründe des Meeres, die Wolken, alles wird mit menschlicher Subjektivität beseelt. Alle Leidenschaften, Wünsche, Stimmungen des Dichters schaut er aus den Naturobjektiven heraus; bald sehen ihn die Blumen an und klagen oder verwundern sich, bald denkt der trauernde Fichtenbaum an die geliebte, südliche Palme, bald ist der Nordwind ein Griesgram, der gut gelaunt wird, bald reisen die Wolken vorüber, weil ihnen in der langweiligen Stadt ängstlich wird, usw. Auf diese Weise hat Heine die Romantik, die zu der Zeit, wo er auftrat, schon ziemlich sich ausgelebt hatte, mit den glänzendsten Farben wieder aufgefrischt. Er brachte neues poetisches Leben in eine flaue Zeit, in der die Mittelmäßigkeit und Erbärmlichkeit eine breite langweilige Herrschaft ausübte. Er gab der Phantasie wieder Nahrung, er sang wieder das Lied der Seele. Aber die Romantik spielt nur, wie wir gesehen haben, i mit dem poetischen Naturdunkel des Geistes, ohne von ihm überwältigt zu sein. Und so auch Heine, nur auch dies in , eminentem Grade. Heine verneint zugleich mit den schärfsten Waffen des Witzes jene romantische Welt, er baut sie nur auf, um sie umzustoßen. Die buntesten Gespenster, er jagt sie auseinander, indem er einen hellen Sonnenstrahl plötzlich unter sie fallen läßt; höhnisch und lachend zertrümmert er die kristallenen Schlösser, die Wohnung reizender Feen; ein zauberhaftes, eben sich vollendendes Phantasiegebilde zergeht vor der sich geflifsentlich einstellenden gemeinsten Realität; die schmelzendste Melodie erlischt mit plötzlich aufgewirbelten Saiten, noch ehe sie ihren Nachhall in unserer Seele gefunden. Je genialer das Werk des aufbauenden Meisters, desto größer die Lust des schadenfrohen Zerstörers. Es ist, als wollte der Dichter zeigen, daß grade die höchste .Sublimation poetischer Idealität am eitelsten ' und nichtigsten ist. Darum stellt er neben die zarteste Unschuld den schamlosen Spott, neben den feinsten Gefühlsäther die materiellsten Ansprüche des leiblichen Daseins. Was er selbst von Klemens Brentano sagt, er gleiche jener chinesischen Prinzessin, die die wahnsinnige Laune hatte, fortwährend die kostbarsten Seidenstoffe kommen zu lassen, bloß um sie zu zerreißen — dies gilt ganz von seiner eigenen Poesie. Heines Lyrik hat die umfassendste Wirkung gehabt und ein Heer von Nachahmern ins Leben gerufen. Dennoch ist sie, wie aus dem eben gesagten hervorgeht, wenngleich ungemein feffelnd und von seltenem Reiz, doch keineswegs musterhaft. Es fehlt die zusammen haltende, organisierende Macht der Gesinnung. Man kann kein Gedicht von ihm rein genießen, weil keins ehrlich gemeint ist; entweder ist Mephistos höhnische Stimme alsbald vernehmlich, ober wir sehen seinen Schatten wenigstens im Hintergründe auftauchen. Der Dichter selbst -,--

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