Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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> Der Jude des 15. Jahrhunderts hat, obwohl' er noch nicht von diesen entsetzlichen polnischen Rabbinern verdorben war, nicht den Wunsch gehabt, ein königlich preußischer alttestamentarischer Religionsverwandtev zu sein, und hat genau so gesprochen, wie es ihm bequem war. Wir sind auch gar nicht auf bloße psychologische Analogieschlüsse angewiesen, denn wir besitzen Dokumente. In einem Streite, der die Gemeinde Ulm in zwei Lager spaltete und sich wahrscheinlich anfangs des 15. Jahrhunderts abspielte, nannte der Gelehrte Simelin' den Ülmer Rabbiner Seligmann einen Ignoranten und gab ihm noch andere durchaus nicht schmeichelhafte Epitheta. Die Sache wurde vor den Rabbiner Jakob- Weil in Nürnberg gebracht, und dieser verurteilte Rabör* Simelin zu einer demütigenden Abbitte. Glücklicherweise ist es nicht wahr, wie der Antisemit Nuebling (Judengemeinden des Mittelalters S. 445) mit boshafter Insinuation an gibt, daß „die jüdischen Quellen sich über diesen Vorfall „ausschweigen", sondern wir besitzen einen ausführlichen Bericht in den Responsen Jakob Wells nebst dem Wortlaute der Abbitte. Als ein interessantes Sprachdokument für das Judendeutsch des 15. Jahrhunderts sei es hier veröffentlicht. Es lautet: „Hort zu Rabbossai! Ich hon Messires. (Denunziationen) geton. Ich hon gebrochen di (Verordnungen), die die Rabbonim hon gemacht, da ich uf gechasmet (unterzeichnet) bin. Ich hon auch - gewesen (angegriffen) an bw ffliatPö TßD (Familienehre des Rabbi Seligmann). Ich hon auch "i"NL2 (Rabbi) Seligmann an sein Kowed geret, daß ich hon gesprochen, er sei nit ein Raw und ein Kind kom me (mehr) wenn er. Damit hon ich auch den Rabbonim übel geret die Seligman gesamchet hot (ordiniert) zu Raw. Ich hon auch ‘Y'rTfc Seligmann me übel geret und auch Kahal. Ich' hon auch den Dajonim (Rabbinatsbeisitzern) und ein Teil VNP (Zeugen) Übel geret. (ich habe gesündigt, gesell, gesrevelt). Ich bet den Allmächtigen das er mirs mochel sei und il Rabbonim, die Seligmann gesamchet Hot (sic) un auch Seligman und auch Kahal und auch-die D’Hi? und auch il Dajonim ich bet si al Mechhileh". (Resp. Jakob Weil, No. 147, Ed. Venedig, 1549, S. 60 b). Des besonderen Interesses halber will ich noch ein Wort, zitieren, das in diesem Streite vorkommt. Rabbi Simelin war zu dem Bürgermeister gegangen und hatte geklagt, daß seine Gegner ihn von dem „Mar" hernntergestoßen hätten. Das damalige „Jiddisch" hatte also noch eine ganz naive Färbung. Zu Mendelssohns Zeiten galt der Gebrauch des Wortes Altar als ^cherer^Veweis der Ketzerei. Einer seiner Gegner hatte daran Anstoß genommen, daß Mendelssohn das Wort rnffc mit Altar übersetzte, denn dieses Wort sei von unseren Altvorderen nur auf heidnische Opferstätten angewendet worden, weil es „unrein" bedeutet. Der gelehrte Herr leitet mit etwas kühner Etymologie „Altor" - von dem hebräischen ‘Tina ^8 ab. Leider hat der Ueberlieferer, Joel Löwe, dieser Erzählung nach damaliger belletristischer Art^ welche die jetzigen hebräischen und jüdischen Autoren ..batlonisch" nennen, den Namen dieses geistreichen Philologen ni^t der Nachwelt überliefert. (Meassef, Bd. VII., S. 218.) So wurde auf beiden Seiten gesündigt. Die Liberalen, wie Mendelssohn (Gesammelte Werke, Bd. V., S. 705), erklärten das Mdörsh für den Grund der Demoralisierung des gemeinen Mannes, die Orthodoxen, wie noch in unserer Zeit Hillel Lichtenstein (l815—1891) mit seinem Schwiegersöhne Akiba Josevb ScklesiNaer in ihrem Kampfe gegen Israel Hildesheimer, der damals Rabbiner in Eisenstadt war, erhoben das „jüdisch sprechen" zu einer religiösen Pflicht. „Jüdisch/" sagt Hillel Lichtenstein (1815—1891) in seinem nityj^JT#, Lemberg 1880^ | S. 113, b) „is an Eckstein, die ganze Jüdischkeit zu befestigen.- ff Wir stehen dieser Frage heute mit einer historischen Kühle . gegenüber. Wir wissen, daß jede Berufsklaffe und Bevölkerungs- -gruppe ihr Arc^ot entwickelt, und wenn der Sonntagsjäger, mit seinem Waidmanns-Wortschatz protzt, während der Jude, was ihm von seinem ältett Argot noch zurückgeblieben ist, nur in intimen Kreisen Produziert, so liegt der Grund nicht darin, daß ein Argot an und für sich den7 Menschen verächtlich macht, sondern darin, daß der jüdische Wortschatz den Juden verrät- und daß, ein Jude zu sein, nicht gerade „fashionäble^ ist. Sicherlich will ich nicht der praktischen Pflege des ,,Niddish" das Wort reden. Dafür sorgen schon unsere Lebens- Verhältnisse. Ich kann es selbst nicht sprechen, aber so lange es existiert, sollen wir seinen Produktionen Aufmerksamkeit und unparteiisches Interesse entgegenbringen. Ern solches Interesse scheint mir ein junger amerikanischer Autor in hervorragender Weise zu verdienen. Er heißt Israel Josevb Zevin. ist 38 Jahre alt und in einem Städtchen des Gouvernements Mohilew geboren. Man darf ihn kühn den Hiddishmen Mark Twain nennen. Er hat sogar etwas vor Mark Twain voraus, Mark Twain ist Karikaturenzeichner, Zevin ist Realist. Gleich Mark Twain schreibt er unter einem Pseudonym; er nennt sich manchmal Taschrak, manchmal Judkewicz. Seine Haupttätigkeit' entfaltet er als Feuilletonist für^as „Jüdische Tageblatt", die älteste und einflußreichste Jiddische Tageszeitung Amerikas. Für sie hat er verschiedene Typen geschaffen, die, wenn sie allgemein verständlich wären, . sich ebenso dauernd in der Weltliteratur erhalten würden . als Falstaff, Don Ouixote und Sancho Pansa. Man muß diese Welt kennen, die sich auf dem südöstlichen Teile der Insel Manhattan, welche den wichtigsten Teil der Millionenstadt New Jork bildet, bewegt, um Zevins Produktionen schätzen zu können. Es ist eine höchst eigentümliche Welt, ein losgerissenes Stück Halbasien, das sich wie eine der schwimmenden Inseln des Amazonenstromes an die Mündung des Hudson verirrt hat. Den echten Amerikaner berührt sie als etwas ganz Fremdartiges, und doch ist sie von ihrer Umgebung mächtig beeinflußt. Am allerdeutlichsten sieht man das an dem Straßenbilde in dem Zentrum des Ghetto, wo sich die Jiddische Zeitungswelt niedergelassen hat, die im Kleinen den Charakter trägt, welchen man in Parkrow sieht, wo die himmelanragenden Wolkenkratzer den großen englischen Tageszeitungen ihre Heimat bieten. Vier tägliche I Blätter erscheinen im Ghetto, zwei vertreten das Kleinbürger-1 liche, religiös-orthodoxe Interesse und zwei dienen dem? * politischen und religiösen Radikalismus. Daneben gibt es ' noch eine Reihe von Wochen- und Monatsblättern. Den Zeitungsgebäuden gegenüber liegt ein kleiner Park und Kinderspielplatz und auf der anderen Seite desselben ein mächtiges Schulgebäude, in welchem etwa 2400 Kinder-- von . welchen 98 Prozent Juden sind, Unterricht erhalten-. Es ist eine neue Generationdie von den Eltern um zwei Jahr-' hunderte Kulturarbeit geschieden ist. Auf dem Platze sieht man jeden Morgen Arbeiter in Gruppen, Bauschreiner, Glaser, Anstreicher, einfache" Taglöhner, die auf den Unternehmer warten, der „Hände" braucht, wie es im amerikanischen Jargon heißt. Auf den Bänken fitzen Leute, die den Anzeigenteil des „Tageblatt" studieren, wo, als geschähe es den Antisemiten zum Trotze, Hunderte von Arbeitsangeboten aller-Kategorien zu finden sind. Ganze Reihen warten vor dem- --Tageblatts- Gebäude, denn dort hat man ein echt amerikanisches Stückchen ausgedacht. Gegen Erlag eines Coupons erhält man einen Schein, der den Ueberbringer zum Enrpfange eines Sparkassenbuches