Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- Seite 486 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Stump“. Die Entwicklungsgeschichte des Wortes ist lehrreich. In primitiven Zeiten, wo es in den ländlichen Distrikten keine öffentlichen Säle gab,' wurden Versammlungen in einer Waldeslichtung gehalten; der Redner stellte sich auf einen Baumstumpf und hielt seinen ,Stumpspeecli\ So wird heute noch in den herrlichsten Sälen, die Tausende von Menschen fassen, „gestumpt". Da es nicht meine Absicht ist, über die Entwicklung der englischen Spräche zu schreiben, gehe ich zu der Erklärung des Wortes „Jiddisch" über. Es soll von Esrael Zangwill zuerst geprägt worden sein, und steÄt die unter „Jidde" übliche Aussprache des Wortes „Jüdisch" dar, wie sie ihre Sprache, das Judendeutsch, nennen. Die Bezeichnung ist so absolut charakteristisch, was von dem deutschen Worte „Jüdisch" nicht gesagt werden kann. Die Bezeichnung „Judendeutsch" ist wieder zu umständlich, und „Jargon" oder „Kauderwelsch" ist keine Bezeichnung mehr, sondern ein Urteil, oder richtiger eine Verurteilung. Das amerikanische „Jiddisch" ist wie jeder Dialekt lokal. Es hat das Lithauische, mehr als das podolische „Jedesch" zur Grundlage und absorbiert mit unglaublicher Schnelligkeit englische Wörter und Redewendungen. Ich habe mir die Mühegenommen, den Wortschatz des jüdischen Dialekts auf seine Bestandteile zu untersuchen und gefunden, daß die große Mehrheit desselben aus deutschen Worten besteht. Der Pole Perez hat 92 Prozent deutscher, 7 Prozent hebräischer und fjurn ein halbes Prozent polnischer Wörter. Die unter Kleinrussen lebenden Schriftsteller aus Podolien und der Ukraine, für welches ich LinetzW geistvolle Satire „dos poilische — nicht politische, wie Philippson: Neueste Geschichte, Band II, Seite 172 hat — Jingel" als Typus nehme, Haben nur 84 Prozent deutscher und dafür Israel I-Ioseph'Ievin. 13 Prozent hebräischer und 3 Prozent russischer Wörter. In Amerika tritt das flämische Element zurück, und das englische tritt dafür ein, wie man das bei Besprechung inländischer Verhältnisse gar nicht vermeiden kann, und auch aus deutschen Zeitungen, die in Amerika erscheinen, besonders im Anzeigenteile, sehen kann. Ich nehme das „Jüdische Tageblatt" vom 8. Juli zur Hand, das aus der ersten Seite in mächtigen Lettern, wie das amerikanischen Zeitungen üblich ist, Nachrichten über einen für jüdische Arbeiter sehr wichtigen Streik in der New Horker Kleiderindustrie enthält: es heißt da: „Klok Schepper Pust." Mäntel-Fabriken (englisch: Cloak chops) feiern (pust, russisch für leer). „Bosses sogen, sei willen Arbitreschon. (Arbeitgeber erklären sich bereit zu einem Schiedsgericht.) Am 14. wird gemeldet: „Bosses kennen sich kein Eze (Rat, hebräisch) geben. Mitingen (Meetings) ohn Resultaten. Auf ein Miting vun Klok Manufaetschurers is es nechten (gestern) gekumen zu KlePP. Boß straschet (droht, russisch) zu verklagen die Junion (Union, Phonetisch geschrieben)." Ein kurzer historischer Exkurs dürfte hier am Platze seim' GMtz. nennt Jargon ein verderbtes Deutsch, welches die polnischen Talmudisten/ denen er, der Sohn einer kurz vor seiner Geburt noch polnischen Heimat, besonders gram ist, verschuldet haben. (Geschichte, Band IX, Seite 445, 3. Auflage.) Aehnlich stellt Güdemann (Erziehungswesen, Band I, Seit^148^die Sache dar. Mir ist das höchst unwahrscheinlich. Die Juden des Mittelalters, obwohl nicht hermetisch von ihrer Umgebung abgeschlossen, haben ihr Eigenleben gelebt, und da sie nicht den Wunsch hegten, israelitische Bürger des heiligen römischen Reichs teutscher Nation zu sein, lag für sie die Notwendigkeit ebensowenig als derWunsch vor, in der Sprache sich ihren Nachbarn zu assimilieren und, wie ich das von einer frommen Frau in Breslau vor Jahren hörte, ihre Stuben vor dem Passähfeste „österlich zu machen". .Mit sind überhaupt geneigt, unsere eigenen Wünsche und Ideale auf andere Verhältnisse und Zeiten zu übertragen. Als typisch erinnere ich mich eines Erlebnisses auf einer kleinen Eisenbahnstation in Tunis. Ein vornehmer Araber rief einem Juden, der an dem Bahnsteige eine „Buvette" hatte, zu, ihm eine Erfrischung zu bringen und ruft aus dem Wagenfenster laut: „Chajim". Ehajim ist dadurch nicht im mindesten verletzt. Er denkt ebensowenig daran, sich Hamid oder gar Mustäpha zu nennen, als es Roosevelt einfallen würde, seinen Sohn Seligmann zu heißen. Im Jahre 1705 konnte Kaiser Joseph I. seines „nunmehro in Gott ruhenden hochgeehrten und villgeliebtesten Herrn Vatters ... gewesten Oberfactorn Simson Wertheimber Juden" in seinen Privilegien gnädigst bestätigen (Kaufmann: Samson Wertheimer, S. 35). Im Jahre 1882 beschwerten sich preußische Reservisten, daß ihnen die Militärbehörden amtliche Schriftstücke mit der Adresse „an den jüdischen Militärpflichtigen usw." zuschicken und können Park-Schule. auf eine Verordnung des reaktionären Ministers, v. Mühler aus dem Jahre 1836 Hinweisen, die eine solche Adresse als beleidigend und ungesetzlich erklärt. Ja, im Jahre 1801 verlangt ein Erlaß der preußischen Regierung in den neuerworbenen Polnischen Landesteilen, daß die Behörden, wenn sie von Juden sprechen, sich der Euphonie „Alttestamentarische Religionsverwandte" bedienen (Heppner und Herzberg: Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden in Posener Landen, S. 210). bei;~5--w-aär