Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die vornehmsten Familien sind aus Europa eingewandert; sie stehen seit länger als 100 Jahren in reger Handelsbeziehung mit Livorno, London, Manchester, Paris. Die tripolitanischen Juden sind im allgemeinen braun, mager, groß, unschön; das Antlitz der meisten trägt die Spuren der Trauer. Sie.sind sehr fromm, von Aberglauben erfüllt; ihre Frömmigkeit bekundet sich in häufigem strengen Fasten, ihr Aberglauben zeigt sich namentlich bei Krankheiten. Ihre Kleidung besteht in blauem Burnus, roten Hosen, schwarzem Turban; nur wenige junge Leute kleiden sich nach europäischer Mode; die Frauen bevorzugen reiche und elegante Tracht: ärmellose Bluse, weite, goldgestickte Hosen, seidene, den ganzen Körper umhüllende Tücher.. Die Wohnungen sind °eng und dunkel. Die meisten Familien verfügen nur über ein mit sehr wenigen Möbeln versehenes Zimmer, sie schlafen und essen auf dem Fußboden. Nur die wenigen Reichen haben europäische Häuser. Von den etwa 2000 Familien in Tripolis fallen über 400 der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last; die 1000 Familien, deren Häupter Handwerker, kleine Beamte, Kolporteure, Händler. sind, leben in recht dürftigen Verhältnissen. Bis 1883 nährten sich viele reichlich durch den Handel mit Straußenfedern; seitdem mußte man einen neuen Nahrungszweig suchen: den Export und die Bearbeitung von Halfa (Csparto-Gras), ein Handel, der aber durch wenige monopolisiert ist. £ In England macht sich nach der „Deutschen Tageszeitung", gewiß keiner sehr lauteren Quellender Antisemitismus bemerkbar. Das genannte Blatt will uns glauben machen, daß die ausständischen Bewegungen z. B. in Wales sich hauptsächlich gegen die Juden richteten, und daß die Juden an dieser Erregung schuld feien durch Heraussetzung der Preise für Lebensmittel und Herausschrauben der Mieten. Vielleicht gibt uns einer unserer englischen Korrespondenten daÄöer Aufklärung. Ihm würde es auch obliegen, Wahrheit oder Unwahrheit der folgenden Ausführungen des genannten Blattes darzutun. Es schreibt: In leitenden jüdischen Kreisen der englischen Hauptstadt hat man das natürlich wohl erkannt, und man macht sich deshalb große Sorgen wegen der Zukunft. Man weiß überdies, daß, wenn vorläufig auch nur in einem kleinen, ziemlich abgelegenen Distrikte Unruhen vorgekommen find, im ganzen Reich die antisemitische Stimmung in den letzten Jahren ganz gewaltig zugenommen hat. Wenn die Waliser zuerst losschlugen, so ist es in der Hauptsache . darauf zurückzuführen, daß ihnen trotz ihrer sprichwörtlichen Gutmütigkeit der Geduldsfaden gewöhnlich eher reißt als dem Engländer, und dann sind selbstverständlich in den größeren Städten, wo die 'meisten Juden leben, der Grundbesitz und die Geschäfte nicht so ausschließlich in jüdischen Händen wie in den kleinen walisischen Städten. Die Zahl der Juden ist in England in den letzten Jahren in beinahe unglaublicher Weise gewachsen, aus Rußland, Rumänien und anderen kontinentalen Ländern find sie in Scharen herübergekommen, weil England schließlich das einzige Land war, wo sie mit offenen Armen ausgenommen wurden, weil man sich hier gar zu gern rühmt toleranter zu sein als wo anders, ein Stolz, der übrigens bei näherer Untersuchung sehr wenig berechtigt ist. Die gegen die Ausländer gerichtete Bewegung, die in den letzten Jahren des konservativen Regimentes hier so entschieden zum Ausdruck kam und zu der berüchtigten Alien Bill führte, war eigentlich im Gründe genommen eine antisemitische Bewegung, nur ist es damals der englischen Presse besser gelungen,'ihren wahren Charakter zu verbergen. Man hatte erkannt, daß die großen Städte dermaßen von flüchtigen kontinentalen Juden überschwemmt wurden, daß, wie z.B. in Liverpool, Manchester und ganz besonders London, ganze Stadtviertel absolut jüdisch wurden und die Engländer sich, nach.und nach^ gezwungen sahendas Feld zu räumen. Seitdem haben sich die an der Spitze der hiesigen israelitischen Gemeinde stehenden Leute alle Mühe gegeben, den Strom der jüdischen Einwanderung abzulenken, und zwar zunächst nach anderen englischen Städten und dann, wo irgendmöglich, mach den Vereinigten Staaten. In vielen Fällen wird jetzt israelitischen Flüchtlingen das dazu notwendige Geld von der reichen jüdischen Kolonie Londons gegeben. Eine klare antisemitische Stimmung läßt sich in den .Kreisen, die speziell von dieser jüdischen Einwanderung berührt werden, auf Schritt und Tritt erkennen. Ganz unabhängig von dieser Bewegung macht sich in den höchsten Kreisen seit dem letzten Thronwechsel auch' eine antisemitische Bewegung bemerkbar. Es ist sattsam bekannt, wie unter König Eduard die reichen Juden in die englische Gesellschaft eingedrungen sind, und wie sie es verstanden haben, sich einen Einfluß zu sichern, wie sie' selten oder niemals in irgendeinem Lande der Welt genossen haben. In allen Beamten- und selbst in Militär- und Marinekreisen findet man zahlreiche Juden, wir haben jüdische'Offiziere in der Flotte und in der Armee, und jüdische Minister sitzen im Kabinett, von der juristischen Karriere gar nicht zu sprechen. Das mußte zu einer Reaktion führen, die nur durch den Schutz aufgehalten wurde, den König Eduard den Juden angedeihen ließ. Man hat immer damit gerechnet, daß der gegenwärtige König dieser Wirtschaft schnell ein Ende machen werde, und trotz der verhältnismäßig kurzen Zeit, die seit diesem Thronwechsel verstrichen ist, ist schon eine Menge Anzeichen dafür hervorgetreten, daß diese Hoffnung' nicht enttäuscht werden wird. Ich lasse hier diese für mich unkontrollierbaren Aeußerungen abdrucken, weil ich glaube, man müffe auch von einem Gegner lernen. Ist eine Gefahr vorhanden, so liegt es an den führenden Männern der englischen Judenheit, ihr zu begegnen. ' " Durch viele Zeitungen geht folgende Notiz über die Folgen des Schulunterhaltungsgesetzes in Preußen. Sie lautet: Wie der Kültusminister mitteilt, ist durch den Staatshaushaltsetat eine Summe von 40000 Mark bereitgestellt worden, um da, wo für den jüdischen Religionsunterricht nicht durch jüdische öffentliche Schulen oder von den bürgerlichen Gemeinden durch Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den öffentlichen Volksschulen oder in anderer Weise gesorgt ist, den leistungsschwachen Synagogengemeinden die Beschaffung des jüdischen Religionsunterrichts durch. Gewährung von Beihilfen zu erleichtern in solchen Fällen, in denen dauernd mindestens zwölf jüdische Kinder vorhanden sind. Indessen ist es nicht nötig, daß diese zwölf Kinder in einer Synagogengemeinde vorhanden sind; vielmehr kann mit einer Staatsbeihilfe auch da eingetreten werden, wo es nach den örtlichen und sonstigen Verhältnissen angängig ist, die schulpflichtigen jüdischen Kinder mehrerer Synagogengemeinden zu einer gemeinsamen Station zwecks Erteilung des Religionsunterrichts zu vereinigen und die Gesamtzahl der Kinder^dauernd mindestens zwölf beträgt. ' _ ■ ■■■■-■• I- *; ■ . Im Anschluß darau gebe ich einer Notiz Raum, die . die „Frankfurter Zeitung" unter der Spitzmarke: „Jüdische Schülverhältnisse" Veröffentlicht. ' ' Das „Hamburger Israelitische Familienblatt" enthält folgendes, für die jüdischen Lehrer-, Schul- und Gemeindeverhältnisse charakteristische Inserat: . Für einen pensionierten Lehrer, der 'gewillt ist, an kleiner Schule den Religionsunterricht zü erteilen und das Amt "eines. Kantors ' zu übernehmen, bietet sich per Oktober-an gesundem Ort passende Stelle- Wenn ein Lehrer in den Ruhestand tritt/' ist seine Arbeitskraft aufgebraucht. Dre>jüdischen Lehrer, von denen ein großer Teil auch heute noch keinen gesetzlichen Anspruch auf ein Ruhegehalt besitzt, bilden bei der Vielseitigkeit ihrer Inanspruchnahme im Schul- und