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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-13 · Heft 41 (13.10.1911) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 41 (13.10.1911)
Date
1911-10-13
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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dem Vorwände, daß sie mit allgemeinen sozialen Ausgaben — ohne Unterschied der Konfession — überlastet seiem In Wahrheit erscheint diese nichtzu oft gewünschte Mitarbeit ehrenvoller. Man will die Zersplitterung der Konfessionen nicht noch vermehren und ist im Grunde von dem Sombartschen Märchen vom fabelhaften Reichtum aller Juden üb erzeugt. Der Arme aber gilt als frech, arbeitsscheu und an Ueppigkeit gewöhnt; wahre Rot, wie man sie bei Andersgläubigen findet, kennt er gar nicht. Zum Glück hat das tiefe, hilfsbereite jüdische Mitleid sich doch noch immer kräftiger als diese Räsonnements erwiesen; sonst mehr der jüdischen Armut! Zum positiven Judentum gehört aber ein Verständnis für die Solidarität aller unserer berechtigten Interessen. Diese erschöpfen sich nun wahrlich nicht in mehr oder minder praktischen Dingen. Am wichtigsten erscheint vielmehr, daß auch der jüdische Liberalismus zu positiven Leistungen gelange. Er hat sich bisher damit begnügt, das starre Festhalten am Alten für unzulänglich zu erklären, traditionelle? Werte umzuprägen, über Einrichtungen, Sitten und Bräuche? oft allzu leichtherzig hinwegzugehen. Demgegenüber muß ja die Orthodoxie den Schein des wirklichen, religiösen Lebens ' Vortäuschen und hat dann auch ein bedeutendes Aufflackern ''in unseren Tagen erlebt. Da sie sich aber in unhaltbare Dogmen verrannt muß sie notwendig ins Hintertreffen ge- 'Eten; ihr Leben ist ein Vegetieren, da sie nur immer alte Reime zur Entwicklung treibt, während im geistigen Hauschalt der Menschheit neue Ideen zur Höherentfaltung drängen. Positive Kräfte zur steten Verjüngung und Erhaltung des Judentums als wertvollen, religiösen Faktor birgt nur das liberale Judentum in sich. Aber sie müssen auch an den Tag gebracht werden. Sonst bleibt es bei der oberflächlichen Beurteilung, daß der gesetzestreue Jude allein Opfer zu bringen wisse. Als ob nicht das mannhafte jüdische Bekenntnis allein, das doch Tausenden von Nichtorthodoxen noch aus dem Herzen kommt, und von ihnen immer mutiger verteidigt wird, ein; freudiges Martyrium voraussetzte! 'Aber wir selber sollten mehr bieten, besonders da die Tatsache so allgemein verkannt ' wird, daß es viel bequemer ist, orthodoxer als liberaler Jude zu seinwenn anders das Bekenntnis zum Liberalismus einen - positiven Inhalt hat. Vielleicht kann'hier auf ein Werk hingewiefen w erden . das als vollgültige Probe positiver Arbeit des Liberalismus . angesehen werden würde: wir meinen die Schaffung einer Bibel für die Gemeinde, bestehend aus Uebersetzung und fortlaufender Erklärung in der Auffassung unserer Zeit. - Wieviel besserhier wiederum die christliche Welt gestellt ist weiß jeder Kenner der Verhältnisse. Seit den Bibelwerken; von Salomon, Fürst und Philippson hat sich keines mehr in unseren Häusern eingebürgert, während die Werk^ christlicher -Autoren sich nur so jagem Das neueste Unternehmen des Berliner Universitäts-Professors H u go G r e ßm a n n ist bei aller kirchlichen Liberalität orthodox-christologisch genug, um für . unsere Gemeinden unbrauchbar zu sein. Man wird einwenden, ' daß es an wissenschaftlichen Vorarbeiten für ein solches, Unternehmen fehle- und das ist wahr. Allein die Sache duldet dennoch keinen' Aufschub; das Bedürfnis muß hier strengen und populären Betrieb zugleich Hervorrufen. Kann vorläufig in religionsgeschichtlicher Hinsicht noch nichts Vollkommenes geleistet werden, so stehen doch die Wege zur ethischen und . religiösen Bewertung der biblischen Dokumente offen sowie . der -Nachweis ihrer-Wirkung auf die Folgezeit; und darauf ..käme"- es heute an. 'Schon eine kritische Sichtung aller Mißverständnisse und tendenziösen Fälschungen wäre einverdienstliches Werk. An die. Bibel knüpften noch imlner neue geistige. Bewegungen an; das liberale wird zum positiven Judentum werden, wenn es die Bibel wiedererobert. , Es geschah gerade in den Tagen des Schlußfestes, daß ganz Israel, Priester und Volk, alt und jung sich im Heiligtum einsand, um einer Vorlesung der heiligen Urkunde zu lauschen. 'Damals war diese noch die Norm für das ganze Leben, und das vielgestaltige Leben gab jedem den verständlichsten Kommentar dazu. Heute muß jede.Auslegung darauf bedacht sein, das Typische vom Zufälligen, das Göttliche vom Menschlichen, das Nationale vom Religiösen, das Zeitliche vom Ewigen, die Form vom Gehalt zu sondern; danach verlangt unsere Zeit. Das kann nicht die Kanzelrede allein tun, das können wir auch nicht dem heutigen Leben mit seinen Zufälligkeiten überlassen; hier müssen sich der religiöse Wahrheits- und. der Forschungstrieb verbinden, und die Arbeit leisten. Unser Losungswort am Eingang der stilleren, werktätigen Zeit, in die die Festklängemahnend hineintönen - mögen, sei: „Im Anfang war die Tat." E Mr Woche. Berlin, 10. Oktober. er Krieg zwischen Italien und der Türkei scheint doch für die Juden größere Bedeutung zu erlangen, als man voraussetzen mochte. Im Grunde geht dieser Krieg, der von Italien mit verwegener Eile und mit äußerst unberechtigten Vorwürfen ins Werk gesetzt wurde, nur die Juden in Italien und die in der Türkei als Bürger der betreffenden Länder etwas an. Trotzdem scheinen die Zionisten, die in der Türkei ihren Retter zu sehen vermeinen, ihre Sympathien auch praktisch zum Ausdruck bringen zu wollen. Wenigstens meldet, die „Vossische Zeitung" aus Warschau, den 5. Oktober: Eine Gruppe junger Zionisten ist von hier nach der Türkei abgereist, um sich den Türken als Kriegsfreiwillige anzubieten. In Lodz fand gestern eine Versammlung dortiger Zionisten statt. Man ging von dem Gesichtspunkt aus, daß man keinerlei Abneigung gegen Italien hege, daß aber die Italiener den Krieg rücksichtslos vom Zaun gebrochen haben. Es wurde beschlossen, 20 Freiwillige nach der Türkei zu entsenden. Eine zu diesem Zweck sofort veranstaltete Geldsammlung, brachte 4000 Rubel ein. Es heißt, daß auch aus anderen Städten die Zionisten Freiwillige nach der Türkei.abzusenden beabsichtigen. Nach statistischen Daten könnten die russischen Zionisten der Türkei etwa 5000 Freiwillige stellen. Es bleibt abzuwarten, ob diese Nachricht sich bestätigt. Was aber noch geschehen möge, eins ist hier sestzustellen: Die Zionisten handeln nicht im Aufträge des Judentums oder der Juden. Wir sind kein Volk und wollen kein Volk sein, sondern nur eine Religionsgemeinschaft. Als solche haben wir nicht das geringste Recht, kriegführende Völker anzugreifen oder zu beschützen. Die italienischen und türkischen Juden werden, sobald sie zu den Fahnen berufen werden, ihre Pflicht tun, wie dies jüdische Soldaten immer getan haben; nichtitalienische und nichttürkische Juden haben in diesem Krieg zweier Völker, in dem es sich absolut nicht um jüdische Dinge handelt, nichts zu tun. . £ Ueber die jüdische Bevölkerung in Tripolis entnehme - ich dem „Univers israelite“ folgende Mitteilungen, die zugleich zur Berichtigung früherer Angaben dienen können. In Tripolitanicn lebten 1904 etwa 18000 Juden. Davon 12000 - in Tripolis selbst, in Bengasi 2000,. in Jeffren 1000; die übrigen in geringerer Zahl in anderen Orten wie Zelitna, Zauja usw.

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