Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 41 Allgemeine Berlin, 13. Oktober 1911 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese' - Zeitung erscheint wöchentlich. A bannements»Pfeis: durch den Luch. Händel oder -die Post (in Berlin und. vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. Vesründet von Rab-iner Dr. Ludwig PHMppsoir Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Proseffor vr. Ludwig Seiger Vertag: Rudolf Mosse, Berlin, Terusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse:' Verlag der „Allgem. Zeitung de» Judentums-,Berlin 8XV., Jerusalemer Straße 4S/4A, 3» richten. Verlag von Rudolf »rosse, Berlin. Ültltfllt.- Positives Judentum. Von Dr. Sflmuel-Essen. — Die Woche. — Die Taufjuden im Religionsgesetze. Von Rabbiner Dr. Tänzer - Göppingen. — Amerikanisch-jüdische Literatur. Von Gotthard Deutsch. — Victor Hehn über Heine. — Feuilleton. Ein Traumgesang. Von Georg Kuttner. — Vun meine „Trübe Tag". Von Salomon Dembitzer. — Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Potsdam, Aus der Provinz Posen, Breslau, Leivzig, München, Frankfurt a. M., Karlsruhe i. B., Budapest, Paris, Kiew. — Bon Nah und. Fern. Kolltwes Judentum. Jum Schlurfest. Von -Dr. S: S am u el - Essen. ie Hochwelle der religiösen Bewegung, die uns die hohen . Feste gebracht, ebbt zurück; das Schlußfest bedeutet noch eineletzte Kurve. Es ist wie dazu geschaffen, ein Fazit zu ziehen. Aresbraucht nicht weitab gesucht zu werden. Da das vielberufene westeuropäische Judentum auch heute noch eine so große religiöse Leistung aufzuweisen, hat, wie es die imponierende Feier unserer Feste ist, so kann ihr.auch das Bestreben zugetraut werden, recht viel von dieser . Kraft auf die kommende Arbeitszeit ausstrahlen zu lassen. Dies eröffnet uns die Aussicht auf eine Mehrung positiven Judentums. - Darunter verstehen wir vor allem eine stärkere Betonung * des religiösen Elementes in unserem persönlichen und öffentlichen jüdischen Leben. Still und widerstandslos ist die Religion anscheinend aus dem Mittelpunkte aller jüdischen Lebensäußerungen gewichen,, um sich mit einem immer bescheideneren Plätzchen zu begnügen. Dr. Felix Ä. Theilhaber,y der uns neben vielen Uebertreibungen so manche.bittere Wahrheit zu kosten gibt, sagt ganz richtig: „Die .inneren .Beziehungen, die früher jeder Jude in allem seinen Tun mit seinem Glauben und seiner Gemeinschaft hatte, sind so locker, daß ein Stigma, des Judentums schwer zu geben ist." Die Folgen sind nicht ausgeblieben; auch der Zionismus hat weidlich davon profitiert. Da es überall, wo es sich um jüdische Dinge handelte, hieß: „Religion ist ausgeschlossen", so mußte .die Meinung aufkommen, daß Judentum und Religion einander gar nichts angingen. Dem religiösen Leben, irgendeine Aufmerksamkeit schenken, wurde wie ein Judendüm behandelt, dessen sich nur Lehrer und Schüler sowie einige Unbeschäftigte! nicht.zu schämen, brauchten. Mir müssen die Synagogtznscheu . überwinden lernen, auf die Mir uns sögar Wiel zugute: tun. Man gibt zwar zu, -daß die Macht der katholischen Kirche auf *) Der Untergang der deutschen Inden. München, .E. Reinhardt. .1911. ... ■ r ‘ v ' : dem religiösen Momente beruht, meint aber, daß es in der freieren, protestantischen Kirche ganz ähnlich wie bei uns sei. Dies ist ein gefährlicher Irrtum. Wir bemerken nur die destruktiven Tendenzen und klammern uns an die antikirchliche Oberschicht; das Leben der großen Massen lassen wir außer acht. Tatsächlich haben auch dort die Geistlichen noch ihre Gemeinden, und reicht ihr Wort sehr weit. Rabbiner haben gar kein oder ein Zufallspublikum. Es klang so emphatisch, wenn man Meinte: das Judentum sei eben keine Shnagogen-Religion. Man konnte auf die anderen Pflanzstätten, auf Familie und Schule, voll Stolz Hinweisen. Aber heute? Wenn die Abdrängung der Religion in die Lehrhäuser eine Verirrung war und zur Verwahrlosung der Synagogen führte, so war die Zurückeroberung der letzteren für einen würdigen Gottesdienst eine Tat, die auch die Bahn für das belebende Moment desselben, die moderne Predigt frei machte. Heinrich Heine mochte noch über den Hamburger Tempel und die gar nicht üblen Predigten vonGotthold Salomon spotten; heute haben einsichtige Vorstände Synagogen zu edlen Andachtsstätten ^gemacht, und die Kanzelredner haben viel hinzugelernt. Rur leider, sie haben kein Publikum; was sie bewegt, begeistert oder mit Sorge erfüllt, findet kein Echo in derGemeinpe. Ich meine aber, wollen wir uns nicht mit elenden Surrogaten in Volksversammlungen begnügen, dann muß die Belebung jüdischer Gedanken und Gesinnung wieder, pon der Synagoge ausgehen. Zum positiven Judentum werden wir aber auch .das soziale rechnen. Wir können da wieder von anderen Bevölkerungsgruppen lernen. Es herrscht bei uns geradezu eine Scheu vor dem Juden als Glaubensbruder, die Angster könnte uns lästig fallen und kompromittieren^ - Wir he^- finden uns ihm gegenüber beinahe in einer Abwehrstimmung! Im.Hinblick auf Weininger, Brandes und andere meint auch Theilhaber: der Jude ist der ärgste Antisemit. Was-hat. dagegen z. B. das Polentum wieder stark gemacht, so stark, daß es in gewissen Ländern den Juden den Atem raubt? Der wirtschaftliche und soziale Zusammenschluß. Selten wird man es erleben, daß der Jude dem Juden in gesellschaftlicher Hinsicht förderlich ist; das Gegenteil geschieht desto öfter; wenn man uur selbst emporgeklommen ist, mögen die anderen zusehen. Wirtschaftlich bildet jeder Jude eine Einheit, wenn er auf diese.Weise seiner jüdischen Konkurrenz die Spitze bieten zu können hofft. Der kleinere jüdische Gewerbetreibende und Handwerker wird nicht genügend gefördert; es sei denn, daß die Mildtätigkeit in Aktion tritt. Aber selbst die reine/.jüdische Wohlfahrtspflege hat unter genannter Erscheinung zu leiden. Einflußreiche und gebildete Kräfte entziehen sich ihr oft unter