Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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^„Judentum und Universität", dem er seine teilweise betrübenden Erfahrungen in Bonn zugrunde legte. Die Versammlung' sprach dem Vortragenden wärmsten Tank für die Unerschrockenheit aus, mit der er auf einem schwierigen Boden die Sache des Judentums geführt habe. Kollege Jacob referierte über „Die Fürsorge für die Ausländer in unseren Gemeinden, insbesondere die Galizier". Diese ~ Fürsorge sei eine der wichtigsten jüdischen Fragen der Gegenwart, besonders für die Gemeinden und Rabbiner des Jndustriebezirkes, in dem sich nach oberflächlicher Schätzung etwa 5000 Galizier befinden dürften. Die zu lösenden Aufgaben seien solche der Bildung, der Erziehung und der Hilfeleistung. In diesem Sinne habe er das allerdings äußerst schwierige Werk in seiner Gemeinde in Angriff genommen. Im Anschluß an diese Ausführungen berichteten die Kollegen David, Rosenthal, Caro, Wiener von bereits bestehenden Einrichtungen, besonders der Gemeinde Köln. Hiernach hielt Kollege Jacob einen wissenschaftlichen Vorträg: „Exegese und Kritik im Pentateuch an einem Beispiel", der lebhaftes Interesse erregte. Die angekündigten Referate derKollegenNorden „Die jüdischen Feiertage und die Schuljugend" und Samuel: „Ueber den Ausbau der Rabbinatsbezirke in der Rheinprovinz" mußten wegen Behinderung der Referenten vertagt werden. Nachdem noch Kollege Samuel in Vertretung des Vorsitzenden zum Delegierten für die nächste Generalversammlung des rheinischen Provinzialverbandes ernannt worden war und Kollege Straß bürg er-Birkenfeld, der für den nach Bruchsal versetzten Kollegen Gr zh misch dem Verbände beigetreten ist, seinen Dank für die zu Anfang erfolgte Begrüßung ausgesprochen hatte, schloß die Versammlung, die durch ein gemeinsames Mittagessen unterbrochen worden war. Frankfurt a. M., 29. September. Von dem jüngst verstorbenen^ Maler Josef Israels erzählt eine Dame, di? öfters im Hause des Künstlers in Scheveningen verkehrte, in der „Frankfurter Zeitung" eine bezeichnende Geschichte: Israels erhielt fast alle Tage Bettelbriefe. Vor ungefähr sechs Wochen, berichtet die Dame, war ich Zeuge einer typischen Szene. Es wird ein Herr angemeldet, der bittet, Israels einen Augenblick sprechen zu können. Israels befindet sich in seinem Atelier, und dort wird niemand zugelassen, der nicht sehr befreundet mit ihm ist. Die Hausdame fragt also den Fremden, ob sie vielleicht Herrn Israels den Zweck seines Besuches mitteilen könnte. Darauf holt der Herr einen Brief aus der Tasche mit. der Bitte, den dem Meister einzuhändigen. Die Hausdame verspricht es und übergibt später den Brief. „In den Papierkorb!" ruft Israels ihr entgegen. „Ich habe wirklich die Bettelei satt." Aber seine Hausdame ist immer vorsichtig und überzeugt sich, daß es wirklich ein Bettelbrief ist. Nach einer Stunde fragt Israels: „Nora, was stand in dem Brief?" — „Das liebliche: der Mann bittet um fünf Gulden, er muß seinen Sohn in Amsterdam besuchen usw. usw." — „Gibt er seine Adresse an?" fragt Israels. — „Ja. er wohnt . . ." Eine weit von ScheveningeN, im Haag gelegene Straße). „Nora, klingle mal! Der Chauffeur soll augenblicklich mit dem Automobil Vorfahren." Eine Viertelstunde später ist Israels mit seiner Hausdame auf der Suche nach der entlegenen Straße. Endlich, nach vielem Hin- und Herfahren und »fragen finden sie auch die Hausnummer. Der Chauffeur klingelt und gibt einen Brief ab, den Israels ihm vom Auto aus hingereicht hat. Der Brief enthält die fünf Gulden mit einer Visitenkarte von Israels. „Zurück nach Hause!" befiehlt er dem Chauffeur! „So," sagte er zu uns, „ jetzt bin ich zufrieden. Es ist sehr gut möglich, daß diese fünf Gulden weggeworfen sind, wißt ihr. aber es könnte doch wahr sein, was der Mann sagt. Wir wollen lieber bei unserem Grundsätze bleiben: Erst handeln, dann denken." Gesterretch-Angsm. L. Wien, 29. September. Hiesige Blätter berichten über folgenden Vorfall, der sich dieser Tage im Wiener Rathaus zutrug. Bei der städtischen Stellwagen-(Omnibus-)Unternehmung ergab sich die Notwendigkeit der Neubesetzung einiger Kondukteurstellen, und wie billig dachte man in erster Linie daran, den Bedarf ans den Reihen der Kutscher zu decken. Unter den Personen, die für das Avancement in Betracht kamen, befanden sich auch zwei — horribile dictu — Juden, die man wohl auch zur Bewerbung aufforderte, aber dann abwieS. In dem einen Fall geschah bieS sans ^phrase, in dem anderen fühlte man sich aber doch zu einer Entschuldigung verpflichtet. Und so ließ denn der Vorgesetzte den Mann kommen und drückte ihm sein Bedauern aus, daß er die Stelle nicht bekommen könne. „Sie sind," sprach er gütig zu ihm, „einer unserer Bestqualifizierten, und es tut mir aufrichtig leid, daß Sie die Stelle nicht erhalten. Aber Sie sind Jude, und es ist die Zeit noch nicht gekommen, daß man bei uns darüber hinweggehen kann." Betrübt schlich der arme Mann von dannen. „Wann wird," murmelte er im Abgehen, „die Zeit gekommen sein, daß ein Jude n Wien wieder Omnibuskutscher werden kann?" — Vor einigen Tagen drangen in Großwardein vier Räuber in die Wohnung des Holzhändlers Ludwig Grünstein und verlangten von diesem mit vorgehaltenem Revolver seine Barschaft. Der zu Tode erschrockene Holzhändler übergab ihnen sein Geld im Betrage von 3800 Kronen, womit die Räuber entkamen. Es gelang der Großwardeiner Sicherheitsbehörde, die Räuber in Mergita festzunehmen. Als sie in Großwardein auf dem Bahnhof ankamen, wurden sie von der Menge förmlich gelyncht. Grünstein erfreut sich in allen Kreisen der Bevölkerung seiner Heimatsgemeinde seines wohltätigen Sinnes wegen großer Beliebtheit. — Viel besprochen wird in der ungarischen Presse der Entschluß des jüngsten Sohnes des bekannten ungarischen Parlamentariers Geza Polonyi, in den Verband des Judentums einzutreten. Julius Polonyi, früher Husarenleutnant und. gegenwärtig Beamter der Ungarischen Allgemeinen Assekuranzgesellschaft in Eger, hat bei der israelitischen Kultusgemeinde in Eger um die Aufnahme in den Verband der israelitischen Gemeinde angesucht und sich bereit erklärt, alle Lasten der Gemeinde mittragen zu helfen und als Israelit zu leben. Ueber das Aufnahmegesuch wird die Gemeinde erst in einer der nächsten Sitzungen entscheiden. Der Entschluß Julius Polonhis soll dem Vernehmen nach aus Zerwürfnisse zwischen ihm und seinem Vater zurückzuführen sein; nach einer anderen Version ollen diese Zerwürfniffe infolge des Entschlusses Julius Polonyis, den jüdischen Glauben anzunehmen, enstanden sein. England. 2. London, 28. September. In die Londoner Stadtverwaltung scheint sich auch schon das antisemitische Gift eingeschlichen zu haben. Das städtische Komitee für Armenpflege (Board of Guardias) in Bethnal Green im Osten Londons beriet dieser Tage über die Vergebung der Milchlieferungen für die ihm unterstellten Wohlfahrtsanstalten. Mr. Lock, der Vizepräsident des Board, schlug vor, das Angebot des billigsten Lieferanten, der Great Lastein Dairy Company, zu akzeptieren. Demgegenüber beantragte Dr. R. G. Style, Präsident der Soutb-'West Bethnal Green Conservative Association, das ungünstigere Angebot einer anderen Firma anzunehmen. Er begründete seinen Anrag recht offenherzig damit, daß an der Spitze der Great Lastern Dairy Company ein Herr Dubowsky aus Whitechapel stehe. „Jüdische Lieferanten brauchen wir nicht", setzte Dr. Style wörtlich hinzu. Der Board verwarf den Vorschlag von Mr. Lock und nahm den antisemitischen Antrag Dr. Styles mit sechs gegen vier Stimmen an. — Hier find Nachrichten von Straßenschlägereien in Manchester eingelaufen. Ein alter Jude, mit langem weißen Bart ging durch eine Straße in Manchester, als er von christlichen Burschen zuerst verhöhnt und dann mit Steinen beworfen wurde. Aus die Hilferufe des alten Juden liefen einige jüdische Bewohner herbei und wollten die Burschen auseinanderjagen. Doch auch sie wurden mit einem Steinhagel empfangen. In wenigen Minuten war die Straße von Menschen erfüllt, die sich in zwei Lager — Christen und Juden — geteilt hatten. Die Straße glich bald einem veritablen Schlachtfelde. Wurfgeschosse verschiedenster Art flogen herüber und hinüber. Die Wache ries Verstärkung herbei, welcher es mit schwerer Mühe gelang, Ordnung zu machen und die Verletzten, darunter mehrere Schwerverletzte, der ärztlichen Hilfe zuzuführen. Zahlreiche Teilnehmer an der Schlägerei wurden verhaftet. Von Ksh und Fern. x — Nach der Zusammenstellung der „Statistischen Korrespondenz" hat die Volkszählung vom 1. Dezember 1910 unter anderem folgende endgültigen Ergebnisse geliefert. Die Verteilung der Bevölkerung nach dem Religionsbekenntnisse ergibt auf 1000 Personen: Israeliten