Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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479 Man hatte die Prüfung just für den Tag festgesetzt, der seiner Jahrzeit vorausging. Früh morgens stand er auf und, wie er zum Fenster hinausschaut, sieht er, daß die Welt heute ebenso aussieht als sie gestern ausgesehen hat. Auf der Gasse eilt und drängt die Menschenmenge vorwärts und keiner bleibt vor seinem Fenster stehen, um jenen berühmten Liweitzer zu sehen, der heute vor strengen Professoren die Prüfung ablegen soll. Ihn befremdete ein wenig diese Unverändertheit, hatte er sich doch diesen Tag anders vorgestellt, sonniger, Heller, feierlicher- Indes später beruhigte ihn diese Alltäglichkeit — genug, wenn nur in seiner Seele Feiertagsstimmung herrschte. Er betete wie sonst und nahm als ersten Imbiß nur trocknes Brot wie sonst. Dann packte er Hefte und Bücher zusammen und ging in das Gymnasium, um „sich als Ring in jene Menschenkette einsügen zu lassen, welche die Zivilisation zusammenhält". Als er beim Tore angelangt war, schlug ihm das Herz lauter. Er mußte sich anlehnen, denn es schwindelte ihm. Doch das währte nur eine Minute. Ruhig und erhobenen Hauptes trat er in das Bureau des Direktors. Der Direktor saß beim Schreibtisch und war in seine Arbeit vertieft. Liweitzer mußte zweimal grüßen, bis er seiner ansichtig wurde. Auch dann blickte er ihn durch seine Brille sehr gleichgültig an, ungefähr so, wie ein gelöstes Rechenexempel, welches nicht mehr interessiert. „Was wünschen Sie, junger Mann?" fragte er ziemlich unfreundlich. Liweitzer antwortete bescheiden, daß er sich zur Prüfung gemeldet habe. . „Haben Sie die Prüfungstaxe gebracht?" Liweitzer zählte das Geld auf den Tisch. „Es ist in Ordnung," sagte der Direktor und legte ein großes Buch vor sich hin. „Wie heißen Sie?" Liweitzer sagte es. ' „Aber das ist ja unmöglich," entsetzte sich der Direktor. „Gedalje! Was denken Sie sich, mein Freund? Das ist kein Name, mein Freund. Den kann ich nicht in das Stammbuch einschreibeil. Irgendeinen zivilisierten Namen bitte ich." Liweitzer trat der Schweiß aus die Stirn, teilweise aus Scham und teilweise aus Schmerzgefühl darüber, daß man seinen ehrlichen, jüdischen Namen derart, geringschätzte. „Nun, junger Mann," drängte der Direktor. Er drängte ihn vergeblich. Liweitzer vermochte sich nicht zu entschließen. „Also," sagte der Direktor ungeduldig, „ich schreibe Sie als Gedalje ein, doch wenn es Ihnen nicht glücken sollte, so schreiben Sie es nur sich selbst zu. Mit einem solchen Namen kann es einem nicht glücken. Wir sind doch nicht in Palästina." Auch in bezug auf die Prüfung war in diesen Worten eine versteckte Drohung enthalten. Dessenungeachtet wollte Liweitzer seinen ehrlichen Judennamen nicht verleugnen. Diese offen zur Schau getragene Voreingenommenheit des Direktors. ließ seine feierlich gehobene Stimmung ein wenig sinken und mengte einige Bitterkeit in seine vertrauensvolle Naivität. Also außerhalb der Jeschiwa entscheidet noch etwas anderes, nicht nur das Wissen. Gleichviel! Er wird es mit dem Leben auch so aufnehmen. Auch die Professoren lächelten, als sie seinen Namen hörten, doch sie lächelten nicht lange. Liweitzers tiefer Ernst, seine Fertigkeit überraschten sie, doch noch viel mehr die Sicherheit seines Vortrags und die Logik seines Denkens, die nicht im entferntesten jenem schülerhaften Stammeln ähnlich sah, daS den meisten Prüflingen eigen ist. Stundenlang quälte man ihn mit Fragen; die Prüfungsprofessoren selbst waren schon erschöpft, doch dem Gesichte Liweitzers sah man durchaus keine Ermüdung an. Die weise Kommission wußte freilich nicht, daß diesen Jüngling vier- und fünfstündige Pilpuls so hartgeftählt hatten. Um zwei Uhr nachmittags übergab man ihm das Zeugnis und Liweitzer eilte in seine Wohnung. Nach der großen seelischen Spannung ließen seine Nerven nach. Er warf das Schriftstück auf den Tisch, neigte sich darüber und verharrte dort lange Zeit unbeweglich. Vielleicht weinte er auch, doch konnte man es nicht sehen. Dann nahm er das Schriftstück und sperrte es in den Koffer. Viermal — fünfmal prüfte er das Schloß, ob es seinen Schatz wohl gut behüte. Dann nahm er das Zeugnis wieder hervor, breitete es auf dem Tisch aus und ergötzte sich daran. Inzwischen aber dachte er an seine Kindheit, an das Jeschiwaleben, an seine Freunde, die sich von ihm losgerissen haben und er empfand Herzweh darüber, daß er an diesem großen Tage so verlassen sei. Und er gedachte auch schmerzvoll — glücklich Esterchens. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. Der Hirte Israels und seine zerstreute Herde. Eine Lösung des Rätsels der Jüdischen Geschichte von David Baron, Verfasser, von „Die Schriften des Alten Testaments und der moderne Jude" usw. Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Gräfin Elisabeth Groeben. Preis 1.50 Mark. Berlin SW., Georg Nauck (Friß Rühe), 1911. Ein Missionsbuch, wie der Titel schon andeutet: ein Abriß der jüdischen Geschichte und Folgerungen, die daraus gezogen werden. Der erstere ist, wie in der Einleitung ausdrücklich bemerkt wird, hauptsächlich nach F. Hem ans' Geschichte des jüdischen Volkes bearbeitet. Man braucht nur" die Aufschrift einiger Kapitel abzufchreiben, z. B. „Tie Leiden Jsrals als Erfüllung göttlicher Vorhersagung und als ein Anschauungsunterricht für die Christenheit" oder „Das Gleichnis von dem Weinstock, der Gegensatz zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart" oder die Anhänge zu notieren: „Waren die Juden in ihrer Verwerfung Jesu von Nazareth gerechtfertigt" oder „Judenchristliche Zeugnisse an Israel", um die Tendenz des Buches zu erkennen. Wer daran noch nicht genug hat, der braucht nur folgende Stelle (S. 132) zu vernehmen, um ganz klar zu wissen, was der Verfasser will. Die Stelle lautet: „Und demselben Geiste des Schwarzsehens in betreff ihrer Zukunft wird auch von vielen jüdischen Schriftstellern und Dichtern Ausdruck gegeben. Aber es ist nicht nötig, daß Israel aus den Straßen der Erde hin- und herschweift, um eine Heimat zu finden, es gibt eine Heimat, die auf sie wartet; aber ehe sie mit dem Segen Gottes in dieselbe zurückkehren, und nach ihren langen Wanderungen Ruhe und Frieden genießen können, muß der verlorene Sohn erst mit seinem himmlischen Vater versöhnt sein und die große Sünde bekennen, die die Ursache all seiner Trübsale und Leiden gewesen ist." Weiteres zur Charakteristik des Buches ist wohl nicht nötig. Unseren Lesern darf es in keiner Weise'empfohlen werden. L. G. ft — Jüdische Helden. Von Dr. med. I. Weigl in München. I. und II. Teil/ Frankfurt a. M., Jüdischer Volksschriftenverlag, G. m. b. H. Die Helden, von denen in "diesem Bändchen gehandelt wird, sind: Hillel, Rabbi Akiba, Rabbi Jehuda Hannasi Hakadosch chnd Raw