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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-06 · Heft 40 (6.10.1911) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
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Leim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. Berechtigte UeLersetzung von Rosa Trencssni. XXXV C rostlos irrte er in den Gassen herum und spähte nach Leuten aus, die seine Dienste brauchen könnten. Er hätte jedwede Arbeit angenommen, um sich nur das fehlende Geld zu verschaffen. Mit gleichgültigen Gesichtern gingen die Leute an ihm vorüber. Keiner wandte sich an ihn. Im einer Nebengasse blieb er plötzlich vor dem Laden eines Händlers mit . alten Waren stehen. In der Gewölbetür saß der Eigentümer auf einem umgedrehten Koffer, der noch älter sein mochte als jener, der auf ihm saß. Liweitzer hatte schon lange kein solch »rechtes Judengesicht gesehen. Als ober ein Ueberbleibsel aus alten Zeiten wäre, damit die heutige Generation, die so leichten Herzens die Erinnerungen von sich wirst, sehen I möge, wie der Jude des Ghetto ausgesehen hat. Denn dieser war ein solcher. Sein Gesicht war gelb und faltig wie ein altes Pergament. Sein Bart lief nach den Schultern hin in zwei Spitzen aus. Auf den knochigen Knien lag ein großes Buch, aus welchem er las; inzwischen spielten die Finger der einen Hand mit den einzelnen Barthaaren, wie wenn man am Spinnrocken Fäden dreht, der Daumenfinger der anderen Hand aber stieß Löcher in die Luft, bald von unten nach oben und bald umgekehrt. Auf dem Fahrwege rollten Kutschen und Lastwagen, auf dem Bürgersteig eilte und drängte die Menge, vor ihm lärmte und toste das Leben mit seiner großen Schonungslosigkeit, doch alles das störte ihn nicht. Kein einziges Mal hob er den Kopf, den ein goldbefranstes Samtkäppchen bedeckte. Liweitzer stellte sich neben ihn.hin, um zu. sehen, was er lese. Es war ein Buch mit hebräischen Lettern. Als wenn er unerwartet seine teure Mutter erblickt hätte, so warm wurde es ihm um das Herz. - Und als er es so betrachtete, da kam ihm ein Gedanke. Es mochte ein schmerzlicher Gedanke sein, denn er schnitt ihm ins Herz. Doch er überlegte nicht lange. Die Lippen zusammengebissen, eilte er auf sein Quartier. Dort nahm er aus dem Kofferchen seinen Tallis hervor, den eine handbreite Silberpassementerie von wunderbarer Arbeit schmückte. Er drückte ihn an seine Lippen, küßte ihn, gab ihn in den Samtbeutel zurück und ging damit zum Händler. Dieser saß noch immer auf dem Koffer, und auch das Buch lag noch ebenso auf seinen Knien als zuvor. Liweitzer grüßte. Der alte Mann schob das Augenglas auf die Stirn und betrachtete unter eifrigem Blinzeln den Ruhestörer. Aus den Gruß antwortete er nicht, er fragte bloß: „Ha?" „Ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie störe," entschuldigte sich Liweitzer. „Dann stören Sie mich nicht, junger Mann, und die Verzeihung ist fertig." „Dann komme ich vielleicht ein anderes Mal." „Dann stören Sie mich zweimal. Was' wollen Sie?" „Ich habe etwas gebracht." „Zeigen Sie es her." Liweitzer breitete das Gebettuch aus. * „Hm," murmelte der Alte, „der Tallis . . . Zuerst der Tallis, dann die Tfilim, dann ein Stück Judentum, dann ein Stück Gott . . . Und das alles soll der alte Seeligmann kaufen . . . Nun, wieviel soll ich dafür geben?" „Ich will ihn nicht verkaufen, nur als Pfand versetzen." „So? Und beten, junger Mann? Beten muß man nicht, was? Also wissen Sie was, mein Freund, ich gebe nichts." >,Jch brauche es nicht für lange," ...stammelte Liweitzer. „Nur für zwei Wochen." . „Und wenn Sie dann kein Geld haben werden?" „Ich werde welches haben. Weil ich dann schon meine Bücher verkaufen kann." „Nun, warum haben Sie nicht Ihre Bücher gebracht?" „Die brauche ich noch, zum Examen." , „Und den Tallis brauchen Sie nicht? Wie beten Sie denn?" „Bis dahin werde ich ohne Tallis beten." „Mein Freund, ich gebe nichts. Wer den Tallis als Pfand versetzt, der löst ihn nicht aus." „Aber ich werde ihn auslösen. In zwei Wochen werde ich ihn auslösen, denn dann muß ich ihn haben." „Warum dann?" „Ich werde Jahrzeit haben," sagte Liweitzer einfach. Der Händler schaute mit den winzigen Augen Liweitzer aufmerksam an. „Also wieviel brauchen Sie?" fragte er nach langen Worten. „Zwanzig Mark." „Der Tallis ist das nicht wert, doch meinetwegen." Er stand auf und zählte ihm aus dem Geldfach zwanzig Mark heraus. Liweitzer entfernte sich glückselig. Der Händler blickte ihm nach. „Dieser bringt es zurück," murmelte er und setzte sich ruhig auf seinen Koffer zurück.* * Liweitzer versteckte sich mit seinen zwanzig Mark wie der Verliebte mit seinem Liebesglück und rührte sich tagelang nicht aus seinem Zimmer. Es waren das Tage won wundersamer Ergriffenheit und hochgehenden Empfindungen. In ‘ seiner Seele war blendend heitere Helle und sein Herz erfüllte süße Wärme bei dem Gedanken, daß jener herrliche, einzig schöne Tag nicht mehr fern sei, dessen Stunden durch das reinste, menschliche Glück ihre Weihe erhalten werden: durch das Zeugnis der Reife. Er malte sich diesen Tag in seiner Phantasie sehr lebhaft aus. Ernstblickende Professoren sitzen am Podium, und er steht vor ihnen und seine Seele zittert vor innerlicher Bewegung. Dann stellen sie Fragen an ihn und er beantwortet dieselben. Und dann überreichen sie ihm eine Schrift, durch welche er, der Hausbocher des Nagysöröder Rabbis, zu einem Ringe jener Menschenkette wird, welche die Zivilisation zusammenhält. Hundertmal dachte er an diesen heiligen Augenblick und, obwohl er wußte, daß er eintreffen müsse, sah er ihm dennoch wie einem kommenden Wunder entgegen, welches schwärmerische Traumseher prophezeit haben. Denn, wie immer er auch die Sache betrachten möge, ist es denn doch ein großes Wunder, daß auch er wie andere Glücklichere in die Kultur hineinreift. Daß ihm ein Unfall begegnen könnte, davor hatte er keine Angst. In der Jeschiwä hatte sich seine Seele mit so viel Wissen vollgesogen, daß das, was er als. weltliche Wissenschaft in sich aufnehmen mußte, nur hinsichtlich der Form anders war, ihm aber dem Wesen nach nicht fremd erschien. Er hatte keine Ursache, sich vor dem Durchfallen zu fürchten.

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