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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-06 · Heft 40 (6.10.1911) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
Seite 477 (sequence 9)
Language
German
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aufzusuchen, wo er eine Porzellanmalerei einrichtete, an welcher viele Maler' unter seiner Leitung beschäftigt waren. Jetzt gründete er sich auch einen eigenen Hausstand. Er führte 1852 Adel Haid Blochein schönes junges Mädchen aus Floß, heim und siedelte bald darauf nach Nürnberg über. Ihre überaus glückliche, von drei Kindern gesegnete Ehe wurde leider durch den allzufrühenTod des Künstlers geendigt, der in seinem 48. Lebensjahr einem Lungenleiden erlag, einer Folge der harten, entbehrungsreichen Jugendjahre. Außer den Porträts, die der fleißige Mann fast bis zum Ende seines Lebens schuf, verlegte er sich in seiner Dresdener Zeit auch auf historische Gemälde, deren Inhalt er meist der Geschichte Israels entnahm. Bekannt ist sein Bild: „Die Uebergabe Jerusalems an Alexander den Großen durch den Hohenpriester Jadua", welches ein zeitgenössischer Schriftsteller „Die Kniebeugung des Polytheismus vor dem Monotheismus" nannte. Von seinen vielen Porträts, die durch große Aehnlichkeit ausgezeichnet waren, gingen, gar manche nach Amerika. Zwei sehr gelungene Kniestücke wurden von Ottensooser bei seinem späteren zeitweiligen Aufenthalt in München gemalt. Das eine dieser Bilder stellt den damaligen Münchner Rabbiner Aub s. A. im Ornat dar, das andere ein Fräulein Netterspätere Frau Rabbiner Lilienthal in Riga, dann Petersburg, zuletzt New Hork. Nach dem Gedächtnis uralte, er sprechend ähnlich seine eigene Mutter in der Sabbattracht der Frauen jener Zeit, ein Bild, von welchem die Kenner besonders die feine Abstimmung der Farbenkontraste hervorheben. Auch ein Selbstporträt des. Künstlers, welches ihn mit seiner Frau darstellt und die Form einer Photographie hat, ist überaus interessant und wird sehr bewundert. Sein „Jugendbildnis Theodor Fontanes" ist erst kürzlich durch die Veröffentlichung des Dresdener Schriftstellers Wilhelm Wolters: „Theodor Fontanes Briefwechsel mit Wilhelm Wolfsohn" allgemein bekannt und gerühmt worden. Ottensooser war ein Mann von hoherautodidaktisch erworbener Bildung. Seinen Umgang bildeten meist Gelehrte. Auch liebte und pflegte er Musik, besonders Gesang. Seine Briefe und Tagebücher zeugen von Geist und Humor. Dieser Mann aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts,, von hohen Idealen beseelt, mag als Beispiel dafür geltest, wie ungerecht der Vorwurf ist, daß die Juden. keinen Kunstsinn hätten und die Liebe ’ zur Kunst ihnen mangele. Unter erschwerendsten Verhältnissen hat er sein Ziel verfolgt und erreicht. Löwrnbergs Gedichte." Besprochen von Ludwig Geiger. aß eine Gedichtsammlung in dritter Auflage erscheint, ist nicht gewöhnlich. Noch ungewöhnlicher ist es aber, daß dies mit einer jüdischen Sammlung geschieht. Daß dies bei unserem Buch der Fall ist, ist wohl verdient; es wäre freudig zu begrüßen, wenn dieses Buch noch viel mehr verbreitet und Gemeingut aller jüdischen Familien würde. Die Gedichte find tief empfunden. und von wahrem poetischen Ausdruck. Keine aufdringliche Apologetik, keine übermäßige Lust am feindseligen Geplänkel gegen Andersgläubige, wenn auch häufig genug die schlimmen Verfolgungen, die seitens christlicher Völker gegen die Juden verhängt werden, getadelt und gestraft, wenn die Härte und die Ungerechtigkeit lebhaft y Aus jüdischer Seele, Gedichte von I. Löwenberg. S3etlag .bon M. Glogau jr., Hamburg. beklagt wird. Manchmal tritt auch die Satire gegen die Frömmler und eine energische Abwehr gegen die falschen Freunde Israels hervor, z. B. in dem Gedicht „Ein Freund Israels". Romantisches Gewinsel nach der fremden Heimat ertönt nicht, trotz aller Ehrfurcht vor den heiligen Stätten. Nirgends zeigt sich Feindseligkeit gegen Deutschland, sondern das starke Bewußtsein des Dichters deutsch zu sein, deutsch zu fühlen, trotz aller. Kränkungen, tritt oft wohltuend hervor. Daneben echte tiefe Frömmigkeit, männliches, pietätvolles Festhalten' am väterlichen Glauben und warmherzige Liebe zum deutschen Vaterland und zur deutschen Sprache. Besonders schön ist' das Gedicht an Heine (als Prolog zur Feier des 100. Geburtstags), ungemein rührend sind die Gedichte an die MiMer (eine wahre Perle find die Verse „Ein Geburtstags^ Da' seitens der Verlagshandlung nur geskaMrwtrbT^eine einzige Probe zu geben, so sei hier ein tief empfundenes und dichterisch vollendet ausgedrücktes Gedicht, „Des Vaters Gebetbuch", abgedruckt. Meine Leser werden mir dankbar sein, daß ich sie mit dieser herrlichen Probe bekannt mache und werden hoffentlich begierig nach dem Buche greifen. Das Gedicht lautet: Des Vaters Gebetbuch. Dein Todestag! In meinen Händen Halt' ich ein Büchlein, alt und schlicht. Wie fremd und seltsam sind die Zeichen, Und hör' so klar doch, was es spricht. Dein Büchlein war's, Erinnerungen Umfluten mich wie Wogenbrand, Und jede. Welle trägt ein welkes. Doch duft'ges Blatt mir an den Strand. Ich seh, wie du im Morgengrauen Fortwandertest tagaus, tagein. Wie müde du nach Hause kehrlest. Spät abends bei der Sterne Schein. Da warteten wir bange Stunden Und wollten nicht zur Ruhe gehn. Bis wir, ob auch der Schlaf uns lockte, Dein liebes Antlitz'erst gesehn. Wie du um kargen Lohn des Tages . . Dich bitterlich gemüht, gequält, Wir hätten's nie geahnt, wir Kinder, : Wenn's nicht die Mutter uns erzählt. Ob du im heißen' Sonnenbrände, Im Wintersturme zogst hinaus, Die Freude lag auf deinem Antlitz, , . . . Sobald du wieder kamst nach Haus. Dies Büchlein hat dich treu begleitet, Draus sagtest du dein fromm Gebet, Hast oft aus ihm auf stillen Wegen Um deiner Kinder Glück a.efleht. Und wenn des Unglücks Nacht dir dräute, Um drängten Sorgen dich zuhauf. Ein Blick hinein — du hofftest wieder. Und deine Sterne gingen auf. So war's dir leicht, trotz Sturm und Wetter, Des Lebens graben Weg zu gehn; Ich irr.' umher in Nacht und Nebel' Und kann den Leitstern nicht erspähn. \ Komm, Büchlein, last ans Herz dich pressen! Wird mir dein Wort auch nicht Gebet, Ich! fühl' es, daß aus deinen Blättern Ein Segenshauch des Vaters weht.

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