Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
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ausgeschlossen, der er angehört hatte, und erhält als, unmittelbare Folge den Ausweisungsbefehl. Auf diese Weise sind im Laufe des Jahres 1910 zahlreiche Ausweisungen zustande gekommen. Nach dem geltenden Gesetz haben die Kaufleute erster Gilde das Recht, auf dem ganzen Gebiet des russischen Reiches zu wohnen; trotzdem wird den dazu berechtigten Kaufleuten der Aufenthalt in Moskau nur vorübergehend und nur für ihre Person, ohne ihre Familie, gestattet. Aehnliche Einschränkungen werden den privilegierten Kaufleuten in Kiew auferlegt. Tausende von Leuten leben in der beständigen Angst vor sofortiger Ausweisung. Die Willkür der Verwaltung geht noch weiter. Man weiß, daß die jüdischen Frauen, die als Hebammen, Zahnärztinnen usw. tätig sind, auch außerhalb des Ansiedlungsgebiets das Aufenthaltsrecht genießen. Dieses Recht wird ihnen nicht bestritten, aber man behauptet, daß es sich nicht auf ihre Kinder erstreckt — und so werden die Kleinen ausgewiesen, auch wenn sie noch in der Wiege liegen. Auch eine andere Klasse von Israeliten hat bisher freies Aufenthaltsrecht besessen, das sind die ehemaligen Kämpfer aus dem Kriege in der Mandschurei. Es ist bekannt, daß ein vom 11. August 1904 datierter Erlaß des Kaisers allen Israeliten, die jenen Feldzug mit« gemacht haben, das Wohnrecht im ganzen russischen Reiche zugesteht. Aber in einem Bezirk verlangt der Gouverneur, daß der betreffende jüdische Soldat nicht nur am Feldzug teilgenommen habe, sondern daß er die Beweise dafür liefere, er habe tatsächlich mitgekämpft. Anderwärts wird von den betreffenden Soldaten ein Zeugnis ihrer militärischen Vorgesetzten über ihr Verhalten im Kriege gefordert, aber die meisten der in Frage kommenden Regimenter sind nach beendetem Krieg aufgelöst worden, es sind also keine Vorgesetzten mehr vorhanden. Selbst im Ansiedlungsgebiet werden die erdenklichsten Beschwernisse gegen die Juden ersonnen. Die russische Verwaltung legt es ganz besonders darauf an, die. jüdische Bevölkerung dadurch zu entmutigen und zu verletzen, daß sie der Jugend die Wohltaten des Unterrichts erschwert und entzieht. Von den an den höheren Schulen St. Petersburgs zu Beginn des letzten Schuljahres freien 5000 Plätzen sind nur 125 mit jüdischen Schülern bzw. Studenten besetzt worden. Die einzige Schule, die ihnen bisher unbegrenzt offen gestanden hatte, war die Anstalt für die schönen Künste in St. Petersburg. Jetzt ist eine neue Verordnung ergangen, nach der nur noch 3% jüdischer Studenten in der- Abteilung für Architektur und 2% in der Abteilung für Malerei ausgenommen werden dürfen. Der reaktionäre Geist übt auch einen ständigen Einfluß auf die Duma aus. Die Mehrheit dieser Versammlung ist aus judeuseindlichen oder gegen das Elend dieser Millionen Parias gleichgültigen Elementen zusammengesetzt. Bei, verschiedenen während der letzten Sessionen eingebrachten Gesetzesvorlagen war die Aufmerksamkeit der russischen Kammer auf die gesetzlichen Bedrückungen gelenkt worden, unter denen die Juden zu leiden haben. Wenn die Duma in ihren Abstimmungen auch nicht so weit gegangen ist, wie der „Verband der echten Russen" und ein Teil des Landadels gewünscht hätten, so hat sie doch bei verschiedenen Gelegenheiten die Rechtlosigkeit der jüdischen Bevölkerung in Rußland zum Gesetz gemacht. Nicht minder traurig lautet der Bericht über die Lage der Juden in Rumänien: Der unaufhörlichen Angriffe auf ihre Menschenwürde überdrüssig, unter der Last der zahllosen Einschränkungen gebeugt^ die ihre Existenz bedrohten und zu immer größerer Verarmung führten, hegten die rumänischen Juden die Hoffnung, ein Appell an den Landesherrn und an das Parlament, in dem die ganze Ungerechtigkeit ihrer Behandlung bewiesen wurde, könnte einen Nachhall in den Herzen der Regierenden und bei dem öffentlichen Rechtsbewußtsein finden. In unserem vorigen Bericht war der Wortlaut des Memorandums zu lesen, das in maßvoller Form die Lage der Juden darstellte, die ihnen entgegen den von Rumänien im Berliner Vertrag eingegangenen Bedingungen und unter Verletzung ihrer historischen Rechte — tatsächlich in Rumänien geschaffen worden war. Diese gerechten Vorstellungen find überhaupt nicht in Betracht gezogen worden. Die Mehrzahl der Preßorgane hat wieder einmal festgestellt, daß die Vorwürfe der Juden durchaus nicht berechtigt seien, und daß die Judenfrage durch den Beschluß des neuen Artikels 7 der Verfassung, der die einzelne Naturalisation der Juden gestattet, ein für allemal gelöst sei. Die große Masse ist den Juden gegenüber entweder gleichgültig oder aus Prinzip feindlich gesinnt, und die Staatsmänner, selbst die anscheinend wohlwollenden, halten es für die Grundregel jeder guten Politik, möglichst nirgends bei der öffentlichen Meinung anzustoßen, besonders wenn es sich nur um die Juden handelt. In den letzten zehn Jahren hat sich infolge des gegen die Juden ^unternommenen wirtschaftlichen Krieges und des ihnen fortgesetzt zugefügten Unrechts eine ununterbrochene Auswanderung von rumänischen Juden vollzogen, deren Ziel hauptsächlich Amerika ist. Nach statistischen Erhebungen beträgt die Gesamtziffer der Ausgewanderten in diesen zehn Jahren nicht weniger als 40 000. * Die offizielle Zählung vom Jahre 1899 gibt die Zahl der jüdischen Bevölkerung auf 266 652 Seelen an bei einer Gesamtbevölkerung von 6 Millionen Seelen. Wenn man den Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle und anderseits die ununterbrochene Auswanderung berechnet, so werden heute höchstens 240 OOO Seelen die jüdische Bevölkerung Rumäniens bilden. Dank der Begründung von jüdischen Schulanstalten kann jetzt eine große Anzahl jüdischer Kinder die Wohltat regelmäßigen Unterrichts genießen, aber die Zahl der S chulen ist bei weitem nicht ausreichend. Nach einer neueren Statisti k werden die jüdischen Schulen zwar von 15 613 Knaben und IO 524 Mädchen besucht; aber noch bleiben 10 418 Knaben und 15 O79 Mädchen ohne jeden Unterricht ober genießen nur die dürftige religiöse Unterweisung im Cheder. Die Besserung in der Lage der marokkanischen Juden, die sich schon im Jahre 1909 gezeigt hat, scheint vorzuhalten und sich noch weiter zu entwickeln. Trotzdem haben im letzten Sommer einige Vorko mmnisse die jüdische Bevölkerung von Saffi, Fez und Debdu in große Aufregung versetzt. Der Bericht enthält hierüber ausführliche Mitteilungen vom Schuldirektor aus Saffi an das Zentralkomitee, die wir aus Raummangel auch nicht im Auszuge wiedergeben können. Erfreulicher klingt der Bericht des Direktors der Knabenschule in Fez, aus dem man mit Befriedigung erkennt, daß die zivilisatorische Tätigkeit der Alliance auch in den zurückgebliebenen Gegenden dieses jetzt so heiß umstrittenen Landes sich fühlbar macht. Der Direktor der Allianceschule in Fez schließt seine Briefe an das Zentralkomitee mit folgenden Worten: Die wirtschaftliche Entwicklung, die sich in Marokko durch den Zuzug europäischer Einwanderer vorbereitet, hat, wie ich schon vorher berichtet, einen wirksamen Einfluß auf unsere Jugend gehabt. Sie hat das Gefühl, daß sie jetzt auf einem weiteren und günstigeren Gebiet wird arbeiten können, und wir dürfen mit Zuversicht erwarten, daß die geistigen Fähigkeiten Ihrer Schüler bald ein geeignetes Feld finden, und daß die hiesigen Israeliten in wenigen Jahren die Früchte Ihrer Opferwilligkeit ernten werden. Als sehr ernst bezeichnet der Bericht die Lage der Juden in Persien, die als eine Folge der im Lande herrschenden Gärung und Anarchie und der Ohnmacht der Zentralregierung angesehen werden muß. Die Mitteilungen, die das Zentralkomitee im Laufe, des Jahres aus Persien erhalten hat und die im Bericht ausführlich wiedergegeben sind, beweisen leider, daß diese Lage sich noch verschlimmert hat. Von hervorragendem- Interesse sind in dem vorliegenden Bericht die Mitteilungen über die Alliance-Expedition nach dem Jemen, die der Direktor der Allianceschulen in Beyrut, Herr Jomtob Semach, dem Zentralkomitee übermittelt hat. Vielleicht kommen wir gelegentlich auf diese Mitteilungen zurück. Für heute empfehlen" wir sie nur als hochlehrreiche Beiträge zur Kulturgeschichte der Juden im Jemen, deren Lektüre niemanden gereuen wird.