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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-06 · Heft 40 (6.10.1911) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
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erklärte, daß vor vier Jahren eine Friedhofskommission die Notwendigkeit der Anlegung eines zweiten Friedhofs darlegte. Ist nun die Kommission nicht etwas sehr spät ' eingesetzt worden in Ansehung der schon lange bestehenden Notlage? Mit der Bezeichnung „Wanderrabbinat" soll ich nach der Meinung des Herrn X. U. das Ansehen des Rabbinerstandes herabgesetzt haben. Mit Nichten, wer meinen Aufsatz sorgfältig und ohne Voreingenommenheit gelesen hat, muß im Gegenteil zu der Ueberzeugung kommen, daß meine Vorschläge darauf hinausgehen, gerade dem Rabhinertum die ihm gebührende Anerkennung und Stellung dadurch zu verschaffen, daß die Rabbiner einen festen umgrenzten Wirkungskreis erhalten, in dem sie in enge Fühlung mit den Gemeindemitgliedern treten können. Nähert sich doch der Gemeindevorstand selbst meinem Standpunkt durch die Mitteilung an unseren Verein, daß er bereit sei, eine Art Parochialshstem einznrichten, wonach jeder Synagoge bestimmte Prediger und Seelsorger zugewiesen werden. Allerdings verstehe ich unter ^,Parochialsystem" etwas ganz anderes als der Gemeindevorstand, auch über die Zuweisung habe ich eine anders Auffassung, worüber bei anderer Gelegenheit noch zu sprechen sein wird. Daß der Herr Verfasser in feiner Entgegnung über meine Resormvorschläge kurzerhand sagt, „es erübrigt sich, hieraus einzugehen", trägt nicht zur Stärkung seiner Widerlegung bei. Sollte der Herr Verfasser nicht wissen, daß größere, einflußreiche Kreise, mit denen er Fühlung hat, über derartige Reformvorschläge nicht so leicht hinweggehen, diese gewissenhaft prüfen und als Unterlage einer deswegen stattfindenden eingehenden Beratung nehmen? Mit welchem Erfolg, läßt sich heute noch nicht entscheiden; daß sie aber dort einer ernsthafteren Würdigung unterzogen werden, als es seitens des X. 2)- geschieht/ erfüllt mich mit der Hoffnung der Berechtigung und Ausführbarkeit der Reformvorschläge, die auch die des Charlottenburger Vereins sind. Schließlich eine Bemerkung zu der nach Ansicht des Herrn Verfassers von mir gewollten Zersplitterung der Gemeinde. Diese Absicht liegt mir vollständig fern. Auch ich trete nach dem Londoner Beispiel, das der Herr Verfasser anführt, ein für eine Vereinigung von Shnagogenbezirken auf autonomer Grundlage/aber im Abhängigkeitsverhältnis zur bestehenden Gemeindeverwaltung, deren Machtvollkommenheiten ich nicht schmälern will, die aber den schlummernden Kräften, die in unserem Groß-Berliner Judentum vorhanden sind, Raum und Luft zur freien Entwicklung geben soll, zum Nutzen unserer Groß-Berliner Gemeinde. Ich verspreche mir von dem Eingehen der Verwaltung auf meine Reformvorschläge, die sich mit denen des eingangs erwähnten Vereins in Charlottenburg decken, eine Stärkung der Gemeinde, ein regeres Jntereffe der Gemeindemitglieder für das Judentum und deren größere Anteilnahme am Gemeindeleben. Die Gemeindeverwaltung würde den berechtigten Wünschen weiter Kreise entgegenkommen. wenn sie den angedeuteten Vorschlägen ein williges Ohr leiht. In eine weitere Erörterung dieser Angelegenheit an dieser Stelle werde ich nicht mehr eintreten. Drr Jahresbericht der „Alliance Isra&ite Universelle“. n einem elf Bogen starken Bande ist soeben der deutsche \ Jahresbericht der Alliance Israelite Universelle für das Jahr 1910 erschienen, der wie immer einen interessanten Einblick in die weitverzweigte, über drei Erdteile sich erstreckende Tätigkeit dieser ältesten jüdischen Organisation gewährt. Wir erhalten neben ausführlichen Mitteilungen^ über die Lage der Juden in Rußland, Rumänien, Marokko und Persien genaue Informationen über das herrliche Schul-- und Lehrlingswerk der Alliance, das trotz aller Vorwürfe, die in letzterer Zeit von orthodoxer und zionistischer Seite gegen dessen Leitung erhoben worden sind, als mustergültig bezeichnet zu werden verdient. Der Bericht zeigt, aufwelche Weise die Alliance ihre immer größer werdenden Aufgaben erfüllt, wie erfolgreich insbesondere ihre kulturelle Wirksamkeit ist, wie in ihren trefflichen Schulen und Erziehungsanstalten ein Geschlecht herangebildet wird, das zu den besten Hoffnungen für die Zukunft berechtigt. Das Kuratorium der Jewish Kolonisation Association steht, wie immer, an der Spitze der Wohltäter der Alliance, sowohl durch die Freigebigkeit seiner Zuwendungen wie durch den großherzigen und innigen Beistand, durch den es die Alliance in mehr als einem Falle ermöglicht hat, gewiffen Instituten, namentlich auf landwirtschaftlichem und industriellem Gebiet, neuen Aufschwung zu geben. Die Leitung der Anglo-Je wish Association in London unterhält fortgesetzt die herzlichsten Beziehungen zur Alliance, leiht dem gemeinsamen Werk ununterbrochen seinen Beistand und gewährt einer Zahl Alliancefchulen andauernd Unterstützung. Das Zentralkomitee spricht in dem Bericht diesen Organisationen sowie allen Personen und Komitees, die der Propaganda des Alliancewerkes ihre hingebende Beihilfe geleistet haben, seinen herzlichsten Dank aus, gedenkt mit innigem Bedauern des im Berichtsjahre erfolgten Ablebens seiner deut- . scheu Mitglieder Justizrat Behrendt in Danzig und Sally Flörsheim in Dortmund, und widmet einen ebenso tief empfundenen Nachruf dem Andenken des Barons David Günzburg in Petersburg, der seine beste Lebensarbeit den Juden in Rußland gewidmet hatte. Wie alle Jahresberichte der Alliance ist auch der uns vorliegende eine Art Geschichte der Juden des verflossenen Jahres. Zunächst ist es die Lage der Juden in Rußland, die unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt: . Das Jahr 1910 hat für die Juden in Rußland keine blutigen lleberfälle und keine jener organisierten Mordtaten gebracht, wie sie der Proklamation des kaiserlichen Manifestes vom 30. Oktober 1905 gefolgt waren. Trotzdem aber bleibt das Leben für diese Millionen, unserer Glaubensgenossen weiter sehr traurig und beschwerlich. Alle geschäftlichen und beruflichen Gebiete werden durch irnmer neue lästige Verordnungen eingeengt; immer neue gesetzliche Schwierigkeiten wurden den Juden in den Weg gestellt, und jede Beschwerde, jeder Appell an die Gerechtigkeit und Menschlichkeit der Behörden ist bis jetzt ungehört verhallt. Mit größerer Strenge als je sind im Jahre 1910 zahlreiche Ausweisungen von Juden erfolgt, die das Wohnrecht in den von ihnen .bewohnten Ortschaften erworben hatten. Bon den vielen vexatorischen Vorkommnissen seien nur folgende erwähnt: In Petersburg werden die jüdischen Handwerker einer strengen Aufsicht unterstellt. Wenn zufällig einer von ihnen zu der Zeit nicht zu Hause ist, wo die Polizei sich nach ihm erkundigt — und dazu wird absichtlich der Samstag ausgesucht — wird über ihn berichtet daß er sein Handwerk nicht mehr ausübt, er wird aus der Innung

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