Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 473 (sequence 5)
- Language
- German
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hat, und daß man daraus die. Hoffnung schöpfendarf, daß er auch weiterhin die Rußland' selbst schädigende und schändende mittelalterliche Judenpolitik ausgeben wird. Wenn etwas oder viel Wahres daran ist, daß die Juden in unverhältnismäßig großer Zahl , in Rußland an den revolutionären.Verbrechen teilnehmen, wer, der eine Spur * von Gerechtigkeit besitzt, könnte sich darüber wundern? Werden ja die Juden in Rußland auf Grund der Staatsgesetze materiell, geistig und sittlich geschädigt wie kein anderer Volksstamm im ganzen russischen Reich, und wie in keinem anderen europäischen Lande. Selbst der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird, und es gibt unter den Gebildeten in der ganzen Welt nur wenige, die nicht revolutionäres Aufbegehren der russischen Juden begreifen. L Kl. d Dir Milcht Gemeinde?u Berlin. Eine Erwiderung von Max Bergmann-Charlottenburg. der Entgegnung auf die Artikel in Nr. 33 und 34 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" beginnt ein Anonymus mit einer Polemik gegen den „Verein zur Vertretung der Interessen der jüdischen Gemeindemitglieder in Charlottenburg" und gegen meine Person. Der Herr X. 9). scheint über die Verhältnisse des Vereins doch nicht gut orientiert zu sein, vielleicht interessiert ihn die Mitteilung, daß zu den Mitgliedern desselben mehrere Repräsentanten der Berliner Gemeinde gehören, die auf Grund eines Aufrufes, in dem die Ziele des Vereins klar und deutlich dargelegt wurden, als Mitglieder beigetreten sind. Der Vorwurf der Unkenntnis Berliner jüdischer Gemeindeangelegenheiten mir gegenüber dürfte vom Verfasser nur schwer aufrecht erholten werden können, wenn ich ihm mitteile, daß ich eine Reihe von Jahren Vorsitzender des Vorstandes einer wenn auch kleineren Gemeinde war, daß ich mich jahrzehntelang den Interessen des Judentums, speziell hinsichtlich der Gemeindeverwaltung gewidmet, und daß, ehe ich daran ging, die Berliner jüdischen Gemeindeverhältnisse zu kritisieren, ich mich recht eingehend mit ihnen beschäftigt habe. Damit will ich das persönliche Gebiet verlassen, auf das einzugehen ich durch die Art der Diskussion des Herrn Verfassers erst gezwungen wurde. Der Herr X. 5)- hat mich in keiner Weise davon überzeugt, daß das religiöse Interesse für das jüdische Gemeindeleben in Groß-Berlin stärker denn je ist; ich kann ihm auch darin nicht beipflichten, daß die Jugend heute mehr als früher Interesse für religiöse Fragen bekundet, allerdings mit Ausnahmen, die aber die Regel bestätigen. Beweise für meine Behauptung würde der Herr Verfaffer sehr bald erhalten, wenn er nur ein wenig Umschau besonders in den Kreisen der oberen Zehntausend hielte. Viele Juden in und außerhalb Groß-Berlins sind gleich mir der festen Meinung, daß die Zentralisation einer 140000 Seelen starken Gemeinde, die sechs große Städte und zum Teil recht bedeutende Landgemeinden umfaßt, dazu führen muß, das Interesse am Judentum und an der jüdischen Gemeinde zu verringern. Aus dem Inhalt meiner Artikel läßt sich fernerhin kein irgendwie gearteter Vorwurf gegen die Herren des jetzigen Gemeindevorstandes herauskonstruieren — die Ehrlichkeit meiner Gesinnung ist hierbei nicht in Zweifel zu ziehen —; ich bin der festen Meinung, daß die Herren das schwere Amt nach bestem Wissen und Können ausüben, und ich betone nochmals ausdrücklich, daß sich meine Kritik einzig und allein gegen das System der Zentralisation richtet. Es scheint mir unyröglich, von einer Stelle aus eine so große und räumlich ausgedehnte Gemeinde zu verwalten, ohne daß das Interesse am Gemeindeleben sowie überhaupt am Judentum, besonders in 6en Kreisen, die schon jetzt nur noch in losem Zusammenhang mit demselten stehen, erkaltet. Daß ich mit dieser meiner Ansicht nicht allein stehe, beweisen mir die zahlreichen Zustimmungserklärungen, die ich aus jüdischen Kreisen der verschiedenen religiösen Richtungen anläßlich der erschienenen Artikel erhielt, auch von Männern, die dem Herrn Verfasser recht nahe stehen dürften. Ich habe in meinen Ausführungen ohne Einschränkung anerkannt, daß sowohl von der Verwaltung selbst als auch von anderen Gemeindemitgliedern im Interesse des Judentums viel geleistet wird, dennoch halte ich meine Behauptungen aufrecht, daß diese Arbeit unzulänglich bleiben muß, so lange nicht das System der Arbeitsteilung durch Errichtung von Synagogenbezirken mit teilweiser Selbstverwaltung eingeführt wird. Der Herr 26. 2). sagt mir auch nichts Neues damit, daß ich aus meiner Kenntnis des Geschäftsganges einer -großen Verwaltung wissen müßte, daß in den Kommissionen sehr viel Arbeit geleistet wird; aber aus meiner politischen und ehrenamtlichen Tätigkeit weiß ich auch, daß trotz der Vorberatung in Kommissionen und Ausschüssen es unmöglich ist, in einer Sitzung im Plenum 54 Vorlagen zu erledigen, ohne daß die Gründlichkeit der Durchberatung darunter leidet. Die hieran geknüpfte ironische Bemerkung wegen der Vorlage eines. Ersatzes für einen verlorengegangenen Regenschirm übergehe ich wohl am besten mit Stillschweigen. 5 Auch darin pflichte ich dem Herrn Verfasser bei, daß die übermäßig große Zahl der Anmeldungen für die Plätze in der neuen.Synagoge Fasanenstraße zum Teil daraus zu erklären ist, daß viele Besucher anderer Synagogen nach Charlottenburg verzogen sind und nunmehr in 'der Nähe ihrer Wohnung eine Synagoge aussuchen wollen; aber auch hier komme ich zu anderen Schlüffen als der Herr X. I.; haben denn nicht die zirka 12 000 Erwachsenen in Charlottenburg sämtlich ein Anrecht darauf, Plätze in der Gemeindesyyagoge Fasanenstraße zu erhalten? und können nicht die sicher eine ebenso! große Anzahl repräsentierenden Gemeindemitgliederö die in Schöneberg, Wilmersdorf und anderen westlichen Vororten wohnen, den gleichen Anspruch aus Berücksichtignng von Plätzen in der Fasanenstraße erheben? Vielleicht denkt der Herr Verfasser über diese Ziffern nach und nähert sich schließlich doch meiner Ansicht, daß auch in diesem Punkte das bisherige System versagt. Die Aushilfe für den Mangel von Synagogen in den westlichen Vororten in Form von Betsälen — dem Verfasser zuliebe sage ich nicht mehr Konzertsäle — bietet hierfür einen ungenügenden Notbehelf. Der Herr Verfasser ist erstaunt über die Bezeichnung „Konzertsäle"; allerdings, ich hätte für " einzelne Säle eine andere Bezeichnung wählen können, ich glaubte aber richtig zu handeln, wenn ich' mir hierin einige Beschränkung auferlegte. Auf 20 O00 Seelen kommt heute eine Gemeindesynagoge, das kann der Herr Verfaffer . sicher nicht als einen idealen Zustand bezeichnen. Die. Friedhofsnot — der Herr Anonymus sagt „sogenannte" — scheint von ihm nicht anerkannt zu werden. Hiergegen möchte ich einwenden, daß selbst der Gemeindevorstand in einer Unterhaltung, die in meiner Gegenwart vor längerer Zeit stattfand, worüber ein Protokoll existiert.