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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-06 · Heft 40 (6.10.1911) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
Seite 472 (sequence 4)
Language
German
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Wechsel eskomptieren werden und die Begrenzung bezüglich der Juden wird zur Folge haben, daß ein Teil des russischen Kapitals ins- Ausland emigrieren wird.' Werfen wir einen Blick in die Geschichte der Vergangenheit, so werden wir zur Ueberzeugung gelangen, daß Spanien und andere Länder durchaus keine Vorteile daran hatten, daß sie das tüchtigste Handelselement aus dem Lande trieben. ‘ In unserer Zeit sind solche Experimente unmöglich. Jedes Land ist' auf dem Gebiet des Handels und des Kapitals durch tausend Fäden mit anderen Ländern verbunden, die es nicht zugeben, daß Gesetze geschaffen werden, die gegen^die Interessen des internationalen Marktes gerichtet sind. Sich von der ganzen Welt durch eine chinesische Mauer abzusondern, ist bei den heutigen Verhältnissen unmöglich." Me Huden und das Otewer Mmtst. V^Tatt hat sich natürlich überall mehr oder weniger ehrlich V-I r über das Attentat auf den russischen Premierminister Stolypin entrüstet. Gewundert aber darüber, daß ein solches Attentat verübt worden ist, daß wieder einmal ein erster russischer Staatswürdenträger das Opfer eines Meuchelmörders geworden ist, hat sich in der ganzen weiten Welt wohl niemand. Nicht etwa deshalb, weil man es von Rußland gewöhnt ist, in meist ziemlich kurzen Intervallen von Attentaten auf hohe, höchste und allerhöchste Herrschaften zu hören, sondern weil es ebenso natürlich ist, daß die russischen Zustände derartige Verbrechen entstehen lassen, wie es natürlich ist, daß Schmutz und Laster Krankheit,. Elend und Verbrechen erzeugen. Das Kiewer Attentat wirft nur ein Streiflicht auf den Kulturzustand Rußlands. Ein noch grelleres Streiflicht auf die russischen Zustände als das Attentat selbst wirft der Attentäter. Er ist gleichzeitig Revolutionär und Diener der Geheimpolizei. Als Polizeibeamter wird er zum Schutz des Ministerpräsidenten ins Theater geschickt, wo, außer der kaiserlichen Familie selbst, die höchsten Staatsbeamten und Würdenträger versammelt sind, und als Mitglied der revolutionären Partei - und als Terrorist knallt er den ahnungslosen höchsten Beamten des Reichs nieder. Er will lieber bei der Revolution rehabilitiert sein, selbst auf die Gefahr hin, entweder gelyncht oder von Rechts wegen gehenkt zu werden; denn daß er auf ein Entkommen kaum hat rechnen können, ist doch klar. Und Bagrow ist nicht der erste und einzige, der, vor die Alternative gestellt, zwischen dem mächtigen russischen Reich oder der Revolution zu wählen, sich entweder für die gesetzlichen oder die unterirdischen, Krieg gegen diese führenden ungesetzlichen Gewalten zu entscheiden, Gehalt, Gewissen und Leben preisgibt und den Befehl des revolutionären Machthabers in voller Oeffentlichkeit ausführt. Bagrow hat viele Vorgänger, der letzte wohl und bekannteste ist Asew. Wie das Attentat, ja mehr als dieses, wirft der Attentäter ein ungemein grelles Streiflicht aus die russischen Zustände. Durch nichts aber wird das niedrige Niveau des russischen Kulturstandes so grell beleuchtet als durch das Verhallen der Juden nach dem Attentat in dem Kiewer Stadttheater. Attentate, blutige, gräßliche, sind zu allen Zeiten und in allen Ländern verübt worden. Wo aber hat man . schon gehört, daß, weil jemand einen noch so abscheulichen Mord sich hat zuschulden kommen lassen, Millionen seiner Glaubensgenössen, frühere Glaubensgenossen seiner Eltern oder Großeltern, fürchten müssen, beraubt, ^verstümmelt, ermordet zu werden? Der MörderLincolns, eines der vornehmsten und verdienstvollsten Staatsoberhäupter, die.je gelebt haben, der Mörder der Kaiserin Elisabeth, einer der harmlosesten und liebenswürdigsten Fürstinnen, der Mörder König Humberts, die Nichtswürdigen, die so tief gesunken waren, das Leben des greisen und milden deutschen Kaiser Wilhelms I. vernichten zu wollen, der Elende, der sich an einen Bismarck herangewagt, keiner von ihnen hat den Zorn, des Landes aus seine Glaubensgenossen gelenkt. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Oesterreich, Italien, Deutschland, sie sind Kulturländer, Rußland aber ist ein Barbarenland, und da die Juden nur zu gut die barbarischen Verhältnisse der russischen Heimat kennen, fürchteten sie und mußten sie Pogrome fürchten. Und daß die Furcht eine sehr ernste war, beweist ja, daß es in Tausenden von Fällen nicht bei der bloßen Furcht geblieben ist, sondern daß Tausende nicht nur aus Kiew, sondern auch aus vielen anderen Orten schleunigst die Flucht ergriffen haben. Sie opferten, was nur zu opfern war, um davonzukommen, wie man alles opfert, um aus einer verseuchten Stadt zu fliehen. Was hatten die Tausende, die geflohen sind, was die Millionen Juden, die aus Mangel an Mitteln nicht fliehen konnten, aber in entsetzlicher Angst lebten, getan, daß sie fürchten und fliehen mußten? Sie haben das Verbrechen nicht verübt, sie haben es nicht gebilligt, sie haben von dem Vorhaben nichts gewußt. Die eigenen Eltern hatten keine Ahnung von dem, was geschehen sollte, sie waren zu Tode erschrocken, als sie in Wiesbaden die furchtbare Nachricht lasen, nicht einmal sie, geschweige denn alle die Juden im weiten russischen Reiche durften von einer, noch so entrüsteten Volksmenge etwas zu fürchten haben; weil einer, dessen Eltern oder gar Großeltern Juden gewesen sind, ein noch so abscheuliches Verbrechen verübt hat. Ja, Bagrow war wenn auch nicht mehr Jude, so doch „Judenstämmling", wie das' von den Antisemiten geprägte Wort heißt. Aber der jüdische Gott, von dem man sagt, daß er ein Gott der Rache sei, rächt doch nur die Sünden der Väter bis ins dritte und vierte Geschlecht, nicht aber die Sünden der Kinder an den Eltern oder gar Seitenverwandten und an solchen, die nur seines Stammes sind. Und Rußland will doch wohl ein christliches Land sein, dessen Volk von Liebe spricht oder sprechen sollte. Wo ist da die Liebe? Nein! Die Furcht und die Flucht der Juden sind ein Beweis für einen Kulturzustand ihrer Heimat, der noch weit unter dem der halbwilden Volksstämme steht, welche die Blutrache üben, die sich immerhin doch nur auf die Familie des Mörders beschränkt. Aber es ist ja zu keinen Pogromen gekommen. Gott sei Dank nicht. Aber an Pogrome gedacht haben nicht bloß die Juden, sondern russische Zeitungen und russische Volksführer, und die Regierung hat doch nachdrücklich genug warnen müssen, daß sie mit^ aller Entschiedenheit dem auf Pogrome ausgehenden Pöbel entgegentreten werde. Der sicherste Beweis, daß sie an deren Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit selbst auch gedacht hat. Und daß die russische Regierung so fürsorglich für die Juden, das heißt für den guten Ruf Rußlands eittgetreten ift, : das ist der einzige erfreuliche'Lichtstrahl, L»er seit langer Zeit aus der russischen Finsternis aufgeleuchtet ist. Hoffen wir, daß es Kokowzow, der neue Herr, der Nachfolger des Pogrombeschützers Stolypin, gewesen ist, der die ja auch von den echtesten Russen befolgte Warnung vor Pogromenerlaffen

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