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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-10-06 · Heft 40 (6.10.1911) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
Seite 471 (sequence 3)
Language
German
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Frieden verkündet die Festeswoche, in' der . wir leben. Die „furchtbaren Tage" sind, wenn diese Zeilen erscheinen, dahingegangen; mögen sie unserer ganzen Gemeinschaft und jedem einzelnen zum Heil gereichen. Möge das Bewußtsein der großen Ziele, die wir alle verfolgen, uns zu wahrer Einheit, zum Geltenlassen jeder ehrlichen Bemühung, jedes ernsten Strebens gelangen lassen! * Mit dem Erscheinen dieser Nummer sind zwei Jahre seit dem Beginne meiner Redaktionsführung vergangen. Mehr als 100 Nummern! Kein kleines Stück Arbeit! Und der Erfolg? Es hat mir an Verkennung nicht gefehlt, gar viele böse Worte find erklungen, wenn ich es auch möglichst vermeide, Schimpsreden mit anzuhören und Schmähartikel zu lesen. Auch die Anerkennung ist nicht ausgeblieben, obgleich unsere Glaubensgenossen nicht eben so eifrig sind ihre Zufriedenheit zu bezeugen, wie ihren- Unwillen. Das eine darf ich bekennen, daß ich es an gutem Willen und an Fleiß nicht habe fehlen lassen und auch gern bereit bin, der Sache, die mir am Herzen liegt, meine Kraft ferner zu widmen. Mögen die Gutgesinnten mich in meinem Streben unterstützen. * Aus Paris wird geschrieben: Bekanntlich wurde nach der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich eine Organisation der jüdischen Gemeinden geschaffen, welche im großen Ganzen dem System Napoleons I. treu blieb, indem die Einrichtung der Bezirkskonsistorien und des Zentralkonsistoriums beibehalten wurde. Daß dieses System seine Vorzüge hat, läßt sich nicht leugnen. Voraussetzung aber ist dabei immer, daß an der Spitze der Konsistorien Männer stehen, die von demokratischem und gerechtem Geist durchdrungen sind. Leider wird aber dieser Voraussetzung in den meisten Fällen nicht entsprochen. Jedenfalls scheinen die Herren in Frankreich von Demokratie und Gerechtigkeit einen merkwürdigen Begriff zu haben, wenn das, was die „Archives Jsraelites" zu melden wissen, der Wahrheit entspricht. Danach soll nämlich das Zentralkonsistorium in einem Entwurf über Rechte und Pflichten der Rabbiner dem Artikel 21 folgenden Wortlaut gegeben haben: Die Rabbiner und Kantoren sollen sich davor hüten, in der Oeffentlichkeit schriftlich oder mündlich, insbesondere in ihren Reden und Predigten, irgendeine Kritik der Verordnungen und Handlungen der bestehenden Behörde, ebenso wie der von den autorisierten Vertretern des Kultus gefaßten Beschlüsse auszudrücken, noch sich um ein öffentliches Amt zu bewerben, noch an den politischen oder religiösen Wahlen sich zu beteiligen. Das genannte Organ bemerkt, man wolle die Rabbiner und Kantoren damit nicht knebeln und nichts gegen ihre Denkfreiheit unternehmen. Wer lacht da nicht? £ Da sonst nicht viel Berichtenswertes vorliegt, mag ein Artikel: „Die Antisemiten in Not" aus der „Bossischen Zeitung" hier Platz finden. Er lautet: Keine andere Partei hat im Laufe der gegenwärtigen Legislaturperiode so empfindliche Verluste erlitten, wie die Antisemiten im Reichstag: Die Abgeordneten Stöcker, Zimmermann. Köhler, Liebermann v. Sonnenberg sind gestorben, und die Triolen-Angelegenheit bedeutete den Politischen Tod des Abgeordneten Schack. Nur das Mandat des Abgeordneten Köhler wurde behauptet. Die Mandate von Stöcker, Zimmermann und Schack gingen verloren, und daß die Antisemiten selbst an einen Erfolg bei der Ersatzwahl für Liebermann v. Sonnenberg im Wahlkreis Fritzlar-Homburg nicht recht glauben, beweist die Aufstellung der Kandidatur des Generalsekretärs Henningsen, der als Geschäftsführer der Deutschsozialen gegenwärtig mit den Vorbereitungen für die allgemeinen Wählen viel zu stark beschäftigt ist und sein muß, als daß er an die Ausübung eines Reichstagsmandats denken könnte. . . ' Bei den letzten Reichstagswahlen wurden nebep Stöcker im ganzen zwölf Abgeordnete gewählt, die sich offen als Vertreter einer antisemitischen Partei bekennen. Diese Antisemiten waren gespalten in zwei Gruppen: die deutsche Resormpartei unter Leitung des Abgeordneten Zimmermann und die deutschsoziale Partei, die unter Leitung des Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg der Wirtschaftlichen Vereinigung beitrat. Beide antisemitische Gruppen im Reichstag haben ihren Führer verloren. Von den neuen Antisemiten, die gegenwärtig noch dem Reichstag angehören, kandidiert der Abgeordnete Gäbel nicht wieder, und die übrigen acht, die wiedergewählt werden möchten, kommen als Führer kaum in Betracht. Ganz abgesehen vom Abgeordneten Bruhn weder Bindewald, noch Gräfe, Herzog, Raab oder die beiden Abgeordneten Werner. Auch die früheren antisemitischen Reichstagsabgeordneten Ahlwardt, Böckel, Jskraut, Krösell können als Retter der Partei aus ihrer gegenwärtigen Not nicht gelten. Bleibt also nur der Reichstagsabgeordnete Amtsgerichtsrat Lattmann in Schmalkalden, der den Wahlkreis Kassel-Melsungen seit 1903 im Reichstag vertritt. Er wurde denn auch, wie bereits kurz erwähnt, in einer Sitzung des Gesamtvorstandes der Partei, die im Anschluß an die Beisetzung des Abgeordneten Liebermann v. Sonnenberg am Sonntag nachmittag im Reichstagsgebäude stattfand, auf Vorschlag des Abgeordneten Raab „vorbehaltlich der Bestätigung durch den Parteitag" einstimmig zum Vorsitzenden der deutschsozialen Partei als Nachfolger Liebermanns v. Sonuenberg gewählt. Der neue Parteiführer der Antisemiten verdankt sein Mandat ausschließlich den Nationalliberalen, die 1907 in der Stichwahl gegen die Sozialdemokraten fast Mann für Mann für ihn eintraten, so daß er mit 21555 gegen 18050 Stimmen gewählt wurde, nachdem im ersten Wahlgange 17 073 sozialdemokratische. 11788 antisemitische, 9477 nationalliberale, 739 Stimmen der hessischen Rechtspartei und 290 freisinnige Stimmen abgegeben waren. Wie sehr die Antisemiten und ihr neuer Parteiführer im Wahlkreis Kassel von der Gnade der Nationalliberalen abhängen, hat auch die Wahl von 1903 bewiesen, in der die Antisemiten den Nationalliberalen das Kasseler Mandat abnahmen. Sie überflügelten mit 150 Stimmen die Nationalliberalen und verdrängten diese aus der Stichwahl. Die Nationalliberalen aber sammelten dann feurige Kohlen auf das Haupt ihrer Besieger und wählten den Antisemiten Lattmann. Der neue Parteiführer der Antisemiten kann sich also nur solange behaupten, . als die Nationalliberalen ihn stützen. Diesem Abhängigkeit von Gegnern ist für einen Parteiführer recht unbehaglich. $ Man schreibt uns: Eine der letzten Aktionen des ermordeten russischen Ministerpräsidenten Stolypin war bekanntlich der Versuch, den Handel in Rußland zu nationalisieren und auf diese Weife die Juden auch vom russischen Handel zu verdrängen. Der Pariser Korrespondent der „Jaschnaja Misl“ hatte mit dem Chef des Pariser Hauses Rothschild eine Unterredung, in Verlaufe. deren sich dieser über das Projekt wie folgt äußerte: „Jede Regierung hat die Möglichkeit, innerpolitische Verordnungen zu erlassen, aber solche Verordnungen lassen sich sehr schwer verwirklichen, wenn es das Kapital betrifft, das seinem Wesen nach im allgemeinen international ist. Rußland macht in den letzten Jahren auf dem Gebiet des Handels und Her Industrie große Fortschritte, welch letztere hauptsächlich vom Kredit leben. Wie mir bekannt, spielen die Juden im russischen Handel eine große Rolle. Den Kredit der Juden begrenzen, hieße dem ganzen Handel einen Schlag versetzen, was doch der russischen Regierung nicht erwünscht sein kann. Eine solche Verordnung kann auch den internationalen Kreditmarkt - tangieren, der in Rußland eine große Zukunft erblickt. Ich glaube übrigens, daß mit solchen Mitteln nichts erreicht werden kann, weil solche Pläne in der Praxis überhaupt undurchführbar sind. Denken Sie sich, daß der -Plan bereits zur Tat geworden und das Gesetz, wonach in russischen Bänken nicht mehr als zehn Prozent „jüdische" Wechsel angenommen werden dürfen, schon in Kraft ist. Am zweiten Tag nach Gesetzwerden des Planes werden diesseits der russischen Grenze in Deutschland und Oesterreich Banken errichtet werden, welche die jüdischen

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