Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 470 (sequence 2)
- Language
- German
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470 ‘TD5 Wolkensäule der Gottesverehrung verwandelten, die sich zwar langsam, aber zusehends sicher zu ei^enr schützenden Dach zusammenwölben — zu einer FrSdenshütte für die gesamte Menschheit. x Nicht minder lehrreich verstanden unsere alten Weisen die j eigenartige Zusammensetzung des Feststraußes zu deuten, mit '{ dessen einzelnen Teilen sie die Israeliten verglichen, f „Dem Etrog," sühren sie aus, „der schmackhaft und s duftend ist, gleichen diejenigen in Israel, die über großes I Wissen verfügen und zugleich mildtätige Werke ausüben. Mit j der Palme Frucht, der Dattel, die wohl schmackhaft, aber j duftlos ist, sind zu vergleichen, die viel Wissen besitzen, aber j keine guten Werke vollbringen. Der Myrte, die duftet, aber j nicht schmackhaft ist, gleichen diejenigen, die gute Werke stiften, j aber unwissend sind. Der Bachweide endlich, die weher! schmackhaft noch duftend ist, gleichen diejenigen in Israel, die 1 weder Gelehrsamkeit besitzen noch wohltätige Werke ausüben. Wie aber verhält sich der Ewige diesen Menschenklassen gegeni über? Er vernichtet sie nicht, sondern spricht: O möchten sie alle sich doch wenigstens zu einem festen Bunde vereinen, um sich so gegenseitig zu ergänzen. (Wajikra räbba, C. 30.) Was die Alten damit sagen wollten, ist nicht schwer zu erraten: Nur wenn Israel als geschlossene Einheit sich fühlt, ist es stark genug, den feindlich tobenden Stürmen von innen und außen Trotz zu bieten, nicht aber, wenn es in Parteien zerklüftet, in Richtungen, mögen sie noch so sehr als notwendig und existenzberechtigt gelten, zerbröckelt ist. Dann erscheint selbst der prächtige Etrog minderwertig, während die stolze Palme allmählich vertrocknet, die sanfte Myrte nach und nach ihren lieblichen Dust verliert, die arme Bachweide: die große Masse der Unwissenden, Selbstsüchtigen und Indifferenten, elendiglich verkümmert — und die. so. geschwächte TH nriD Davids-Hütte gänzlich einzustürzen droht.. Davor aber will uns das Hüttensest mit seinen reichen symbolischen Merkmalen bewahren. Es erschließt uns die Heilsquellen der Vergangenheit, aus denen wir Mut und Hoffnung für die Zukunft schöpfen sollen. Es entrollt uns das Buch der Lehre, das keine Parteien und Richtungen kennt, keine Trennung und Zersplitterung der Kräfte duldet, sondern Israel als ein TlK IJI, als ein einheitliches Volk bezeichnet, dessen Kraft und Fortbestand in dem unerschütterlichen Glauben an den einen einzigen Gott beruhen. Es erinnert uns an die „Freude des Wasserschöpfens", die jung und alt, Männer, Frauen und Kinder, alle Klassen und Stände in dem Bekenntnis vereinigte: „Unsere Vorfahren, die lange vor uns an diesem Orte weilten, standen mit dem Rücken gegen den Tempel und mit dem Gesicht gegen Osten: sie beteten die Sonne an; wir aber richten unseren Blick auf den ewigen Gott"?) Möge dies auch unsere Devise sein! Dann würden auch wir, wie einst unsere Väter am Feste der Hütten, sprechen können: Heil dem Alter, das nicht vor der Zugend zu erröten braucht, und Heil der Jugend, die das Alter nicht beschämt. E Pik Woche. Berlin, 3, Oktober. ir Welt will nicht zur Ruhe kommen. Kaum hat sich die Aufregung in Rußland, wenigstens scheinbar gelegt, kaum sind die marokkanischen Wirrenz um friedlichen *) Mischnah Sukka 5, 4; siehe auch Ezechiel 16, 8. . Abschluß gelangt, so hat sich eine wilde Erregung der Börsen und der Politiker bemächtigt wegen Tripolis. In Rußland herrscht Ruhe. Der Mörder ist hingerichtet. Damit aber auch in diesem Fall das Kulturwidrige des großen Barbarenftaats in Erscheinung trete, ist dem Mörder Bagrow seine Bitte verweigert worden, vor seinem Ende einen Rabbiner zu sprechen. Oder man wollte ihm die Erlaubnis nur erteilen, wenn das Gespräch in Anwesenheit oder unter Aussicht des Staatsanwalts stattfände. Das ist ein kulturwidriger Akt. Wir haben, wie wir mehrfach hervorhoben, kein Mitleid mit dem Mörder; aber die Wohltat, die ebenso schlimmen, ja schlimmeren Verbrechern erwiesen wird, durfte ihm nicht verweigert werden. Die Wohltat, sich mit einem Geistlichen seiner Religion auszusprechen, vielleicht seine Tat zu bereuen, seinen Hinterbliebenen die letzten Grüße zu schicken. Aber es ist eben Rußland. Ja, wenn er nach einem Popen verlangt hätte! Auf die marokkanischen Wirren einzugehen, hatten und haben wir keine Veranlassung. Auch wir können uns nur freuen, daß der europäische Friede, der eine Zeitlang ernstlich bedroht schien, nicht gestört worden ist. Wir wollen nur wünschen, daß das Prestige Deutschlands durch diese diplomatische Kampagne erhöht worden ist, und daß zwischen den beiden mächtigen Kulturländern, die wahrlich größere Aufgaben haben, als sich über Marokko zu entzweien, ein dauernd friedliches gedeihliches Verhältnis sich gestalte. * Die Entsendung einer ganzen italienischen Flotte nach Tripolis sah von vornherein bedenklicher aus als die Demonstration eines deutschen Schiffes in Agadir. Die große Beunruhigung, die unmittelbar nach der Verbreitung der Nachricht herrschte, hat sich noch verschärft. Denn auf die Entsendung von Schiffen ist seitens- Italiens ein Ultimatum und bald darauf die Kriegserklärung erfolgt. Die ersten Feindseligkeiten haben stattgefunden. Die Besorgnis, daß beim Erscheinen der italienischen Flotte vor Tripolis der Fanatismus der Eingeborenen sich gegen die Europäer entladen würde, hat sich nicht erfüllt. Bei einem solchen Ausbruche wären auch die Juden bedroht. Denn in der Stadt Tripolis sollen 800 italienische Schützlinge, lauter arabische Juden wohnen; wie stark das jüdische Element unter den 300 dort weilenden Italienern und den 4000 britischen Angehörigen verbreitet ist, läßt sich einstweilen nicht festftellen. Es ist nicht unseres Amtes, allgemeinen politischen Betrachtungen an dieser Stelle Raum zu geben. Ob wirklich England die günstige Gelegenheit, da die Streitkräfte der Türkei anderweitig beschäftigt sind, benutzen wird, Aegypten zu besetzen, ob Griechenland Kreta für sich zu erlangen unternehmen wird, sei hier nur angedeutet. Näher geht uns an, ob nun wirklich aus dem Gebiet der Türkei alle. Italiener ausgewiesen werden. Eine Depesche der „Vossischen Zeitung" besagt nämlich folgendes: Saloniki, 29. September. (Wiener k. k. Telegr.-Korresp.-Bur.) Das Komitee für Einheit und Fortschritt droht jetzt öffentlich den wirtschaftlichen Kamps gegen alle italienischen Einrichtungen an. Es wird nach Eröffnung der Feindseligkeiten alle italienischen Staatsangehörigen aüsweisen; bis dahin fordert es das Volk zur Ruhe und Besonnenheit auf. Da sich unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung an viertausend italienische Schutzbefohlene befinden, so wird die Lage als überaus ernst empfunden, zumal diese Israeliten sehr großen Grundbesitz haben und in hervorragendem Maße an Handelsunternehmungen beteiligt sind. " ' V ' '