Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · p. Seite 467

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
Seite 467 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3229001--67820-3280058
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

467 zwanzig Mark beisammen und eben diese zwanzig Mark konnte er nicht herbeischaffen. In dieser Zeit litt er Folterqualen. Seit zwei Jahren erwartete er sehnsuchtsvoll diesen Tag. Inmitten seiner Entbehrungen tröstete ihn die Hoffnung, daß dieser Tag kommen werde, dieser ernste heilige Tag, an dem er wirklich zum Menschen erhoben werden soll. Dies tröstete ihn, wenn quälende Erinnerungen sein Herz packten, wenn ihm Esterchen in den Sinn kam und ihn das schreckliche Bewußtsein der Verlassenheit übermannte. Nach diesem Tage lechzte er, damit der große Fluch der Unwissenheit vön ihm genommen werde, der ihn seiner einzigen, heiligen Liebe unwürdig machte. Und jetzt sollte die Erfüllung feiner heißen Wünsche an diesen fehlenden zwanzig Mark Schiffbruch erleiden! . (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Lewi ben Gerson als Mathematiker. Ein Beitrag zur Geschichte der Mathematik bei den Juden von Dr. phil nat. Joseph Carlebach, Oberlehrer an der Margarethenschule in Berlin, Berlin 1910, Louis Lamm. Im Vorwort des 238 Seiten starken Buches, dem noch 3 Tafeln mit Abbildungen astronomischer Instrumente und mit geometrischen und trigonometrischen Figuren angefi'igt sind, spricht der Verfasser aus, daß sein ursprügliches Ziel es war, die bisher nur handschriftlich vorhandenen Werke Lewi ben Gersons zu veröffentlichen, daß aber die Fülle des Materials ihn genötigt habe, sich auf eine Bearbeitung des rein mathematischen Teils in den Werken Rabbi Lewis ben Gerson zu beschränken. Diese Einengung des Stoffes, der trotzdem dem Fachgelehrten noch eine Fülle des Interessanten und Neuen bietet, kommt der ganzen Arbeit sehr zustatten. Das dargebotene Material ist mehr als hin- -> reichend, um das Urteil des Verfassers zu begründen, daß Gersonides zu den hervorragendsten Gelehrten des ganzen Mittelalters gehört, daß die allgemeine Wissenschaft, besonders Astronomie und Mathematik, seinen Namen nicht mit Stillschweigen übergehen kann. Gerade in unserer Zeit, in der die Naturwissenschaft fast alle anderen Disziplinen zurückdrängt, ist es für uns Juden eine Genugtuung, aus Carlebachs Arbeit zu erfahren, daß die exakte Wissenschaft in dem Enkel des Talmudisten Nach manides einen würdigen Vertreter gesunden hat, daß abstraktes Denken sich mit liebevollem Versenken in die Eefühls- und Anschauungswelt der Bibel und ihrer Jünger gut vereinigt. Aber Carlebach gibt — als sein zweites Ziel — iu seinem Buche eine so ausführliche und anschauliche Schilderung des Milieus, der Persönlichkeit und des Lebensschicksals des jüdischen Denkers, daß seine wissenschaftliche Studie auch dem Laien eine willkommene Gabe sein muß, die ihn mit Hochachtung und Bewunderung erfüllt. Carlebach führt aus: Gerade die religiösen Studien — Kalenderberechnung und Religionsphilosophie — waren eine Haupttriebfeder zur Beschäftigung vieler hervorragender Juden mit dem mathematischen Wissensgebiete. In den Chorus der Religivns- Philosophie gehört auch Lewi ben Gerson,. in dessen Lebenswerk „Das Buch der Kriege Gottes" im Ausgleich zwischen der zeitgenössischen Philosophie und der biblischen Tradition hcrzustellen versucht wird. Der astronomische Teil dieses Werkes erregte nach dem Erscheinen solches Aufsehen, daß der Papst sich durch einen gelehrten Mönch einen Auszug in lateinischer Sprache Herstellen ließ. Später erlahmte das Interesse für astronomische Fragen und Lewi ben Gerson mußte erst vor 20 Jahren als Astronom und Mathematiker wieder entdeckt werden. Steinschneider und Günther (1898) wiesen nach, daß der Ruhm der Erfindung des Jakobstabes oder Gradstockes (daeulus Jakobi), des Hauptinstrumentes der Seefahrer und Astronomen für Winkelmessung, bis ins 18. Jahrhundert, nicht wie allgemein üblich, dem Regiomontanus sondern dem Lewi ben Gerson zugeschrieben werden müsse. Nach Curtze (1901, Untersuchung über die Vorgeschichte der Dunkelkammer) ist Lewi ben Gerson mit der Konstruktion der oamsra obseura dem Leonardo da Vinci und Johann Bapt. Porta in 200 Jahren zuvorgekommen Eine vollkommen ausgebildete Trigonometrie zeigt uns Lewi auf der Höhe mathematischen Könn ns. Ein großes astronomisches Beobachtungsmaterial machen ihn. den Meister der J.nstrumentaltechnik, nicht unwert, ein Vorläufer des Kopernikus zu heißen. Lewi ben Gerson, Läon de Bagnols, ist 1288 in Bagnols, Südfrankreich, geboren. Die Zeit'— jene der erbitterten Kämpfe gegen die Anhänger Mose ben Maimons — und der Ort — die Provence, wo sich die Juden unter den milden Herzögen von Anjou und später unter den Päpsten friedlicher Gelehrten- und Uebersetzertätigkeit hin? gaben — waren für die geistige Entwicklung des nur hebräisch schreibenden Gelehrten von nicht geringer Bedeutung. Vater und Großvater haben astronomische Werke geschrieben. Von ihnen erhielt er seine erste Ausbildung, die religiöse in Bibel und Talmud, die philosophische in Aristoteles und Averroes, die mathematische in Euklid. Nachhaltig wirkten auf ihn Jbu Esra und Maimonidcs, als deren Jünger er sich bekennt, ohne daß er jedoch auf ihre Worte geschworen hätte. Als Autorität erkennt er nur die Vernunft und das eigene Urteil an- Die heilige Sckrift saßt er im Lichte eines freieren Rationalismus auf. Seine Kritik wagt sich selbst an das System des Ptolemäus heran. Er führte ein stilles Gelehrtenleben, das nicht durch die Leiden der Juden in den Nachbarländern getrübt wurde. Päpste, denen er Dienste als Astronom und Astrolog leistete, waren seine Mäcene. Er entfaltete eine fruchtbare vielseitigeTätigkeit. 1321 exschien sein Lehrbuch der Arithmetik, der „Maaße Choscheb". Bis zum Jahre 1329 arbeitete er an seinem Hauptwerke, dem „Sefcr milchamoth". Dieses Werk enthält sein Glaubensbekenntnis. „Kriege gegen Gott" nannten es diejenigen, die mit seiner philosophischen Auffassung nicht übereinstimmen konnten. Darin bekundet er: „Würde die Spekulation uns zu einem Resultat führen, das aus dem einfachen Wortsinn der Thora nicht hervorzugehen scheint, so hätten wir dennoch kein Bedenken, die Wahrheit auszusprechen; denn das steht nicht mit der biblischen Sittenlehre im Widerspruch, die uns nicht gebieten kann, das Falsche zu glauben." Trotzdem ist er kein Skeptiker und Verneiner. Er glaubt an Träume und will deren Macht an sich selbst erprobt haben. Er übernimmt den gesamten astrologischen Irrwahn Jbu Esräs. Die Wunder sind ihm eine unantastbare Tatsache, weil sie in der Bibel bezeugt sind. In der Ideenwelt Lewis finden wir die merkwürdigsten Gegensätze gepaart. Er ist absoluter Rationalist, der, um das Problem der menschlichen Willensfreiheit bei Annahme des göttlichen Vorauswissens zu umgehen, lieber die Allwissenheit Gottes auf die allgemeine Ordnung der Dinge beschränkt, als daß ihm die individuelle Selbstbestimmung unerklärlich bleiben soll. Trotzdem legte er den höchsten Wert darauf, im genauesten Einklang mit der Bibel zu bleiben, die er dann allerdings wieder unbegrenzt deutet und auslegt. Kühner als Maimonides in der Theologie, steht er als Denker tief unter ihm. Die Axiome des Euklid will er beweisen, die Voraussetzungen der astrologischen Afterwissenschaft Jiub ihm unanfechtbare Grundsätze, die niemand bezweifeln könne. Lewi ist Entdecker des Sinussatzes und Schöpfer der ersten ebenen Trigonometrie in Europa. Er hat die Permutationslehre entdeckt und das erste streng wissenschaftlich begründete Lehrbuch der Algebra in hebräischer Sprache geschaffen. Wenn man erwägt, wie schwierig es ist, mathematische leimini teclinici in der hebräischen Sprache selbstschöpferisch zu erfinden und diese dann aus der hebräischen Sprache wieder richtig zu erfassen, dann verspürt man Respekt vordem jüdischen Mathematiker und dem deutschen Bearbeiter seiner^Schriften. Ein hochinteressantes Kapitel ist VII. Lewis Religion. Im Gegen satz zu Curtze. Cantor und Günther, die einen Uebertritt Lewi ben Gersons, des Enkels Rambens, zum christlichen Glauben als wahrscheinlich oder als sicher annehmen, will Carlebach Nachweisen, daß Rabbi Lewi ben Gerson als Jude gestorben sei. Ob seine Gegengründe genügend stichhaltig sind, überlasse ich dem Urteile des prüfenden Lesers. Bedenklich, sehr bedenklich stimmt^jedenfalls Lewis Widmungsbrief an den Papst. Gerson starb 56 Jahre alt im Jahre 1344. Er hatte unter den Juden viele Gegner, zu denen auch der berühmte Manasse ben Israel gehört. Die Feindschaft richtete sich jedoch nur gegen Lewis Religionsphilosophie; seine Größe auf astronomischen Gebiete blieb unumstritten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.