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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · p. Seite 466

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
Seite 466 (sequence 10)
Language
German
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Danzinger verstand den Scherz nicht und sagte, man müßte nicht gleich dem heiligen Glauben abtrünnig werden., „Nein, wahrhaftig nicht", bestätigte Liweitzer. „Doch siehst Du, es ist etwas anderes, wenn sich der Mensch mit den heiligen Wissenschaften befaßt und wieder etwas anderes, wenn er sich den Profanen Wissenschaften widmet. Im Beshamedresch fühlst Du Dich so, als ob Du von Kops bis Fuß in einem Panzer stecken würdest. Du bist gegen alles geschützt. Nichts kann Deiner menschlichen Würde Abbruch tun, selbst eine solche Handlung nicht, die an und für sich unwürdig ist. Du bettelst? Deine Seele schwebt in solchen.unermeßlichen Höhen, daß die Schande, welche im Betteln steckt, gar nicht an sie hinanzureichen vermag. Doch, wenn Du Dich von den . heiligen Wissenschaften abgewendet hast, dann kann Dich vor dem Verlottern nur eine Sache retten: das Selbstbewußtsein.' Nur einmal tue etwas, womit Du gegen die menschliche Würde verstößest und Du kannst Dich nicht mehr zügeln. Ueber das erste Schämen setzt sich der Mensch sehr bald hinweg, das zweite spürt er schon weniger und endlich wird er ganz gleichgültig. In der Welt heißt es arbeiten, trotzig und stolz. Wenn Du diesen Stolz nicht in Dir verspürst, dann bitte ich Dich, Mordche, kehre um, jetzt ist es noch nicht zu spät." „Ich will mit Euch gehen," sagte Danzinger trotzig. Mehr sprachen sie über diese Sache nicht. Was sollten sie auch darüber sprechen? Haben sie sich bis jetzt erhalten, so werden sie sich auch weiter erhalten. Berlin ist nicht mehr weit und dort wird es ihnen schon glücken. Keiner wußte,- auf welche Art, doch alle waren zuversichtlich. Sie machten nur wenig Ruhepausen. Danzinger enthielt sich von rationellen Umwegen und so konnten sie schön gleich-'' mäßig vorwärts schreiten. Die Naturschönheiten des fremden Landes fesselten sie nicht. Im Beshamedresch lernt der Mensch keine Naturschwärmerei. Ter Fels ist ein Fels und der Wasserfall ist ein Wasserfall. Er fällt aus der Höhe, muß also rauschen, da gibt cs nichts zu bewundern. Auch die Pracht und der Reichtum der Städte zog ihre Aufmerksamkeit' nicht auf sich. Die Häuser sind verschieden, doch alle aus Stein erbaut. An den Herrlichkeiten der Baukunst gingen sie ganz unberührt, ohne Verständnis vorbei, und wenn ein Dom in Sicht kam, bogen sie schleunigst in eine Nebengasse ein. Auch Berlin imponierte ihnen nicht. Nur eine Sache befremdete sie, daß nämlich hier auch die Juden deutsch sprachen und keiner von ihnen Stirnlocken trug. Verstohlen strich auch Danzinger die seinen hinter die Ohren. Sie nahmen ein wohlfeiles Quartier und richteten sich ein. Das Ganze bestand aus sehr wenig, und jetzt konnten sie schon darüber Nachdenken, was zu beginnen sei. Der Abend, nahte und da mußten sie sich nicht lange den Kopf zerbrechen. Sie gingen in den Tempel, um zu beten. Dieser Tempelfreilich sah anders aus als der Söröder Tempel, und die Andacht der Leute unterschied sich auch von jener der dortigen. Hier verrichteten sie ruhig, in sich gekehrt das Gebet und das gefiel unseren Bachurim nicht. Die Stille störte sie, so daß sie . nicht mit gewohnter Inbrunst beten konnten. Am zweiten, am dritten Tage hatten sie sich schon gewöhnt und sie hätten sich ganz wohl befunden, wenn sie nur gewußt hätten, was zu beginnen sei. Sie schlossen zwar im Temprl Bekanntschaften, bekamen auch einige Informationen, das war aber auch alles. Mit Liweitzer kamen sie kaum zusammen. Sielsahen ihn nur abends und da getrauten sie sich nicht, ihn mit'/ Fragen zu bestürmen, denn er schien ihnen müde und auch nicht sehr vergnügt zu sein. An einem Tage der zweiten Woche kam er mit heiterem , Gruß in das Quartier zurück. „Heilmann", sprach er, „für Dich habe ich etwas gefunden. Ein reicher Kaufmann sucht für seinen Sohn, der Gymnasialschüler ist, einen Talmudisten." Die Jungen machten große Augen. Also ist das möglich? In Berlin lassen die reichen, jüdischen Kaufleute ihre Kinder, im Talmud unterrichten? Bei uns zu Hause würden sich die Reichen dessen schämen. „Hier schämt man sich dessen nicht", erklärte Liweitzer. „Also, wenn Du willst, führe ich Dich morgen hin." „Nun, und ich?" fragte Danzinger mit einigem Neide. „Bald wird sich auch für Dich etwas finden." Und Liweitzer ging von früh bis spät herum, als ob er für seine Kinder zu sorgen gehabt hätte, bis er auch für den anderen eine entsprechende Beschäftigung gefunden hatte. Danzinger bekam in einem Bethause die Stelle eines Kaddischsagers. Auch eine Beschäftigung. „Und Du?" fragte Heilmann. „Ich werde auch etwas finden", erwiderte Liweitzer heiter. Die Jungen betrachteten achtungsvoll und gerührt diesen Menschen, der selbstlos sein konnte, ohne sich gar dessen zu rühmen. Endlich bekam auch Liweitzer eine bescheidene Beschäftigung. Ein Geschirrhändler, der einen Okkasions-Verkauf machte und dessen Geschäft deshalb ständig belagert wurde, nahm ihn für zwei Mark täglich dazu auf, damit er auf die Kundschaft ein wachsames Augö habe. — Das „Amt" nahm ihn nur bis zwei Uhr nachmittags in Anspruch, denn nachher kam das kaufende Publikum nicht mehr in solchen dichten Scharen. Demzufolge hatte Liweitzer den Nachmittag zur freien Verfügung und so konnte er lernen. Er lernte auch abends und zumeist bis nach Mitternacht. Doch machte er sehr langsam Fortschritte und so beschloß er, seine Ausgaben einzuschränken, denn man kann ja schließlich auch mit einer Mark täglich auskommen — um sich für die zweite Mark einen armen Studenten als Lehrer aufzunehmen. Mit wechselndem Glück erhielten sich die Jungen, und das Schicksal stellte ihre Kraft ans eine harte Probe. Danzinger war der erste, der erlag. Das Kaddischsagen war ein ärmlicher Erwerb und er wurde des nutzlosen Hungerns überdrüssig. Denn in der Jeschiwa hat das Hungern einen Sinn, doch, wenn der Mensch im Amt ist, dann hat es keinen Sinn. Eine kleine Gemeinde in der Umgegend suchte einen Schächter, und da er die Befähigung dazu hatte, bewarb er sich um diese Stelle und erhielt sie auch. „Gott hat nicht wollen, daß ich Doktor werden soll", tröstete er sich, als er von seinen Kameraden Abschied nahm. Diese kämpften weiter. Ihr Gehirn war so empfänglich wie Wachs und wozu andere Leute sechs Jahre brauchen, das bewältigten sie in zwei Jahren. Am Schlüsse des zweiten Jahres konnten sie sich schon zur Prüfung vorbereiten. Doch da waren es nur zwei: Liweitzer und Heilmann. Und auch in Heilmann begann schon die Energie zu erlahmen. Um .Kräfte zu sammeln, ging er als Hauslehrer aufs Land. Liweitzer blieb allein. Seine Willenskraft vermochte nichts zu brechen. Er lebte ebenso wie zuvor, die fremden Lebensverhältnisse hatten nur sein Aeußeres verändert, sein Inneres blieb davon ganz unberührt. Weder die Arbeit noch der Unterricht bewirkten es, daß er von der tiefen Religiosität, die ihn durchdrang, auch nur um Haaresbreite abgewichen wäre. Und doch mußte er sehr viel und sehr schwer arbeiten. Der Geschirrhändler verkaufte seine Ware, und er verlor die Stelle. Und dies just zu einer Zeit, als er sich zur Gymnasialprüfung vorbereitete. Die Prüfungsgebühr hatte er auch schon bis auf

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