Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Dies ist mein Fluch: mein bloßer Namen Entfacht des Hasses Flamme stets; Und doch vererb' ich meinem Samen Nicht Haß als Seele des Gebets'! Nicht hassen, sollst du. Kind, sollst hoffen! War ich zum Leiden noch erwählt, Dir wird's zum Lohne zugezählt Und alle Tore stehn dir offen! Dies ist der Segen meinem Volke: Unendlichkeit der Zuversicht! Hoch ob des Hasses schwarzer Wolke Entzündet sich der Hoffnung Licht! Nur wer, wie ich, gedarbt im Dunkeln, Ersehnt wie-ich der Sonne Schein, Und morgen, leuchtend, klar und rein, Wird meines Volkes Sonne funkeln!- ^r» Mim Lämpchen/ Roman von Peter Ujväri. Berechtigte Uebersetzung von Rosa TrencsSni. XXXIV ach dem Begräbnisse suchte Eschkeles Herrn Flesch auf, um zu erfahren, ob er schon von Liweitzer Nachricht erhalten' habe. Denn sein Vater habe jenem ' dreihundert Gulden vermacht, welche er ihm zukommen lassen wolle. Flesch hatte keinen Brief bekommen und Eschkeles wußte nicht, was er mit den dreihundert Gulden machen soll. „Ich werde bestimmt einen Brief von ihm bekommen" — redete sich der brave Mann ein — „und dann mache ich Ihnen sofort Mitteilung davon." Eschkeles baute nicht so fest darauf, wie Flesch und nahm sich vor, auf irgendwelche Art und Weise Liweitzer aufzuspüren. Er hatte in Berlin Geschäftsfreunde, wie, wenn ihn diese auf die Spur bringen würden. Er schrieb auch an mehrere und erhielt die Antwort, daß sie bedauerten, die erbetenen Aufschlüsse nicht geben zu können. Wer hätte auch m Berlin von einigen armen Bachurim wissen sollen, die vor etwa zwei Jahren aus dem fernen Ungarn hierher geraten sind. In den Großstädten find zwei Jahre eine lange Zeit. Da tauchen viele Menschenwogen empor und viele wieder verlieren sich spurlos. Vielleicht wurde das auch das Los der Söröder Bachurim. Es wurde nicht ihr Los. Mit naivem Gottvertrauen traten sie den Weg an. Weiß Gott, wie sie sich durchgerungen, durchgekämpft haben. Denn die Erde sieht nicht darauf, wer ihre versteckten Pfade sucht, die zum Ziele führen sollen. Die Erde fordert unbarmherzig ihren Zoll von reich und arm, und von dem Armen noch viel mehr, denn dieser muß zu Fuß marschieren, und so geziemt es sich, daß er dafür Steuer bezahlt. Sie treibt diese nur in- Naturalien ein, wozu sie an dem Körper der Bettler leichter Zutritt hat. Erst beißt sie die Absätze von den Stiefeln, dann die Sohlen; dann benagt sie mit stachligen Zähnen die Beinkleider, das ganze Gewand. So bezahlt -der arme Mensch sein Wandern in der Welt. Liweitzer und zwei seiner Gefährten erreichten dessenungeachtet Berlin, die zwei anderen blieben zurück. Der Weg bis dorthin ritzte gar oft ihre Füße wund, sie hatten aber den Trost, daß, je mehr sie sich der Weltstadt näherten, um so leichter ihre Gepäcklast wurde, die jenseits der Grenze schon ganz gering war. In richtigem Verhältnis damit schwand natürlich der Inhalt. Dies gilt aber nur von den anderen; Liweitzer betrachtete seine Schuhe nicht und fragte nicht viel nach seinem Magen. Am ersten Tage war er nicht heiterer als am zwanzigsten und verbrauchte auch nicht mehr. In der Frühe kaufte er sich ein Laib Brot für zehn Kreuzer und mit diesem kam er bis zum Abend aus. Gekochtes Essen genoß er nur am Sabbat. Die anderen hingegen begnügten sich nicht mit so wenig. Was sie an Geld besaßen, das schwand demnach bald dahin. Danzinger nahm anfangs seine Besitzlosigkeit nicht schwer. Er war ja an diesen Zustand gewöhnt, der schließlich nicht ohne Arkanum ist. An dem Gelde ist es gut, daß demjenigen, der wenig davon besitzt, auch das wenige viel ist und demjenigen, der viel davon hat, das viele nicht zuviel ist. Ein Geldstück ist für den Besitzenden kein Geld, und bis zu einem Kreuzer versteigt sich die Großmut vieler. Er sprach also zu Heilmann: „Neugierig bin ich, wie diese deutschen Juden zu dem armen Menschen sind." „Der Jude ist, Gott sei Dank, überall gleich." „Ich glaube nicht, wir sind ja auch nicht immer gleich. In der Frühe war ich satt und jetzt bin ich hungrig." „Was meinst Du wohl, wenn ich auf ein kleines Stündchen dort hineinlaufen würde?" Und er zeigte auf das Städtchen, das sich freundlich längs der Landstraße hinzog. Heilmann zuckte die Achseln, was sich Danzinger günstig deutete und er marschierte in Turmrichtung dem Städtchen zu. Nach einer guten Stunde hatte er die Gefährten eingeholt. Er war vergnügt und pfiff vor sich hin. „Bist Du verrückt geworden?" frug ihn Heilmann betroffen; „was pfeifst Du? Du hast doch vielleicht kein Schweinefleisch gegessen, daß Du pfeifst?" Danzinger fühlte sich beschämt. Wahr ist's, daß er sich sattgegessen und auch ein paar Pfennige gesammelt hat. Doch das ist noch kein Grund dazu, um zu pfeifen. „Ich weiß nicht," entschuldigte er sich stotternd, „die Luft ist hier so sonderbar. So „gojisch". Der Mensch bemerkt es gar nicht und der Schägetz^) guckt aus ihm hervor. Aber das Brot ist gut. Willst Du?" Heilmann antwortete ärgerlich und daraus entstand ein heftiger Wortwechsel. Liweitzer trabte weit voraus, doch auf das laute Reden hin kam er näher. „Was ficht Euch an?" frug er verwundert. Heilmann wollte Danzinger nicht verraten, doch diesen hatte die Wut schon so trotzig gemacht, daß er selbst erwiderte: „Weil ich dort drinnen war, darum ist er böse." Liweitzer mußte man nicht viel erklären. Aus Danzinger brach die Bochernatur hervor, so wie beim Künstler die Künstlernatur hervorbricht, wenn er sich einer anderen Laufbahn gewidmet hat. „Du hast unrecht gehandelt," sagte Liweitzer sehr ernst. „Bettelnd kannst Du dem Schicksal nichts erpressen." „Darum kann ich noch, so Gott will, Doktor werden." Liweitzer lächelte. Hier ist noch nichts verloren. Dieser Junge hat ja feinen unverdorbenen Glauben mit sich gebracht. Der ist noch sehr weit entfernt davon, daß der Schägetz aus ihm herausguckt. „Gott," sagte er mit mildem Scherze, „will haben, daß der Mensch ein Lamden sei. Die Doktoren überläßt er dem Teufel." i) Gottesleugner.