Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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464 Heer, und, ohne daß sie ihre Sehnsucht befriedigt hat, haut sie dem Holofernes den Kops ab. . Sie kommt nach dem befreiten Jerusalem zurück. Es wird bestimmt, daß sie in Zukunft allein wohne, ohne daß sich je ein Mann ihr naht. — Das alles wird in fünf Akten mit einem solchen Wortschwall, mit einer Vorführung von einer unglaublichen Menge Personen vorgetragen, in unzähligen, wortreichen Bühnenanweisungen mit langen und kurzen Reden, stammelnden Ausrufen usw., daß dem Leser der Kops wirbelt. Was ist an dem Ganzen biblisch und vor allem, was ist da Komödie? Ich bin nicht sehr geneigt, das Prädikat unsinnig oder widersinnig auf eine Arbeit anzuwenden, der ich die Ehrlichkeit abzusprechen kein Recht habe, aber begreifen kann ich z. B. folgende Schilderung Judiths nicht: — „Judith sieht. Sie dreht den Kops nicht zurück. — Im folgenden entstehen diese Steigerungen. Schimmer schöner Jugend fluten aus und nieder. Leise tasten. ihre Finger, denen die Hände mit größeren Flächen langsam nachgeben, an den eigenen Gliedern herab. Ihr Leib spannt sich — und aus aller Verfolgung, Vorwurf und Bestimmung baut er sich neu und voller auf. Ihre Finger zittern um den Saum ihres kurzen Kleides, als höben sie daran. — Die Säule ihres zur Erde stehenden Haares trägt die Stirn ihrer schönen Mädchenkraft wie die Krone heiligsten Gebietens." Wenn zwei Stadtobersten sich folgendermaßen unterhalten: Charmi: Ich bin ein unwürdiger, ich bin ein schmutziger Jude. , Chabri: Ein Hund ist nicht räudiger als ich. Unter meinem Kleide stinke ich. Charmi: Ich bin nicht mehr als die Fliege, die von Aas gezehrt hat. Chabri: Ein ungeheuerliches Kalb bin ich. Du bist wie die weiße Ziege von Haaren am Leibe, so hat der Verfasser mit diesem Gespräch vermutlich einen Begriff verbunden; ich kann nur sagen, daß ich es unerträglich widerlich finde.. Die folgende Rede des Nebukadnezars soll wohl assyrisch sein. Ich muß zu meiner Schande bemerken, daß ich nicht assyrisch genug verstehe, um diese Rede zu begreifen. „Letzte Nacht brauste dein Atem wie der geöffnete Bauch eines verwesten Elefanten, was die Art und- Nachdruck anbetrifft", und ähnlich sind die Träume von wandernden Händen und Füßen, die der König in verwandten Ausdrücken wiedergibt. Und um endlich eine Probe des Humors zu geben, denn Judith lacht darüber, sei folgender Satz, gleichfalls aus des Königs Rede mitgeteilt: „Das Mahl und das Weib halten, ist die Kunst der Kamelwäscher, wobei ihnen ja auch ein nennenswerter Unterschied nicht wetterleuchtet." Wie gesagt, ich verstehe diese Tiraden und das ganze Drama absolut nicht, aber ich kann nicht einmal sagen, daß ich neugierig bin, zu erfahren, was der Verfasser damit gewollt hat. 3. Als ich einen Freund fragte: „Wer ist Hans Kyser," antwortete mir dieser: Der -kommende Mann. Ich kann aus diesem einen Werke, das ich von ihm kenne — die anderen: ein Roman, eine Tragödie Medusa und eine Sammlung Lieder und Gedichte sind mir unbekannt — ein sicheres Urteil nicht fällen. Nur das eine bekenne ich: es ist viel Kraft darin, aber noch mehr ungezügelte Wildheit. Wenn man in dem. Personenverzeichnis liest: eine Irre, eine Verzückte und beim Lesen des Dramas, denn er fehlt im Personen- Verzeichnis, den „jüdischen Menschen", eine Art Visionär, unverständlich perorieren hört, so merkt man: dem Verstand wird auch in diesem Werke gar manches zugemntet. Und daß starke Nerven dazu gehören, um das Stück zu ertragen, mag man daraus ersehen, daß das blutschänderische Treiben der Geschwister Agrippä und Berenice mit aller Brunst und Schwüle angedeutet wird. Beide geben sich, zum erstenmal und zum letztenmal vereint, vor dem brennenden Jerusalem den Tod. Denn das Stück spielt in der Nähe Jerusalems, und zwar in den letzten Tagen vor seiner Zerstörung. Das ganze fürchterliche Treiben der Hungernden^ Sterbenden, durch Schmerz und Wahnsinn vertierten Weiber und Kinder wird geschildert, von den Tausenden ans Kreuz geschlagenen Männern wird in einer fast mehr als wünschenswerten Anschaulichkeit berichtet. Da scheint der Stadt ein Hoffnungsstrahl zu winken. Titus, die mannstolle Berenice, die sich gegen den Willen ihres bräutlich gesinnten Bruders dem römischen Feldherrn aufdrängt, nur halb abwehrend, hat sich mit toller Leidenschaftlichkeit an ein schönes jüdisches Weib geklammert, das eben ihren Mann verloren, nur dem Andenken an diesen lebt. Um ihren Knaben zu erlangen, der in Titus Augen Gnade gefunden hat, versteht sie sich dazu, des künftigen Imperators Gnade zu erbitten, während dieser nach einer freien Hingabe der Frau lechzt. Da er diese nicht erlangen kann, so entläßt er das Weib mit Lebensmitteln für die gepeinigten Bewohner Jerusalems. Ihr Nahen - wird jedoch mißverstanden, sie und ihr Knabe werden getötet, der Befehl zur Verbrennung des Tempels und zur Verwüstung der Stadt wird, man weiß nicht von wem, gegeben, und Titus, aller menschlichen Gesinnung beraubt, zieht aus, um das grausame Geschäft des allgemeinen. Mordens zu verrichten. Manche Stellen in diesem merkwürdigen Drama entbehren nicht einer gewissen Größe, so entsetzensvoll sie sind: die Schilderung vom Tode des Vitellins, die Darstellung der herzzerreißenden Zustände Jerusalems, besonders die Vorführung des Titus selbst. Er ist nicht die Wonne der Menschheit, der gütige Glücksspender, sondern der verbitterte Menschenfeind. Auch über seinen Vater spricht er in einer geradezu grauenhaft empörenden Weise. Kein Lüstling zwar, aber mit einem'Stich ins Perverse. Es ist ein Drama, das mit den so zahlreichen Titus- und Berenice- Spielen der Weltliteratur nichts anderes gemein hat, als den Namen. Es enthält nicht Banales, aber auch nichts recht psychologisch Entwickeltes, zu wenig logisch Fortschreitendes. Es ist in Sprache und Handlung gleich gewaltsam und sprunghaft. Jedenfalls beweist es eigenartiges Talent, das reifere Früchte erwarten läßt. Iudmlied. Von Hugo Salus. ^gü|fry?jjQ?7; 3cf) bin vom auserwählten Volke; Wozu, o Herr, erwählt von dir? Stets dröhn aus einer dunklen Wolke Des Hasses Blitze über mir! Ich bin gehetzt vom Fluch der andern, Und, drückt mein Bündel noch so schwer: „Rast' nicht, zieh weiter, Ahasver! Du bist erwählt zum ewigen Wandern!" Noch heut klebt mir an Hand und Haaren Dein Blut, o Jesus, heiß und rot, Noch heute, nach zweitausend Jahren, Trag' ich die Schuld an deinem Tod! Du hast mir längst verziehn dein Sterben, Denn mein Blut pulste auch in dir; Doch dies dein rotes Blut in mir, Das hassen deiner Liebe Erben!