Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- Seite 463 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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463 I bei ihnen wahrgenommen. Auch hier zeigt sich, wie ich zu meiner Freude höre, dieselbe menschenfreundliche Gesinnung in den zahlreichen Wohltätigkeitsanstalten, und ich spreche Ihnen meine wärmste Teilnahme an diesen Bestrebungen aus, deren Gedeihen mir sehr am Herzen liegt. In Berlin habe ich oft die jüdischen Wohltätigkeitsanstalten besucht und immer gefunden, daß sie geradezu musterhaft sind. Ich wünsche Ihnen, daß es auch Ihnen gelingen möge, Ihre Anstalten auf diese Höhe zu bringen und sehe, daß ja hierzu die schönste Aussicht ist. Fahren Sie so fort, meine wärmsten Wünsche begleiten Sie bei Ihrem Liebeswerke." Frau Lma^Morgenstern hatte sich seit dem Anfänge des Jahres 1868, wo Sie Königin Augusta den 1866 von ihr begründeten Volksküchen ihre Beachtung zuzuwenden begann, des höchsten Interesses für ihre Bestrebungen wie der wärmsten persönlichen Anteilnahme der Monarchin zu erfreuen. Oft erschien diese zum Besuche der Volksküchen, stets reiche Spenden für das Personal hinterlassend, jederzeit Frau Morgensterns Schöpfungen fördernd und unterstützend, sogar j über das Grab hinaus. Auch als die Kaiserin von der Gründung einer israelitischen Volksküche erfuhr, verfehlte sie j nicht, diese kennen zu lernen. Frau Morgenstern, die sich in der großen Zeit 1870/71 unvergängliche Verdienste durch die Verpflegung der durchziehenden Truppen, der Gefangenen und Verwundeten, namentlich aus den Bahnhöfen erworben hat, ist von dem Kaiserpaarein Anerkennung ihrer unermüdlichen Liebestätigkeit durch Verleihung vonOrden und Medaillen ausgezeichnet worden, und bei dessen goldenem Ehejubiläum wurde sie der Ehre teilhastig, als Vertreterin des „Berliner Hausfrauenvereins" eine Ansprache an das Jubelpaar richten zu dürfen. Frau Morgensterns Zimmer schmückten zahlreiche Bilder und Andenken an die Kaiserin Augusta. Ost ist sie, besonders wenn die Großherzogin von Baden zum Besuche bei den kaiserlichen Eltern weilte, in das Königliche Palais gebeten worden, und von 1871 bis 1888 wurde sie stets durch eine Einladung zum Ordensfeste ausgezeichnet. Die Großherzogin von Baden wurde die Erbin der Vorliebe ihrer hohen Mutter für Frau Morgensteru und hat ihr diese bis zu ihrem Ende betätigt. In hohem Alter erst ist der Kaiserin der Leidenskelch dargereicht worden, den sie allerdings bis auf die Neige hat leeren müssen. In der raschen Aufeinanderfolge der harten Prüfungen, die sie trafen, lag eine Tragik des Geschickes, wie sie selten über eine Familie verhängt war. Das biblische Wort, das sie gern den Ihrigen als Wahlspruch empfahl: „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet am Gebet", hatte die tiefgebeugte Frau in dieser Zeit schwersten Kummers stets als ein Wort des Lebens, eine Quelle des Trostes vor Augen. Wenn wir das reiche Leben und Wirken der Kaiserin Augusta überblicken, so erkennen wir in ihr ein erhabenes Vorbild der Pflichttreue im kleinsten wie im größten, der unermüdlichen Arbeit aus dem Felde der Nächstenliebe, ein Muster hochherziger Gesinnung, welche die Forderungen ihrer Zeit und ihres Geschlechtes verstand und wahre Verdienste ohne Unterschied des Bekenntnisses voll und ganz zu würdigen wußte. Unabsehbares hat dieser starke Geist, dieser kräftige Wille, den zarten Körper stets siegreich überwindend zum Besten der gesamten Menschheit geleistet, und dies wird in der Erinnerung der deutschen Nation, der deutschen Judenheit dauernder fortleben als die Marmorbilder, die ihrem Andenken errichtet worden sind. Drei Milche Dramen. 1) Besprochen von Ludwig Geiger. Dramen sehr verschiedener Art haben das Gemeinsame, daß sie alle von jüdischen Dingen handeln und darum unsere Leser interessieren werden. 1. Bei Schalom Asch weiß man, was man zu erwarten hat: Milieuschilderungen realistischer Art, scharf beobachtete Einzelheiten, der Humor mit etwas Grausen gemischt. Seine Darstellungsweise ist erfreulich, wenn man die Kraft und die Kunst anschaut, mit der der Verfasser seine Figuren zeichnet; die Unerschrockenheit, mit der er seine Ansichten vorträgt. Frau Großglück, die das Geschäft, das seit Generationen florierte, mit Geschick, zuletzt aber mit wenig Glück führte, ist gestorben; mit abergläubischer Furcht hüten die Ihren das Zimmer der Verstorbenen, die, wie sie meinen, dort allnächtlich erscheint. Vater und Kinder, die im Wohlleben und Nichtstun ihre Tage hindämmerten, sind in furchtbarem Elend zurückgeblieben. Da entschließt sich der Sohn, Leon, angestachelt durch die Tante, die das Haus der Verlassenen einigermaßen in Ordnung bringt, die resolute Rose, die reichgewordene Tochter des Schänkers Bornstein, zu heiraten. Diese übernimmt das Geschäft, bringt den alten, fast verblödeten Großglück dazu, sich mit den veränderten Umständen auszusöhnen und mit der eigentlich ganz unebenbürtigen Familie seiner Verschwägerten sich zu befreunden, und versucht Leon, der zunächst nur Vergnügen begehrt, an das Geschäft zu fesseln. Von den Töchtern hütet nur Nita das Andenken der Mutter. Die freche Zosia dagegen sucht einen Vetter Roses, den plumpen und linkischen Leib, der im Wirtshaus als Gehilfe angestellt ist, zu ihrem Bräutigam zu machen, wird aber von Frau Rose daran gehindert. Diese ist die Herrscherin, die Schwiegervater, Mann, Tante völlig beherrscht, dem alten Hause neuen Glanz, aber den des niederen Protzentums aufzudrängen sich bemüht. Das ist alles. Ein Ausschnitt aus dem Leben, keck hingezeichnet. grausam wie das Leben, ja vielleicht noch grausamer als das Leben selbst. Man kommt kaum zu einem Bedauern der angesehenen Familie, weil alle Träger des Namens versimpelt oder jedes Selbstgefühls beraubt sind. Man gelangt auch nicht zu irgendwelcher Bewunderung der aufstrebenden Familie, weil diese jedes idealen Funkens entbehrt, nur eben durch das Geld zur Herrschaft gelangen will und wirklich gelangt. Ein paar gut angeschaute Figuren, Persönlichkeiten, wie sie wohl gelegentlich Vorkommen können; aber im Grunde weder ein Drama, noch eine Dichtung überhaupt. Es ist nichts als eine ziemlich rohe Topographie, Darbietung des Nackten und Tatsächlichen, ohne irgendein verklärendes oder versöhnendes Moment. 2. Ein seltsames, unbegreifliches Stück. Ebenso unverständlich in seinen Vorgängen wie in seiner Sprache. Was in dem Stück vorgeht, habe ich trotz aller Aufmerksamkeit bei der Lektüre nicht vollständig begriffen. Judith wird in sehr jungen Jahren — nach unseren Begriffen noch ein Kind — einem Alten vermählt, der sie nicht zur Frau macht. Sie sehnt sich mach dem Mann. Währenddessen wird Jerusalem von Nebukadnezar bedrängt; Judiths Namensgatte stirbt, sie geht von Sehnsucht nach dem Mann getrieben in das feindliche 0 Die Familie Großglück. Komödie in drei Akten von Schalom Asch. S. Fischer Verlag, Berlin 1909. 2 und 3 Mark. Die jüdische Witwe. Biblische Komödie von Georg Kaiser. S. Fischer Verlag, Berlin. 2.50. 3.50 Mark.' Titus und die Jüdin. Eine Tragödie in drei Akten von Hans Kyser. S. Fischer Verlag, Berlin. 2.50, 3.50 Mark. m