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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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Menschen zu machen", sollte vereint mit Goethes „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" zur Richtschnur ihres späteren Lebens werden. Prinzessin Augusta verstand es, ihre geistigen und künstlej rischen Interessen an den preußischen Hof zu verpflanzen, indem / sie mit Vorliebe die „Ritter vom Geiste" um sich versammelte; die musikalischen Donnerstag-Abende, die intimen Teezirkel | der hohen Frau haben in der Folge gleich den „literarischen f Abenden" der Großherzogin Maria Paulowna von Sachsenj Weimar europäische Berühmtheit erlangt. Mit weitem, freiem Blick hatte Prinzessin Augusta, die damals den Ausspruch tat: „Eine Mutter muß Wächterin am Herzen ihrer Söhne sein", Ernst Curtius zum Erzieher ihres Sohnes gewählt und auch hier ihre Vorurteilslosigkeit bekundet. Die Ereignisse und Folgen des sturmbewegten Jahres hatten die Ernennung des Prinzen von Preußen zum Generalgouverneur der Rheinlande herbeigesührt. Fast acht. Jahre blieb Koblenz die Residenz des fürstlichen Paares, und diese Zeit wur^e^ür Prinzessin Augusta zur Vorbereitung für ihre landesmütterliche Aufgabe, die sie später in so idealer Weise ^erfüllte: dort erössneten sich ihr. neue Gebiete des segensreichsten Wirkens. Damals erhoben sich vielfach tadelnde Stimmen gegen die Prinzessin von Preußen, man zieh sie der Hinneigung zum, Katholizismus, und doch zollte sie. nur der von den Katholiken geübten werktätigen Nächstenliebe die gleiche wohlverdiente Anerkennung, die sie später so oft dem Wohltätigkeitssinne der Juden bekundete. Die schwere Erkrankung König Friedrich Wilhelms IV. rief das fürstliche Paar nach Berlin zurück. Schon vorher im. \ -r Herbst 1856warBerthold Auerbach bei einem Aufenthalt inWeimar. zur Hostafel geladen und dort der zum Besuche in der Heimat weilenden Schwester des Großherzogs, der Prinzessin vom. Preußen vorgestellt worden. 1860 war Berthold Auerbach dauernd nach Berlin übergesiedelt, und bald bahnten sich freundschaftliche Beziehungen zum Hofe für ihn an. Er schrieb an seinen Freund und Vetter Jakob Auerbach in Frankfurt a. M.r „Schon am dritten Tage meiner Anwesenheit wurde ich zur Prinzessin von Preußen gerufen. Ich war bereits fünfmal zum Familientee, wo ich vorlas; der Regent, der junge Prinz, die englische Prinzessin, alle voll Freundlichkeit. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß ein' Schriftsteller, der der liberalpatriotischen Richtung angehört, so sichtlich ausgezeichnet wird." Die Berliner, die deutsche Judenheit fühlte sich in ihrem Lieblinge, auf den sie mit berechtigtem Stolze blickte, hochgeehrt. Prinzessin Augusta hat auch als Königin und Kaiserin Berthold Auerbach bis zu seinem Heimgange unentwegt ihr reges Interesse, ihre gütige Gesinnung betätigt, und König Wilhelm I. hat namentlich in den ersten Jahren seiner Regierung die Vorlesungen von „Edelweiß", „Joseph im .Schnee" und anderen Schöpfungen des Dichters mit warmer Anteilnahme begleitet. Am 17. Juni 1861 berichtet Berthold Auerbach: „Vergangenen Freitag ließ mich die Königin rufen, um mir vor ihrer Reise Lebewohl zu sagen. Sie war überaus liebenswürdig und ich mußte ihr versprechen, auf meiner Schweizer Reise auch nach Baden zu kommen, da die Großherzogin mich kennen lernen will." Wie innig sich in der Folge Berthold Auerbachs Beziehungen zu dem badischen Großherzogspaare gestalteten, ist bekannt. Nachdem der Dichter am 15. Januar 1862 im Königlichen Palais „Edelweiß" vorgelesen hatte, wurde ihm wenige Tage später beim Ordensfest der Rote Adlerorden vierter Klasse verliehen. Wiederholt hat Berthold Auerbach in den sechziger Jahren in Anwesenheit des Königs- und des Kronprinzenpaares in der Singakademie Vorträge gehalten. Nach dem i Erscheinen seines vielbewunderten Romans „Auf der Höhe" 1 , rief ihm die Königin bei einem Hoffest am 13. Februar 1866 ® laut zu: „Ich habe Sie mir expreß herbestellt, um Ihnen meinen Dank und meine Bewunderung auszusprechen." Später schrieb Berthold Auerbach an seinen Vetter: „Die' Königin ließ mir sagen, .sie freue sich, Gutes von mir zu hören und daß ich so fleißig arbeite." . Als in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre jene ge-ü hässige Bewegung gegen die Juden in der Rerchshauptstadt/ sich zu regen begann, die der deutsche Kronprinz als die f „Schmach des Jahrhunderts" brandmarkte, und die Berthold J Auerbachs Gemüt so tief verdüsterte, als die Hochfluten des - Antisemitismus die jüdischen Untertanen zu gefährden drohten, da zeigte die Kaiserin Augusta ihre Gerechtigkeitsliebe in^ schönster Weise. Sie besuchte die jüdischen Kranken-, Alters-» versorgungs- und Waisenanstalten, betätigte den für dasß Allgemeinwohl wirkenden jüdischen Frauen ihre Anerkennung) und beehrte diese alljährlich mit Einladungen zum H Ordensfest. In dem Jubiläumsjahr der goldenen Hochzeit, 1879, war die Kaiserin Augusta von einer unbegrenzten Gebefreudigkeit beseelt und unablässig bestrebt, milde Stiftungen ins Leben zu rufen und wohltätige Anstalten zu unterstützen. Der Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde in Berlin übersandte sie das Bild des Kaisers mit beifolgendem Handschreiben: „Ich freue mich, zu dem 50jährigen Bestehen einer Anstalt glückwünschen zu können, deren Wert ich durch persönliche Kenntnis schätze und die berufen ist, noch in ferneren Zeiten segensreich für die Mitbürger Berlins zu wirken. Ich übersende der Anstalt beifolgend das Bild des Kaisers.;1~ ■ Baden-Baden, den 3. Oktober 1879. Augusta." -Am 26. März 1881 berichtet Berthold Auerbach seinem * Vetter von einer Unterredung mit der Kaiserin Augusta und t ihrer Tochter, der Großherzogin von Baden, bei der keiner | der Beteiligten ahnte, daß es die letzte hienieden sein sollte: j „Ich legte dar, wie tief ich im Gemüte gestört sei durch die Judenhetze; es ist kein Geringes, daß man sich sagen lassen "V muß, man gehöre nicht zu den Deutschen und sei ohne Vaters land. Das muß ich noch erleben, der ich 46 Jahre nach bester Kraft für das deutsche Volk arbeite und im Patriotismus z niemand nachstehe. — Das wurde mir bestätigt, und die Großf Herzogin sagte: ,Glauben Sie mir, diese häßliche Sache ist j nur in Berlin? .Und auch hier ist sie nur vorübergehend', \ fiel die Kaiserin ein und wiederholte, wie unablässig wohlj tätig sich die Juden bewähren, er solle sich nur beruhigen. es würde sich alles wieder schön ausgleichen." j Im September 1887, als die Krankheit des geliebten Sohnes schon trübe Schatten über den Lebenshorizont des greisen Kaiserpaares zu breiten begann, weilte dieses in Stettin und die Kaiserin empfing im Königlichen Schlosse die Vorstände und Delegierten aller Wohltätigkeitsanstalten. In einer Zeit der fanatischen Agitation des Antisemitismus waren auch bei dieser Gelegenheit die Aeußerungen der Kaiserin bemerkenswert, die sie zu den Vertretern der israelitischen Wohltätigkeitsanstalten dort getan hat. „Ich freue mich, daß ich auch hier wieder Gelegenheit habe, meine . vollste Anerkennung Ihres Mohltätigkeitssinns aussprechen zu können. Ich bin Ihren Glaubensgenossen auf diesem Gebiete oft begegnet und habe stets Opferwilligkeit und hingebende Liebe

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