Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · p. Seite 459

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3229001--67812-3280050
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

; Zur Erklärung will ich in aller Kürze auf ein sehr wichtiges Kapitel in der Geschichte der prophetischen Ethik Hinweisen. In Jeremias und'Ezechiels Zeitalter haben die unzufriedenen Elemente im jüdischen Volt den Spottvers gesungen: „Die Vater aßen sanre Trauben, und den Kindern werden die Zähne stumpf," — Das war eine Satire aus die Lehre von der Gerechtigkeit Gottes, die die Sünden der Väter an den Kindern am dritten und vierten Glied heimsucht. Demgegenüber geben die Propheten diesem Satz eine andere Deutung: sie heben die Solidarität der Blutverwandtschaft auf und stellen die Lehre der persönlichen Verantwortung auf. Klar und unzweideutig spricht Jeremia das Wort aus: „In jenen Tagen wird man nicht mehr sagen: die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden! Vielmehr ein jeglicher wird um seiner eigenen Verschuldung willen sterben; wer irgend saure Trauben ißt, dem sollen die Zähne stumpf werden!" (Kapitel 18, 28. 29). Und der Prophet Ezechiel widmet der Frage von der göttlichen Gerechtigkeit das ganze 18. Kapitel. Sein Resultat faßt er so zusammen: „Derjenige, der sündigt, der soll sterben. Ein Sohn soll nicht die Schuld des Vaters mittragen, und ein Vater soll nicht die Schuld des Sohnes mittragen . . . Habe ich etwa Wohlgefallen am Tode des Gottlosen, ist der Spruch des Herrn Adonaj, und nicht vielmehr daran, daß er sich von seinem bösen Wandel bekehrt und am Leben bleibt?" In dieser gemilderten Form besitzen wir das Gesetz von der göttlichen Vergeltung auch im Dekalog. Den Worten: „Denn ich, der Ewige, dein Gott, bin ein eifervoller Gott, der heimsucht die Missetat der Väter an den Kindern bis in das dritte Geschlecht und bis in das vierte Geschlecht," wird noch hinzugefügt: „an denen, die mich hassen" — aber stärker Und wirkungsvoller, sich in die weiteste Ferne erstreckend, ist das Gesetz der Liebe; dieses reicht bis ins tausendste Geschlecht. Wir verstehen jetzt das Strafgericht Gottes über die Generation in der Wüste. In dieser Geschichte wird das Gesetz der göttlichen Gerechtigkeit in prophetischem Geist exemplifiziert: Die Kinder sollen nicht die Schuld der Väter mittragen. So wird die göttliche Gerechtigkeit von der Liebe getragen, von der Liebe durchströmt. Die eine ist nicht denkbar ohne die andere, und beide zusammen drücken das Wesen Gottes aus; denn Gott ist die Liebe und die Gerechtigkeit. (Vergleiche .Psalm 145, 17.) Wir denken hier an Hillels Wort: „Gott, der groß an Gnade ist, neigt am Gerichtstage die Wage "zur .Gnade hin." An ihren heiligsten Festtagen sollen nun die Bekenner Adonajs sich in seine göttlichen Attribute vertiefen und Gerechtigkeit und Liebe in sich ausnehmen, um sich ihres israelitischen Berufs würdig zu erweisen. — Am Neujahrstag, dem Tage des Gerichts, gilt es hauptsächlich, sein Sinnen und Denken der Idee der Gerechtigkeit zu widmen, um mit heiligem Beben die Konsequenzen aus derselben zu ziehen. Allein bei einem ernsten Selbstgericht und bei einer strengen Selbstprüfung wächst unsere Unzufriedenheit mit uns selbst und die alte Klage kommt auch über unsere Lippen: „Wer kann sagen: ich habe mein Herz lauter gehalten; ich bin rein von meiner Sünde?" (Spr. 20, 9). Wir sind demnach alle dem Gericht verfallen! Hier kommt uns unsere Religion zur Hilfe. Sie ruft uns zu: Fasse Mut und wende dich vertrauensvoll an deinen Gott, der da ist ein Gott der Liebe und der Versöhnung i In seiner großen Gnade hat er dir den Tag derVer--! söhnung gegeben, damit du die Offenbarung seiner Liebe an dir selbst verspürst. — Gleich beim Beginn deiner Festesseier tönt dir daher schon die Heilsbotschaft entgegen: Es werde vergeben der ganzen Gemeinde der Söhne Israels und dem Fremdling, der unter ihnen weilt, denn das ganze Volk hat aus Versehen gesündigt. So weit geht die Liebe Gottes, daß sie deine Vergehen als aus Versehen begangen betrachtet. Denn Gott will nicht Gerechtigkeit an dir üben, sondern er will deine Buße, deine Umkehr. Nun liegt es an dir, Israelit, die Konsequenzen aus der Idee der Liebe zu ziehen und sie in deinem Leben anzuwenden. Beurteile daher deinen Nebenmenschen, wie du von Gott beurteilt sein willst. Glaube auch von ihm, daß auch sein Herz nicht der Sünde zustimmt, daß auch er nur in Uebereilung gehandelt. Wer an den Gott der Liebe glaubt, muß ihn mit seinem Leben bekennen. Dir haben deine Propheten die göttlichen Eigenschaften offenbart, nicht um dir eine Theorie der Religion zu geben, sondern um dir ein sittliches Ideal vorzuhalten, um dir den Weg zu zeigen, den 'du zu wandeln hast. Sb gehe denn hin, du Israelit, und feiere deinen Versöhnungstag im Geist deiner Religion, und als Frucht des Tages nimm den Vorsatz mit ins Leben: gottähnlich zu werden, das bedeutet: gerecht und liebevoll zu sein. Das ist der Inhalt deiner Religion! Die Mache. Berlin, 26. September. er Mörder Stolypins, Bagrow, ist, wie vorauszusehen war und wie es ReVeK'ist, zum Tode verurteilt worden. Er ist am 25. September gehängt worden. Man mag mit den armen Eltern, die von den Plänen und Gesinnungen ihres Sohnes nichts wußten, Mitleid empfinden, aber man darf sich keiner falschen Sentimentalität hingeben. Ein Verbrecher — für uns ist das der Mörder — erleidet seine Strafe. Ob er ein Jude war oder ist, danach haben wir nicht zu fragen. Aber wir protestieren wiederholt mit größter Entschiedenheit dagegen, daß die Uebeltat eines einzelnen der Gesamtheit in die Schuhe geschoben wird. Wir kennen keine Solidarität mit Verbrechern. Bisher scheint es ja auch, daß die russische Negierung Entschiedenheit genug besitzt, um Ausschreitungen zu verhindern. Wenigstens find bis zur Stunde keine Nachrichten vorhanden, daß das Verlangen der „russischen Leute", in Kiew oder sonst wo ein Blutbad unter den Juden anzurichten, zur Tat geworden ist. Hoffen wir nur, daß diese Ruhe keine Stille vor dem Sturm bedeutet. Und hoffen wir. ferner, daß unter dem Nachfolger Stolypins, Kokowzow, für unsere Glaubensgenossen in Rußland bessere Zustände eintreten. Es ist nicht zu verwundern, daß bei der Unsicherheit der Lage in Rußland noch mehr Juden als sonst auswandern. Bedauerlich ist es, daß diesen Unglücklichen auf Schiffen des Norddeutschen Lloyd schlechte Behandlung zuteil wird. Wenigstens weiß die „N. I. K." folgendes zu berichten: Infolge der vielen Klagen jüdischer- Auswanderer über 'schlechte Behandlung auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyds hatte 'die Verwaltung der Jüdischen Emigratiottsgesellschaft in Kiew eine Beschwerdeschrift an die Direktion der -genannten SchiffahrtsgeM. schaft gerichtet. In dem Schreiben war unter anderem betont, daß -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.