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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
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jene erschreckende Masse der Indifferenten, die an allem, was. religiös ist, teilnahmslos vorübergehen. Es mag ja zutreffen, daß wir ein gut Teil an ihrer Gleichgültigkeit verschuldet haben; wenn sich aber unser Bestreben, ihnen die Religion im Lichte der Zeit wieder nahe zu bringen, als ein vergebliches Bemühen erweist, so mögen sie weiter zusehen, wie sie ohne Religion auskommen können. Wir haben ihnen dann nichts mehr zu sagen, aber wir stehen gerechtfertigt da vor Gott und Israel. Noch ein anderer Trost ist uns geblieben. Wie wir in allen Zeiten an den Getreuen im Lande einen Rückhalt fanden/) so nehmen wir auch in unseren Tagen mit Genugtuung wahr, wie das Selbstgefühl, das in unserer Mitte solange geschlummert hat, wieder erwacht ist. Nicht im Sinne der Ueberhebung, sondern im Sinne der Unüberwindlichkeit. Man scheut sich nicht mehr, seinen Namen öffentlich zu nennen, und in zahllosen Vereinen finden sich die zusammen, die gegen alle Anstürme der Zeit ihren Namen an Adonaj ketten. Unsere Männer und Frauen wissen wieder, was sie sollen, und weil sie es wissen, begegnen sie mit dem Geiste der Entschiedenheit dem Wankelmut und dem Jndifferentismus ihrer Stammesgenoffen. Aber auch nach außen hin findet ihr Selbstbewußtsein das rechte Wort. Ihr veranstaltet Religionskongresse und j zeichnet Ziele vor, die der Gesamtheit obliegen — wie lange noch wollt ihr wanken und schwanken, uns die geschichtliche Wahrheit zuzugestehen? Warum geht euer Mut nur so weit, uns zu Worte kommen zu lassen, aber nicht mehr so weit, einzugestehen, daß alles, was ihr erstrebt, nichts anderes ist als Judentum? Ein Gott und eine Menschheit! das ist ja die Religion des Judentums. Man hat für unsere Existenz kein Verständnis, und darum gibt es noch keine Verständigung. Wir aber verstehen ' die Völker, und darum harren wir auch der Verständigung. Wie lange noch? fragen wir mit Elia. Und der Prophet Jesaja antwortet uns: Ihr fragt: Wächter, wie weit ist^s in der Nacht? Wächter, wie weit ist's in der Nacht? Der! Wächter antwortet: Es kommt der Morgen, es kommt die -Nacht; wollt ihr mehr wissen, so kommt und fragt ein r andermal.2) Es kommt ein Morgen, und es kommt wieder die Nacht, wir aber harren aus. Wir sind „ein Volk der Ewigkeit/ Wir wissen, daß es der Jahrtausende bedarf, bis die Erkenntnis durchgedrungen ist, daß in der Religion nur der Einzig- Ewige die Menschheit vereinigen kann. , Wenn einst die Baalspropheten und Wahrsager verstummen werden, dann erst werden die Menschen zur Selbstbesinnung kommen, und mit uns gemeinsam werden sie niederfallen und demütig und zugleich jauchzend ausrufen: Adonaj hu haelohim, der Ewige ist Gott, der Ewige ist Gott! Lum Verlöhmmgstsgr. Von Gottlieb Klein-Stockholm. er Abendgottesdienst am Versöhnungstage wird mit folgenden Versen eingeleitet: „Es werde vergeben der ganzen Gemeinde der Söhne Israels und dem Fremdling, der unter ihnen weilt, denn von dem ganzen Volk geschah es aus Versehen. h 1. Könige 19, 18; Jesaja 6, 13; Psalm 16,.3; Chagiga 14a. 2) Jesaja 21. 11 bis 12. Vergib doch die Missetat dieses Volkes nach der Größe deiner Gnade und so, wie du verziehen hast diesem Volke von Aegypten an bis hierher." . Da sprach der Ewige: „Ich vergebe nach deinem Worte." Diese Schriftstellen sind dem vierten Buch Mose entlehnt (Kap. .15, 26 und Kap. 14, 19. 20). Ihre ursprüngliche Fassung hat mit dem Versöhnungstage nichts zu tun. Und doch hätte die „Gemeinschaft Israels" kaum eine bessere Auswahl treffen können, um dem Hauptgedanken des Versöhnungstages Ausdruck zu verleihen. Versuchen wir es, den Gedanken, der in diese Schriftstellen hineingelegt wurde, zu präzisieren. Num. 14 erzählt uns von Israels schwerer Sünde. Gott will das Volk, das ihn verachtet, vertilgen und mit Moses eine neue Volksgeschichte beginnen. Moses aber legt Fürbitte für das Volk ein. Er appelliert an die göttliche Gnade, aber auch an die göttliche Gerechtigkeit. „Und nun erweise sich doch die große Kraft des Herrn, so wie du geredet und gesprochen hast: Adonaj ist langmütig und reich an Gnade, der vergibt Missetat und Uebertretung, der aber nicht ungestraft läßt, der da heimsucht die Missetat der Väter an Söhnen am dritten und am vierten Glied." (Vgl. Ex. 34, 7.) Darauf folgt Mosis Bitte, die sich ausschließlich an die göttliche Gnade wendet, und darauf der Gottesspruch: Ich vergebe nach deinem Worte. Die Vergebung bestand nun darin: Israel wird nicht vertilgt, es soll seiner Bestimmung gemäß das Volk Gottes bleiben und aller Welt Gottes Liebe verkünden, aber auch seine Gerechtigkeit. Gottes Liebe durch Israels Fortbestand, seine Gerechtigkeit durch das Gericht über die feige Generation, die die Wunder Gottes geschaut hat und doch ungehorsam geblieben ist. Der Gerichtsspruch lautet: „Aber wahrlich, so wahr ich lebe und so gewiß die ganze Erde der Herrlichkeit Adonajs voll werden soll, so gewiß sollen alle die Männer, die gesehen haben meine Herrlichkeit und die Zeichen, die ich in Aegypten getan und in der Wüste, und mich nun zehnmal versucht und nicht gehört auf meine Stimme, das Land nicht sehen, welches ich ihren Vätern geschworen habe, alle, die mich verwarfen, sollen es nicht sehen." Zum besseren Verständnis sei folgendes hinzügefügt: Statt „Herrlichkeit Gottes" kann auch „Namen Gottes" und „Wege Gottes" gesagt werden. So werden die Attribute Gottes, seine Gerechtigkeit j und Liebe bezeichnet, wie das aus der vielleicht Inhalts-k reichsten Stelle des Pentateuchs (Ex. 33, 12 ff.) deutlich hervorgeht. Kein Mensch kann Gott sehen. Nur seine „Wege" « können wir erkennen. — Tieferes ist nie und nirgends über H Gott ausgesagt worden. Von dieser Lehre oder von der Herrlichkeit Gottes soll dereinst die ganze Erde voll werden. Diese Hoffnung zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel. Der erste und der letzte Prophet finden nicht Worte genug, sie Israel einzuprägen. Der tiefere Sinn unserer Stelle ist demnach: Durch die göttliche Vergebung der Schuld Israels und durch das Gericht über die Generation in der Wüste soll die Herrlichkeit Gottes in alle Welt verbreitet werden. Wir müssen aber noch einige Worte über das Gericht sagen. Nach Num. 14, 18 und Ex. 34, 7 äußert sich die Gerechtigkeit Gottes darin, daß er heimsucht die Missetat der ' Väter an Söhnen am dritten und vierten Glied, während in unserer Erzählung das Strafgericht Gottes sich nur auf die Väter, nicht aber aus deren Nachkommen erstreckt.

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