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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-29 · Heft 39 (29.9.1911) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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75. Jahrgang Nr. 39 Allgemeine Berlin, 29. September 1911 Lin unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regienmgr-Ratr Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Leitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten d?rch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/^9, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin« Ea, der Stimmführer detz Versöhnungstcigos. Von Dr. M. Levin. — Zum Versöhnungstage. Von Gottlieb Klein-Stockholm. — Die Woche. — D. Wvlsfsohn. — Kaiserin Augusta. Von Regina Reiher. — Drei jüdische Dramen. Von Ludwig Geiger.— Feuilleton: Judenlied. Von Hugo Salus. — Beim Lämpchen. Roman von Peter UjvLri. — Literarische Mitteilungen.-- Büchereinlauf. Der Gemeittdebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums".) Berlin, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Münster i. W., Lüneburg, Darmstadt, Burgkundstadt, Würzburg, Sisek, Kiew. — Von Nah und Fern. lElia, der Stimmkührer des Verlöhnungstages. Von Dr. M. Lev in. s war eine wunderbare Stunde, in der vor zweitausendachthundert Jahren das Volk des Zehnstämmereiches Israel am Berge Karmel eine Versammlung abhielt. Auf der einen Seite stand vor dem Volke der König Ahab im Prunkgewande, umgeben von seinen Baalspropheten; ihnen gegenüber stand ganz allein der Prophet des Ewigen, Elia, im härenenMantel. Er richtete an das Volk eine Anrede: „Wie lange noch wollt ihr wanken und schwanken? Ist Adonaj Gott, so wandelt ihm nach, und ist es Baal, so wandelt dem nach!" Seine Rede erschütterte so gewaltig das Herz des Volkes, daß alle insgesamt niederfielen und einmütig bekannten: „Adonaj ist Gott!" Dieses Bekenntnis ist zum Schlußwort des Versöhnungstages geworden. Von jeher haben friedliche Naturen darüber nachgedacht, wie die Gegensätze, die einmal unter den Menschen hervortreten, zu versöhnen seien. Sahen sie auf der einen Seite den Uebereifer, auf der anderen Seite die Lässigkeit, so sagten sie: Zwei Berge stehen sich gegenüber, ein Feuerberg und ein Eisberg; nähert man sich dem einen, so wird man von den Gluten versengt, nähert man sich dem anderen, so erstarrt man vor Kälte. Was wäre da zu tun? Man halte sich von beiden Extremen gleich weit entfernt, man schlage seinen Weg in der Mitte ein.h So empfahlen sie dem Einzelleben immer den Mittelweg zu wählen: zwischen Verwegenheit und Feigheit die Tapferkeit, zwischen Unbeständigkeit und Eigensinn die Beharrlichkeit, zwischen Leidenschaft und Phlegma die Besonnenheit, zwischen Verschwendung und Geiz die Sparsamkeit, zwischen Genußsucht und Entsagung die Mäßigkeit. So empfahlen sie den Parteien im öffentlichen Getriebe zwischen den Gegensätzen die Kkuft zu überbrücken, und wo es zweckmäßig erscheint, namentlich *) Jerus. Chagiga II. dort, wo ihnen gemeinsame Feinde drohen, Kompromisse zu schließen. Der Mittelweg, den man auch den goldenen genannt hat, mag wohl bei der persönlichen Lebenshaltung und im öffentlichen Parteileben ratsam erscheinen, *) aber er geht nicht mehr an, wo es sich um Wahrheit handelt. Hier gibt es keinen Mittelweg, hier gibt es nur einen Weg, der der rechte ist; hier heißt es: entweder — oder! Adonaj oder Baal! Wie lange noch wollt ihr von einer Schwelle zur anderen überspringen? Wie lange noch wollt ihr zwischen zwei Seiten ' hin und her hinken, einmal hierhin, ein andermal dorthin? Ist Adonaj Gott, so wandelt ihm nach, und ist es Baal, so wandelt dem nach! Ein Lebensweiser sagte einmal: Wenn ich eine Devise hätte, so sollte sie nicht lauten: das Schöne, das Wahre, das Gute, sondern das Wahre und nur das Wahre — mag das Güte und das Schöne selbst sehen, wie es dabei wegkommt. Wahrhaftigkeit ist die Ehre des Menschen, und Wahrheit ist die Vorbedingung für die weiteren Ideale. „Wahrheit ist das Siegel Adonajs",2) dagegen sind die Lüge, das Phantom, der Wahn die Blendwerke Baals. Mit der Wahrheit finden wir als das Gute: Liebe und Gerechtigkeit, mit der Lüge üben wir Haß und Unrecht, Gewalt und Unterdrückung. Mit der Wahrheit finden wir als. das Schöne die Harmonie, die Würde, die Freiheit, mit der Lüge erwählen wir das Erkünstelte, Widernatürliche und Kriecherische. „Wehe denen, diel sich weise dünken, wenn sie Böses gut und Gutes böse nennen, 1 die Finsternis als Licht ausgeben und Licht als Finsternis, \ Bitteres als süß und Süßes als bitter."3) Mögen sie immerhin über gut und böse geteilter Ansicht sein oder sich gar „jenseits von gut und böse" stellen; mag man über schön und häßlich mannigfache Gesichtspunkte geltend machen: zwischen wahr und falsch, da gibt es keine Vermittlung, keinen Kompromiß, keinen Ausgleich; hier heißt es: entweder — oder! Adonaj oder Baal! Zu aller Zeit gab es Wankende und Schwankende, die einen Halt erst dann gewannen, als der persönliche Vorteil in Frage kam. Dem Eigennutz gegenüber bleibt jede Belehrung ohne nachhaltige Wirkung. Das Volk am Karmel wußte wohl, daß Baal nichts ist als eitel Rauch und Dunst, und doch ging es mit dem Könige, weil es ihm Gewinn brachte. Selbst ein Elia hatte nur einen Augenblickserfolg. Auch wir haben einen Kampf zu führen mit den Wankenden und Schwankenden, die bald dem einen recht geben, bald dem anderen, die bald zu Gott Zuflucht nehmen, bald zu den Wahrsagern und Falschmünzern. Und dazu noch h Aboth d. R. Nathan 28. 2) . ©afcbot 5:1a. ») Jesaja 5. 20-21.

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