Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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75. Jahrgang Nr. 38 ' - ff Berlin, 22. September 1911 BrUgge zur „Allgemeinen Leitung drK Zudentumß". Oorrelpondenssm und KaÄrichtrn '• Deutschland. 8. Berlin, 17. September. Dieheutige erste Repväsentanten- Sitzung nach den Ferien sah. die Gemeindevertreter erholt und gekräftigt wieder säst vollzählig .beisammen. Der Vorsitzende, Herr Louis Sachs, widmete nach einer kurzen Begrünung der Erschienenen . zunächst dem verstorbenen Mitglied 'Geheimrat Senator einen sehr wärm empfundenen Nachruf. Er rühmte die großen Verdienste, die der Verstorbene als Arzt und Gelehrter besessen, und hob die weit umfassende. Tätigkeit hervor,' die- Senator trotz seiner immensen Berufspflichten im Plenum wie in verschiedenen Verwaltungskommissionenfür alle bedeutsamen Fragen entfaltet hatte. Mit besonderem Nachdruck betonte er die unverbrüchliche-Treue des Verewigten zum Judentum/ der gegenüber er alle Vorteile materieller und ideeller Natur .in den Hintergrund hatte treten lassen. Der Vorsitzende verlas dann das Dankschreiben der Angehörigen Senators für die ehrenden Worte, die er. (Redner) am Gra.be des Verblichenen gesprochen hat. Alsdann verlas er noch ein Schreiben des Herrn Geheimen.Justizrats Timendorfer, in welchem derselbe sich von den Repräsentanten verabschiedet und seine Mitwirkung in der Gemeinde als seine angenehmste Lebens erinnerung bezeichnet. Hierauf trat die Versammlung in die Tagesordnung ein- Zunächst wurden einige Zuwendungen debattelos angenommen, und zwar: die Zuwendung des Herrn Wilhelm B ra u-n im Betrage von 1000 Mark zur Begrün düng einer StiftungAron Braun und Frau Louise geb. Wolf, mitder.Maßgabe, daß die StiftuNgserträgnisse zu wohltätigen Zwecken verwendet werden, die Zuwendung, der. Frau Rosa Ho rwitz geb. Aschenheim im Betrage von.'1000 Mark für arme Wöchnerinnen ohne .Unterschied der Konfession, uyd . ferner die Vermächtnisse der Frau Berta Friedländer und der Frau Agnes Lehmann geb. Demuth zu Grabeserhaltungszwecken... — Zu einer sehr ausgedehnten Debatte gab das Schreiben, des Rabbiners Dr. Rosenthal in Köln Veranlassung, mit welchem er die von ihm auf die Berufung zum Rabbiner der Berliner. Gemeinde erteilte Zusage zurückzieht. Inder den Repräsentanten vorliegenden motivierten Vorlage hat der Gemeindevorstafld den unerwarteten Schritt des Herrn Tr. Rosenthal an der Hand einer Schilderung dev mit ihm geführten Verhandlungen, päher beleuchtet. Der- Vorstand weist daraufhin, daß zu Beginn der persönlichen Verhandlungen unter voller Zustimmung-des Herrn Dr. Rosenthal.festgestellt wurde,, daß die Verhandlungen unter der Voraussetzung geführt würden,, daß er die ernste Absicht habe, einem Rufe, unserer: Gemeinde,' sofern erüber die- Bedingungen .einig würde, zu folgen,--und daß er nicht etwa - in Köln bleiben - wolle,, wenn ihm die dortige Gemeinde gleiche -oder bessere Bedingungen bieten würde,' Aufgrund dieser unzweideutigen Klarstellung wurden alle weiteren Verhandlungen vom Gemeindevorstand geführt.- Nach Normierung des.Dienstalters und der Gehaltsskala .folgte die/ Mitteilung desHerrn Dr. -Rosenthal, daß er dem ehrenvollen Rufe unter den gestellten- Bedingungen Folge zu leisten' gewilltsei und das neue Amt x^arn .1, Januar 1912 antreten werde; er behielt -sich nur -noch eine Rücksprache . und -Vereinbarung Über die Einzelheiten seiner künftigen Amtspflichten für seine nächste Anwesenheit in. Berlin Eyde August vor. Es wurde-:ihm - der vollständige Entwurf der Bestallung übermittelt, und am 11. Juli erklärte sich der Rabbiner mit allen wesentlichen Punkten dieser Urkunde einverstanden. -Her-Gemeindevorstand erklärte sich bereit, die endgültige. Feststellung.der,- Vertragsbedingungen - bis Ende August aufzuschieben, machte,jedoch daraus aufmerksam, daß 'bis dahin der Änstellungsvertrag noch. nicht zustande gekommen -seinwürde und vorher auch die zur Anstellung erforderliche Genehmigung derStaats-, behörde nicht eingeholt.werden könnte. Datraf am 24. Juli ein - Schreiben/ des.- Herrn-'-?D?r<-.R ofh a-l-.-ein, worin er seine. Zusage zur Annahme der auf ihn gefallenen Wahl zurückzieht. In diesem Schreiben weist Herr Dr. Rosenthal darauf hin, daß. er dem seit der Stunde der ehrenvollen Berufung in ihm von Tag zu Tag sich steigernden inneren Kampf und dem im gleichen Maße wachsenden Drängen seiner Gemeinde, sie nicht zu verlassen, nicht die Stärke -fühle, Widerstand zu leisten. Er bittet, es menschlich verstehen zu wollen, daß er in der großen Aussicht, in Berlin wirksam zu sein, die: diesbezüglichen Verhandlungen zu einem ihn völlig befriedigenden Abschluß habe kommen lassen, und daß doch die vollzogene" Tatsache für ihn selbst einen ungeahnt schweren Kämpf heraufbeschworen hübe und die Verwaltung der Kölner Gemeinde und ihre Mitglieder zu den redlichsten Anstrengungen, ideeller und materieller Natur, ihn zu halten, veranlaßt hätten. Er schließt sein Schreiben mit der Versicherung, daß die Tatsache, .in Berlin zum .Rabbiner auserkoren gewesen zu sein, für ihn nach wie vor einen Höhepunkt seines amtlichen Lebens und Vollbringens darstelle. In einer motivierten Vorlage hebt der Gemeindevorstand unter Bezugnahme auf das eben erwähnte Schreiben hervor, daß es wohl menschlich zu begreifen sei, daß Herrn Dr. Rosenthal die ideellen Bande schließlich unwiderstehlich festhielten, . obwohl er auch mit dem inneren Kampfe Hätte abgeschlossen haben müssen, bevor er die Verhandlungen soweit führte. Unverständlich sei es dagegen, daß auch Gründe materieller Natur noch in diesem Stadium der Verhandlungen von Einfluß auf seine Entschließung sein konnten. Allerdings sei Herr Dr. Rosenthal vom rechtlichen Gesichtspunkt aus sicherlich noch immer zum Verzicht auf das ihm angetragene Amt befugt gewesen. Im Hinblick auf den vorgerückten Stand der Verhandlungen und ganz besonders auf die zu deren Beginn von ihm abgegebene Erklärung müsse, indessen sein Verhalten alshöchst bedauerlich bezeichnet werden. Nach unseren sonstigen Erfahrungen, so schließt die .Vorlage des Gemeindevorstandes, dürfen wir. uns der Erwartung hiygeben, daß dieser Fall als Ausnahme zu betrachten ist und sich bei künftigen Berufungen nicht wiederholen wird. In der sich, anschließenden Debatte machten sich sämtliche Redner den Standpunkt des. Gemeindevorständes zu eigen. Der Referent, Herr Justizrat Dr. Ignaz Cohn, wies darauf hin, daß die Stellung eines Rabbiners eine ganz besondere sei, die sich nicht mit der eines anderen Gemeindebeamten vergleichen lasse. Wenn man dem Stande der Rabbiner solche Ehre angedeihen lasse, so müsse man auch verlangen, daß der Stand, ebenso der Gemeinde gegenüber auftrete. Wenn die .Rabbiner soerhebliche Rechte, wie jetzt z. B, das Vetorecht, für sich in Anspruch nehmen wollen, so müßten sie auch danach handeln. Er glaubt, in aller Narnen erklären zu können, daß die Gemeinde Berlin zu stolz sei und zu hoch stehe, um zu bedauern, daß Hexr Dr. Rosenthal nicht nach Berlin komme. Daß ein solcher Fall sich nicht wiederhole, liege im Interesse des von allen hochverehrten Rabbinerstandes. HerrDirektorDr.Minden hält es für unmöglich, in öffentlicher Sitzung zum Ausdruck zu bringen,? wie die Gemeindevertreter das Verhaltendes Herrn Dr. Rosenthal verstehen. Es.hätte erwartet werden können, daß Herr Dr^ Rosenthal sich selbst soweit kenne und seine eigene Meinung soweit beherrsche,- daß er sich nicht auf diese Weise von seinen Gefühlen hin- und herwerfen lasse. Er freut sich, konstatieren zu können, daß ohne Ausnahme und ohne Unterschied in. der religiösen^ Richtung alle Gemeindevertreter darin einig seien, den ganzen. Zwischenfall aufs tiefste zu bedauern. Herrn Aron Hirsch regt an, ob es nicht möglich sei, um gegen derartige Eventualitäten geschützt zu sein, mit den Gemeindebeamten etwa Eventualverträge abzuschließen,■, wie dies bei geschäftlichen Transaktionen . üblich, sei, wenn die Verhandlungen schon? eine bestimmte Form angenommen hätten. Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Julius Jacobtz, hält es nicht für zulässig, mit einem Rabbiner einen Vertrag abzuschließen, wie dies im geschäftlichen Lebenüblich sei. Er., (Redner) sei der Meinung, daß die Gemeinde froh sein könne, einen solchen.Mann, nicht zum Rabbiner zu bekommen. Herr Jüstizrat Dr. Veit Simon geißelt