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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-09-22 · Heft 38 (22.9.1911) · p. Seite 453

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
Seite 453 (sequence 9)
Language
German
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Freistaäten Amerikas ein Anhänger, der äußerstem Reform wurde Md .dennoch die alte Treue seinem Judentum bewahrte/ stand in seiner russischen.Jugendzeit — die allein den Inhalt seines Lebens' ausmachte —auf dem Boden des positiven Judentums. . Sein Wirken mußte einer ganz bestimmten historischen Situationgelten und kann nur aus dieser heraus gewürdigt werden. Im Rahmen der gebotenen Möglichkeit, in einer frommen Umgebungwo der überwiegende Teil der jüdischen Bevölkerung unter dem alleinigen. Einfluß der Großrabbiner stand, die über Lehre und Leben bestimmten, konnte kein großzügiges Vorhaben unternommen werden, ohne diese alten Geistesheroen zu Rate und,zur Tat heranzuziehen. Die neue Kultur sollte auch auf konservativer Basis aufgebaut sein. Daß der wohlgemeinte Versuch hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist) > ist in erster Reihe dem Verschulden der Regierung zuzuschreibem , Noch viel schlimmer sind die Verdächtigungen, die sogar ein vornehmes deutsches Blatt („Orient" 1844) S. 50—51) ausspricht. Lilienthal hätte die harM Ukase verschuldet, die Tyrannenmächt. ersann; sie hätten seine Billigung gefunden, um den Juden die Möglichkeit, ihre Religionsvorschriften zu beobachten, aufs härteste zu erschweren. Die Grundlosigkeit derartiger Schmähungen fertigt Dr. Lilienthal in seinem ersten Briefe aus New Jork unter dem 31- Dezember 1845 kurz und bündig mit folgenden Worten ab: Der Herr, dem ich meine Stellung in Rußland geopfert, um dessen heiligen Namen willen ich Brot, Ehre, lebenslängliche Versorgung verlassen habe, und er, der Allvater, dem ich mein Geschick anvertraut, und der keinen verläßt, der auf ihn baut, hat mir in seiner Gnade geholfen und wir einen zweiten großen Wirkungskreis angewiesen. Angelangt hier in diesem Lande der Freiheit und Gleichheit, in dem ich die Juden in einer Stellung gefunden, die ich allen unseren Glaubensbrüdern in den übrigen Weltteilen wünschen möchte — ward ich von den '.dreideutschen Synagogen zu. ihrem L)berrabbiner erwählt, Es ist das erste Rabbinat, das in den Vereinigten Staaten Nordamerikas gegründet wurde. Danke dem Herrn,, der. von neuem mir Gelegenheit gegeben, sein heiliges Wort zu verkünden und zu lehren, h In seiner Artikelserie „Russisch-jüdische Skizzen" läßt er seiner Erbitterung über das den russischen Glaubensbrüdern geschehene Unrecht freien Lauf, schildert wehmütig die rechtlose Lage und die Verfolgungen, und. wälzt mit. inniger.Treue die Schuld VON. UNs äb: . A;: „Die Juden verstanden genau, was hinter den Kulissen verhandelt wurde und schlossen sie sich — wie es die Juden in. nahenden Tagen des Unglücks immer getan haben — ihrem. .Glauben nur um so enger an. Allein eben diese Glaubenstreue bestimmte den Kaiser nur zu noch härteren Maßregeln, da sein Wille und seine Beharrlichkeit keine Hindernisse kennen. Scheingründe sind es, die man Europa in die Augen streut, um mit der Unverbesserlichkeit der russischen Juden die harten Maßregeln zu beschönigen; leere Versprechungen sind es, die man dem. hochherzigen"'Und edelen Montefiore machte — die Juden sollen das griechische Kreuz anbeten, dann ist der Kaiser befriedigt, die getauften Juden mögen dann so schlecht und gut sein als sie wollen. Es ist hart, eine solche Hoffnungslosigkeit als Resultat jahrelanger Versuche ünh Ersahrungen. hinstellen Zu müssen — aber wir sind es uns als Juden schuldig,-hör Der Welt uns zu rechtfertigem Wir müssen den Verdacht von uns abwälzen, als wären die russischen Juden allein der Grund und die Veranlassung zu allen diesen Verfolgungen; wir müssen der Welt zeigen-, haß nicht in der hartnäckigen Aufrechterhaltung gern eingestandener Fehler, sondern in dem Panslavismus der Schlüssel zu allen diesen rätselhaften Maßregeln liegt. Wir sind uns- »Allgemeine Zeitung des Judentums" 1846/Nr. 7, S. 98. die Rechtfertigung vor der Welt schuldig, daß der Fehler nicht an dem Willen unserer Brüder, sondern in der Proselytenwut lag.*) .Unsere jüdische Literatur aus den jüngsten drei Jahrhunderts hat. alle, ihre Koryphäen von dorten (Russisch-Polen)" erhalten, ^und hätten jene.Männer eine wissenschaftliche, kosmopolitisch^ Erziehung erhalten, wir würd:n Tausende von Sternen erster GrößeHuM Horizont der allgemeinen Wissenschaft zählen, denn:ich§habe nirgends einen solchen enormen Reichtum an großen Geistern getrostem Ich. bin aus eigener Anschauung überzeugt, .Daß die russischen ^JuVen,. wenn sie nicht unter einer Negierung ständen, die sie zur griechischen Kirche hinüberzwingen will, sondern unter einer Regierung..'lebtem die sie als Juden zu tüchtigen Bürgern' heränbilden möchte/daß M,, sage ich, in 20 Jahren die deutschen, französischen ^llnd europäischen Juden auf ihrer Bildungsstufe einholen und überflügele würden. Daß dem russischen Juden europäische^ GesittungllW Bildung fremd blieb, liegt nicht in dem Mangel änÄnlaßen: hierzu-! sondern ist in den russischen Verhältnissen * begründet:*..2). Die bloß fünfjährige Tätigkeit LilienthalKm/Rnßlandmachte den Inhalt seines Lebens aus, seine sPätere'B6-K.hrigh Wirksamkeit in Amerika (er starb am. '-5.':ApM/,.1S8L/im Cincinnati) bildete eine zwar reichhaltige, aber- Dhtte -SturiM und Dräng abgeklärte Lebensperiode. Die fünftMahxe- W Rußland, trotzdem der eigentliche Zrvdck--- das.-HchÄMpk-^ I verfehlt war, und die edlen, idealen Vorsätze aM der hauhen Wirklichkeit von Despotenlaunen zerschellen mußtenDchnft.er-- ließen dennoch lichtvolle Streifen, die leuchtenddie- PahN" des Fortschritts erhellten und die -begeisteÄenMnh.üMep. ermutigten. Schon Lilienthals große Reisen warew gewonnene Stationen und Etappen auf dem Siegeszuge: bewMrfklärung, deren Besitz -unverwifcht'. Und - -'urO.WKck6-r Vorzugsweise waren es die hebräischen .-SchMstM.r-^Me' Heroen der jüdischen Aufklärung in Rußland, ---/ die > die Külturbewegung sortsetzten und in Die geeigneten - Bahnen einlenkten. Mit der Kulturentwicklung blieb - /der --Name Lilienthals nach wie vor eng verbunden. Jn -dem neMtdings- : (1010) erschienenen zweiten Band des vusstschenL-M^mmel--. Werkes ,-Pereshitoe"'(Erlebtes), das der Kulturgeschichte.der Juden in Rußland geweiht ist, schreibt S. Rosenseld^ . Der Kampf zwischen Aufklärung- und aÜ'em7'7JubentMHMnR: seine Personifizierung iu deu zwei bedeutenden Dr. Lilienthal und R. Israel/ Salanter. . Diese berdeU kündeten zwei' Losungen-und sn-jedemäußerte'^fich^-eineöglW^'iDW'^.- anschauung. Die Parole Lilienthals lautete: Mrkenne^ die JrSlöett! Rabbi Israel verkündete: Erkenne^dich selbst!' ein und deßseWen Zeit treten sie beide hervor -und begannen innerhalb der Jhoen Litauens zu wirken, ein jeder im Geiste seinerRichtung». Während Lilienthal die Unwissenheit der damaligen Juden entsetzte, erschreckte Salanter das Streben zum Wissen,, das sich damals im Judentum, hell zeigte. Lilienthal überzeugte die Juden: Geht hinaus aus euxem Einsiedlerleben, werft ab eure - Abgeschlossenheit-: und schauet hist, wie groß und schön die Welt ist, welche voreuch - liegt. und eurerharret! Und sein ^Antipode Salanter ..predigte:, ^nae.nt.Ki^v.ett^'f. zentralisiert alle eure.Gedanken und Gefühle, nach. Mneuselbst. .u^d, ihr werdetersehen, wie elend und nichtig die Welt ist! .Lilienthal. sprach darüber, daß man den alten Kern des Judentums mit neuen Aufschlägen zusammenpaaren muß . und: mit 'neuen Ideen veredeln,- Salanter lehrte, daß man das Originälw'eseu derJudenheit von - jedem Zuscitz reinigen' muß; Lilienthal strebte dieüntellektuelle Sphäre' zu entwickeln und üuszudehnen, Salanter die Sphäre' der Gefühle zu vertiefen; Lilienthal ermittelte den - Weg Dahin;-um den ' Juden' menschlich aüfzufassen- Salanter suchte nach Mittelnüm; den. Menschen im Juden zu vergöttern. Die Bahn'LilieUthals..führte^ von Osten, gen Westen hin, Salanter ging in entgegengesetzter: Dichtung vom Westen nach dem Osten. Sie standen, gegeuseititz iin Doller. *) ^Allgemeine Zeitung des Judentunfs" 1848. Nr.: )t5». 232,. '2) „Jbid" ,1847, Nr. 15. ’ ' V

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