Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wahrlich nicht, zu Willen werden. Nur wem die religiöse Intuition kein seltener Gast ist, der sich, erzogen hat,^mit ihrer Hilfe die Gotteswelt in sich zu erleben, nur der kann die Weihe der Bußzeit voll empfinden und ihr großes Ziel, den Sieg der Gotteswelt Wen die kleinmenschliche als den wahren Sinn alles Lehens aberkennen. v Darum ist ja die Sabbatidee dem modernen Juden noch | unentbehrlicher als sie unseren Vätern war. Der alte Jude | hat, ebenso wie der frühere Christ, viel mehr intuitiv gelebt als fj der heutige. Der Zug unserer Zeit verringert von Tag zu Tag J die StundeN der Intuition. Während unsere Voreltern keinen § Tag öhne intuitives Leben waren, nimmt heute unsere ganze ß Zeit die Verstandesarbeit gefangen. Früher war der Sabbat I nstr dre FortsetzüNg des Innenlebens, das auch an Werktagen ] nicht gefehlt hat, heute aber, verlören wir noch die Sabbatß idee> wpher sollten wir die Intuition nehmen, bhne die ein z religiöses Leben unmöglich ist? Nur die Stunden echter Sabbat- \ Heiligung können uns die verlorene intuitive Kraft wiedergeben,? indem wir uns an diesem Tage zur Intuition erziehen, durch i die der große Gedanke der Bußzeit,' die Höherschätzung der! Gotteswelt als die Welt des Kleinmenschlichen, in uns allen J Kraft und Leben gewinnen wird. Problem über Problem! - Die Woche. Berlin, 19. September...... m 23. d. M. beginnt der Festmonat, der geeignet ist, das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Juden zu stärken und bei denen, die sonst dem Judentum fern stehen,- das jüdische Bewußtsein zu erwecken. Unseren Lesern entbieten wir zum Neujahrsfeste und den folgenden Feiertagen den besten Glückwunsch. Nicht bloß dem einzelnen, sondern der Gesamtheit. Denn diese Wünsche beziehen sich nicht bloß darauf, daß jeder einzelne die Erfüllung seines Strebens und Sehnens erlange, sondern vor allem darauf, daß die Gesamtheit erstarke. Es steht nicht gut mit den Juden innerhalb und außerhalb Deutschlands. Verfolgungen und Zurücksetzungen sind nachMie vor an der Tagesordnung. Außer barbarischen Vertreibungen und Tötungen, für die Rußland die traurigsten Beispiele^ liefert, Rechtsbeugungen und Kränkungen überall, namentlich in Deutschland.. Man hört ja, . wenn man etwa widerliche Szenen in Borkum und . einzelnen anderen Seebädern ausnimmt, wenig oder nichts von gemeinen Ausschreitungen des rohen Pöbels, aber leider ist auch wenig von Freiheit und Rechtsgleichheit zu spüren. Antisemitische Regungen -zeigen. sich, wenn man etwa England und Italien ausnimmt, überall,' selbst in dem republikanischen Frankreich, in Deutschland aber bleiben nach wie vor viele Berufe den Juden verschlossen, die tiefe Kluft zwischen den Juden und ihren christlichen Mitbürgern erweitert sich eher, als daß sie sich verengt oder gar schließt. Solche Zustände schwinden leider nicht so schnell wie-sie-gekommen. Auch. helfen bloße Wünsche nicht zu ihrer Abschaffung.. Man .muß dem Geiste der. Zeit, der fortschreitenden Erkenntnis, dem Wachstum des Gerechtigkeitsgefühls unter den Menschen vertrauen, daß diese der Humanität hohnsprechenden Anschauungen und Zustände verschwinden. Vör allem jedoch ergeht an uns selbst die Mahnung, nicht müde zu werden in der Verbesserung unserer Sitten, äüszuharren in dem Kampfe für unser Recht und für unsere Freiheit. Daß in dem kommenden Jahre wenigstens der ANsäyg einer solchen Besserung Dxjpüren M das set unser Munsch am Neujahrs tage. Ich war-einige. Wochen in Holjatib, habe indessen,mich wenig um jüdische Verhältnisse kümmern können.^ VyMhnen die Leser zu unterhalten, ist um so weniger nötig^Äks vor nicht länger Zeit Albert Katz seine ErfahrMgMüber W ^tMtiA jüdische Wesen den' Lesern dieser Zeitung mitgeteilt hät^Jch habe die engen Judenstraßen in Amsterdam gesehen, freilich nicht gerade am Vorabend des Sabbat, sondern an einem gewöhnlichen Wochentage, hatte aber an der Enge, dem Schmutze dem widerlichen Feilschen und dem traurigen. -W bev Bewohner gerade genug. Zwei Szenen, die; lebte, waren, wenig erfreulich. Die eine ist das Zusammenströmen unverschämter, kaum loszuwerdender Bettler in dem Vorhose der portugiesischen Synagoge, die andere, die ich im Haag erlebte, entbehrte nicht eines gewissen Humors.: Als ich aus dem Museum kam, wurde ich von einem Juden, der sich als Führer ausgab, mit den hebräischen Worten angeredet: „Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn." Statt ihm wie billig den Rücken zu kehren, antwortete ich mit der Fortsetzung „Wir segnen euch aus dem Hause des Herrn", ließ ihn aber dann schleunigst stehen. Mir liegt es freilich fern, das holländische Judentum nach diesen zwei wenig angenehmen Begegnungen zu beurteilen, aber sie scheinen mir kulturhistorisch nicht ganz uninteressant. Merkwürdiger ist ein Drittes. Mein Wirt in Zandvoort, Gemeindeschullehrer in Amsterdam, erzählte mir, die Schule, an der er angestellt sei, habe unter etwa 300 Schülern nur 20 Christenknaben. Die Folge dieses Ueberwiegens der jüdischen Teilnehmer sei, daß außer an Sonntagen und christlichen Feiertagen auch am Sonnabend und an jüdischen Festtagen der Unterricht ausfalle; für die wenigen christlichen Schüler wäre an diesen Tagen durch Extraunterricht.gesorgt. ' ' , ° ■ * Aus Deutschland liegt kaum etwas Bemerkenswertes vor- Wir geben daher einem Artikel der „Münchener Neuesten Nachrichten" Raum „R ev i si o n d e s b a y e r i s ch e n In d e nedikts von 1813", der, wie die Redaktion bemerkt, von einem wohlunterrichteten israelitischen Laien herrührt. Die durch die norddeutsche Presse gehende offiziöse Mitteilung, daß die preußische Negierung eine Novelle zum Gesetz von 1847 über die preußischen Synagogengemeinden vorbereite, lenkt von neuem bei uns in Bayern .die Aufmerksamkeit aus die völlig veralteten und von der Verwaltungspraxis längst abrogierten Bestimmungen des bayerischen Judenedikts von 1813. Älle Kreise innerhalb und außerhalb des bayerischen Judentums, die sich mit der Handhabung'und Interpretation dieser, nun fast 1O0 Jahre alten, für " ganzandere Zeiten und Verhältnisse erlassenen Normen' zu beschäftigen haben, sind sich längst darüber einig, daß ein Fortwursteln auf Grund des alten Gesetzes und der inzwischen ergangenen widerspruchsvollen und verworrenen Ministerialentschließungen die. Entwicklung der-jüdischen Gemeinden und die Anbahnung friedlicher Verhältnisse zwischen den verschiedenen religiösen Richtungen empfindlich behindert. In übereinstimmenden Darlegungen hat die Presse aller politischen Parteien die Mzulänglichkeit der einschlägigen Rechtsverhältnisse beleuchtet. Auch der Landtag hat sich bei der Beratung des Etats für den israelitischen Kultus mehrfach mit der- Materie befaßt und Abgeordnete aller Parteien haben in der Generaldebatte über die Kirchengemeindeordnung Anlaß^genommen, das Ministerium auf die -Unhaltbarkeit des jetzigen Zustandes, der -für die religiös dissentierenden Mitglieder in . den Großgemein den vielfach - eine. Gewissensbedrängnis, bedeute, .hinzuweisen. -.Der.Minister gab ' in feiner Erklärung, vom 20. Januar 1910 die Revisionsbedürftigreit des Gesetzes